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Flexiblere Arbeitszeiten mit mehr Familienfreundlichkeit: Dafür macht sich die Regierung stark. Die AZ klärt die wichtigsten Fragen zum Thema.
| C. Landsgesell
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Berlin - Flexiblere Arbeitszeiten mit mehr Familienfreundlichkeit: Dafür macht sich die Regierung stark. Die AZ klärt die wichtigsten Fragen zum Thema

Meeting bis 20 Uhr, dann eine Semmel vor dem Computer und bis 22 Uhr am Schreibtisch: Alltag in deutschen Firmen. Doch das soll sich nach Meinung der Regierung jetzt ändern. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder trafen sich am Dienstag zum Spitzengespräch mit Wirtschaft und den Gewerkschaften. Das Thema: familienfreundliche Arbeitszeiten. Gemeinsam mit den Unternehmen will die Regierung das Konzept flexiblerer Arbeitszeiten in Angriff nehmen. Die AZ klärt die Fragen zum Thema.

Wie steht es um die Flexibilität am Arbeitsplatz in Deutschland? Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren 2009 von den etwa 34 Millionen Erwerbstätigen, die ohne Unterstützung von Staat oder Familie auskommen, knapp elf Millionen in Teilzeit beschäftigt. Frauen sind in diesen Modellen mit über neun Millionen deutlich häufiger als Männer (circa 1,6 Millionen). Vor dem Treffen sagte Gesamtmetall-Geschäftsführerin Gabriele Sons, dass „99 von 100 Unternehmen” familienfreundliche Maßnahmen anböten. „96 von 100 haben schon Regelungen zu flexiblen Arbeitszeiten. Die Metall- und Elektroindustrie ist hier im Vergleich zur sonstigen Industrie sogar noch flexibler.” Laut Familienministerin Schröder hätten Untersuchungen ergeben, dass die Arbeitszeitpraxis in vielen Unternehmen an den Wünschen junger Eltern vorbeigehe. So wünschten sich etwa junge Frauen mit 20 Stunden Arbeitszeit, „etwas mehr” zu arbeiten, arbeitende Väter aber „etwas weniger”. „Wir haben in Deutschland Modelle der flexiblen Arbeitszeit, um die wir in Europa fast beneidet werden”, sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Welche Vorteile bringen flexible Regelungen den Unternehmen? „In den nächsten Jahren wird es einen massiven Fachkräftemangel geben”, sagt Robert Obermeier von der IHK. Deshalb müssten sich die Unternehmen möglichst früh eine gute Wettbewerbssituation sichern. „Vor allem in Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf”, sagt Obermeier. „Gerade um die Zahl der erwerbstätigen Frauen in Zukunft zu steigern, muss vor allem im Bereich der Kinderbetreuung noch viel getan werden”, sagt Brossardt. Davon können die Unternehmen profitieren: „Wenn ein Arbeitgeber familienfreundliche Regelungen anbietet, ist das auch ein Vorteil im Bericht der Mitarbeiterbindung und der Motivation”,sagt Obermeier.

Kann man in Teilzeit Karriere machen? Laut einer Studie von Bain & Company bieten 60 Prozent der untersuchten Firmen in Europa, den USA und Asien flexible Arbeitszeitmodelle für Spitzenkräfte an. Interesse daran haben 94 Prozent der befragten Frauen und 78 Prozent der Männer – doch in der Realität sind flexible Modelle nur wenig verbreitet: 46 Prozent der Frauen und nur 25 der Männer nutzen entsprechende Angebote. „In Deutschland gibt es einen großen Nachholbedarf, wenn es um flexible Arbeitszeitmodelle für Fach- und Führungskräfte geht”, sagt Gunther Schwarz von Bain & Company. Doch gerade mit solchen Modellen ließen sich Top-Qualifizierte anwerben und langfristig halten. Familienministerin Schröder forderte einen „Abschied von der Präsenzkultur”. In deutschen Unternehmen herrsche noch immer der Glaube vor, der Beste sei der, der am längsten am Schreibtisch sitze.

Warum nehmen viele Arbeitnehmer die Angebote der Firmen nicht an? Vor allem die Angst vor einem Karriere-Knick befürchten viele: Zu diesem Ergebnis kommt die Studie von Bain & Company. Außerdem lauteten Aussagen in der Befragung, dass die Kollegen meinen könnten, man würde sich vor der Arbeit drücken wollen.

Wie kann es funktionieren? IBM macht es in Deutschland vor: Der Technologiekonzern aus den USA bietet schon länger – nach Vorbild des US-Mutterkonzerns – flexible Arbeitszeiten. So können die Mitarbeiter ihre Arbeitszeit bis zu 15 Stunden pro Woche reduzieren, zu Hause arbeiten oder ihr Arbeitsverhältnis bis zu sechs Jahre ruhen lassen, sei es für die Kinderbetreuung oder für die Pflege Angehöriger.

Von Zuhause aus arbeiten – geht das? Sigrun Eggerling, technische Beraterin bei IBM und Mutter zweier Kinder, hat sich für die 30-Stunden-Woche entschieden. Von ihrer Arbeitszeit verbringt sie 10 bis 15 Prozent zu Hause. Doch aus ihrer Sicht hat dieses Modell Grenzen: „Wenn man zu häufig von zu Hause arbeitet, gehen persönliche Kontakte verloren, das Networking leidet.” Lange gab es die technischen Voraussetzungen für die so genannte Telearbeit in Deutschland nicht. „Das Modell wurde von den Arbeitnehmern nicht gut angenommen”, sagt Brossardt. Außerdem sei das Arbeiten von Zuhause aus in vielen Produktionsbetrieben gar nicht möglich. „Hier gibt es in Zukunft für Arbeitnehmer und Arbeitgeber einiges zu tun, vor allem in den kreativen Berufen dürfte das aber eine Arbeitsform sein, die in Zukunft wachsen wird.” 

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