Endstation Idomeni

Im griechischen Elendscamp eskaliert die Gewalt – die Helfer von „humedica“ ziehen sich aus Sicherheitsgründen vorübergehend zurück.
| Natalie Kettinger
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„Thanks Skopia“ – „Danke Skopje“: Aus Gummigeschossen formen Kinder im Flüchtlingslager von Idomeni diese bitteren Worte.
dpa 7 „Thanks Skopia“ – „Danke Skopje“: Aus Gummigeschossen formen Kinder im Flüchtlingslager von Idomeni diese bitteren Worte.
Viele Menschen harren seit Wochen in Igluzelten aus - direkt neben den Gleisen.
humedica 7 Viele Menschen harren seit Wochen in Igluzelten aus - direkt neben den Gleisen.
"Die Lage ist prekär", sagt Raphael Marcus, Leiter der "humedica"-Katastrophenhilfe.
humedica 7 "Die Lage ist prekär", sagt Raphael Marcus, Leiter der "humedica"-Katastrophenhilfe.
Blieb nach den Auseinandersetzungen im Camp zurück: eine - von etlichen - Tränengasdosen.
humedica 7 Blieb nach den Auseinandersetzungen im Camp zurück: eine - von etlichen - Tränengasdosen.
"Gummigeschosse können töten." Denn im Gummimantel verbirgt sich eine Bleikugel.
humedica 7 "Gummigeschosse können töten." Denn im Gummimantel verbirgt sich eine Bleikugel.
Das "humedica"-Team auf dem Weg zur Arbeit ins Camp.
humedica 7 Das "humedica"-Team auf dem Weg zur Arbeit ins Camp.
Nach den Auseinandersetzungen am Sonntag behandeln die Ärzte auch Verletzungen durch Gummigeschosse und Tränengas.
humedica 7 Nach den Auseinandersetzungen am Sonntag behandeln die Ärzte auch Verletzungen durch Gummigeschosse und Tränengas.

Idomeni - Verzweiflung, Not, Verletzte und immer neue Gerüchte über eine mögliche Grenzöffnung: Die Gemengelage im griechischen Elendscamp Idomeni wird zunehmend explosiver. Seit einige hundert Geflüchtete am Sonntag versucht haben, den Grenzzaun nach Mazedonien zu stürmen, ist die Polizei auf beiden Seiten in Alarmbereitschaft.

Die aufgeheizte Stimmung macht auch denen das Leben schwer, die eigentlich nur helfen wollen: Das Team der bayerischen Organisation „humedica“ zog sich vorübergehend aus dem Lager zurück – aus Sicherheitsgründen.

„Die Situation hier ist prekärer als in manchen Krisengebieten“, sagt Raphael Marcus, Leiter der Not- und Katastrophenhilfe bei „humedica“. „Ich bin gerade am Zaun vorbeigelaufen. Da braut sich schon wieder etwas zusammen“, sagt der Münchner, als ihn die AZ am Dienstagnachmittag auf dem Handy erreicht.

Die Allgäuer Organisation ist mit zwei Ärzten und zwei Krankenschwestern vor Ort, kümmert sich um Kranke und Verletzte. „Ganz in der Nähe von unserem Standort hat die Polizei jemanden festgenommen. Jetzt wollen die Menschen natürlich wissen, warum“, erklärt Raphael Marcus. „Und die Polizei baut Blockaden auf.“

Erst am Sonntag war die Lage dramatisch eskaliert. Ein Flugblatt in arabischer Sprache hatte die rund 12 000 Menschen im Lager dazu aufgerufen, den Zaun zu stürmen.

Wer den Flyer verfasst hat, ist völlig unklar. Die Sicherheitskräfte machen Freiwillige oder Aktivisten dafür verantwortlich.

Für das „humedica“-Team wird die Arbeit dadurch schwieriger. „Das Sicherste für uns ist, akzeptiert zu sein“, sagt Raphael Marcus. Doch die Stimmung könne sehr schnell umschlagen, „gegen die NGOs“. Etwa, wenn sich ein Gerücht wieder als Luftnummer erweist; oder weil die meisten Helfer aus Europa stammen – aus der Region, die den Wartenden den Zugang verwehrt.

Als die Gewalt am Zaun eskalierte, verließen die bayerischen Helfer für mehrere Stunden das Camp, aus Sicherheitsgründen. Erstmals setzte die mazedonische Polizei Gummigeschosse, Blendgranaten und Tränengas gegen die Flüchtlinge ein.

Bei der Rückkehr der Allgäuer Helfer warteten bereits mehrere Verletzte auf sie. „Gummigeschosse können töten, wenn sie zum Beispiel die Schläfe treffen“, sagt Raphael Marcus bitter. „Im Gummi steckt eine Kugel aus Blei.“

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR hat das Vorgehen der mazedonischen Sicherheitskräfte scharf kritisiert. „Gewalt ist unter allen Umständen falsch“, sagte Sprecher Adrian Edwards. „Menschen werden verletzt, Eigentum beschädigt. Es schadet Flüchtlingen und dem Image von Europa.“

Das Hilfswerk sei bereit, bei der freiwilligen Umsiedlung der Gestrandeten von Idomeni in griechische Registrierzentren zu helfen, so Edwards weiter. Doch für die Meisten, die dort seit vielen Wochen ausharren, ist das keine Option. Sie wollen weiter. Nach Europa, nach Deutschland.

Eine Lösung ist nicht in Sicht. „Ich weiß nicht, was passieren wird“, sagt auch Raphael Marcus. „Wir wollen einfach den Menschen helfen. Die Bedingungen, unter denen sie hier leben, sind schrecklich.“

 

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