Eine Lektion für das Land?

In Indien ist das Leben einer Frau wenig wert. Fünf Männern, die eine 23-Jährige vergewaltigt und getötet haben, droht die Todesstrafe
| Vanessa Assmann
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Trauer und Protest: Wie hier in Neu-Delhi gingen viele Inderinnen auf die Straße, nachdem das 23-jährige Vergewaltigungsopfer in einer Klinik in Singapur gestorben war.
dpa Trauer und Protest: Wie hier in Neu-Delhi gingen viele Inderinnen auf die Straße, nachdem das 23-jährige Vergewaltigungsopfer in einer Klinik in Singapur gestorben war.

Indien gilt als aufstrebende Wirtschaftsmacht. Aber das Leben einer Frau ist hier wenig wert. 5 Männern, die eine 23-Jährige vergewaltigt und getötet haben,  droht die Todesstrafe. Der Prozess beginnt am Freitag

NEU DELHI
 Sie sollte es besser haben als so viele ihrer Landsfrauen. Sie durfte die Schule besuchen, sie sogar abschließen und mit der Finanzhilfe der Eltern eine Ausbildung zur Physiotherapeutin machen. Bald wollte sie heiraten. Dann traf sie am 16. Dezember in einem Bus in Neu-Delhi auf sechs brutale Vergewaltiger, von denen fünf am Donnerstag in einem Schnellverfahren wegen Mordes angeklagt wurden. Bereits am Freitag soll der Prozess beginnen.

Der Name der toten 23-Jährigen ist nicht bekannt. Doch seit ihren öffentlich gewordenen Qualen und dem Tod vor einer Woche ist sie zum Symbol geworden für die allgegenwärtige Bedrohung für Frauen in Indien. Ihr Schicksal sorgt landesweit für Empörung – und lässt manche zaghaft hoffen, dass sich jetzt das Blatt für Frauen auf dem Subkontinent endlich wenden möge.

Denn alle Nachrichten über den Wirtschaftsboom können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die weltweit größte Demokratie zu den Staaten gehört, in denen Frauen miserable Lebensbedingungen vorfinden. In einem Ranking der Thomson-Reuter-Stiftung liegt das 1,2 Milliarden-Einwohner–Land auf dem viertletzten Platz – gerade noch vor Pakistan, Kongo und Afghanistan. Vergleicht man lediglich die großen Industrienationen, versammelt in der Staatengemeinschaft der G20, landet Indien sogar auf dem letzten Platz, noch hinter Saudi-Arabien. „Amazing India“, wie es in Werbeprospekten heißt, gilt nicht für Inderinnen.

"Es ist ein Wunder, wenn eine Frau in Indien überlebt"

Das traurige Los der Frauen zeigt sich bereits in den ersten Monaten des Lebens: Ungeborene Mädchen sterben durch Abtreibung schon im Mutterleib – 12 Millionen seit den Achtzigern. Andere werden nach der Geburt getötet. Das grausame Prinzip: Kleine Mädchen sind nichts wert in einem Land, in dem an vielen Orten noch immer hohe Mitgiftzahlungen verlangt werden. „Es ist ein Wunder, wenn eine Frau in Indien überlebt“, sagt Shemeer Padinzijahredil, der die Homepage Maps4aid.com betreibt. Auf dieser Seite werden Verbrechen gegen Frauen dokumentiert. Zahlreich. Und brutal. Das Überleben mag ein Wunder sein. Ein glückliches ist es damit noch lange nicht.

Statistisch gesehen wird jede halbe Stunde eine Frau vergewaltigt, alle sechzig Minuten eine wegen Mitgift-Streitereien ermordet. Beinahe täglich werden neue Fälle bekannt – und bleiben doch oft folgenlos, weil Prozesse verschleppt werden. Ein Mädchen im Teenageralter, das im Bundesstaat Uttar Pradesh mehrfach über mehrere Tage von einem Polizeioffizier vergewaltigt wurde, nachdem er sie aus den Händen von Entführern „befreit“ hatte. Eine Frau, die von einer Männermeute durch ihr Dorf gejagt und mit Eisenstangen zu Tode geschlagen wurde.

Dabei sind vor dem Gesetz Männer und Frauen in Indien gleich, seit 2005 gibt es sogar ein eigenes Frauenschutzgesetz. Das ändert jedoch nichts daran, dass 45 Prozent aller Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden. Ein riesiges Problem ist auch der Menschenhandel: Die meisten der davon betroffenen 100 Millionen Inder sind Frauen und Mädchen. „Frauen werden weiter wie Vieh verkauft, mit zehn Jahren verheiratet, lebendig verbrannt oder wie Sklaven gehalten“, meint Gulshun Rehman vom Hilfswerk Save the Children. Gewalt sei an der Tagesordnung. Und sie wird erschreckenderweise akzeptiert. Eine Studie im Auftrag der Regierung ergab, dass 54 Prozent der Frauen es gerechtfertigt finden, wenn ein Mann seine Frau schlägt. Unter den Männern sind es 51 Prozent.

Die Täter versuchen noch, die Frau zu überfahren

Doch jetzt scheint in Indien ein Damm gebrochen. Bislang hat noch kein Verbrechen eine ähnliche Reaktion hervorgerufen wie das jetzige. Da ist die Tatsache, dass das Vergewaltigungsopfer mit seinem Lebensweg für das neue Indien stand. Und da ist zum anderen die außerordentliche Brutalität, mit der die sechs Vergewaltiger ihr Opfer malträtierten. Beschrieben in der 1000-seitigen Anklageschrift, auf die indische Medien ihre Schilderungen stützen. Begonnen hatte es mit einem Roadtrip. Ein Busfahrer, der sich mit fünf Freunden, darunter ein Gemüsehändler und ein Fitnesstrainer, betrank und planlos durch die Stadt fuhr.

Nach Stunden treffen sie auf ein Paar auf dem Heimweg vom Kino, es sind die 23-jährige Studentin und ihr 28-jähriger Freund, ein Informatiker. Die beiden steigen ein, zahlen umgerechnet 20 Cent für die Heimfahrt. Als der Informatiker sich beschwert, dass der Weg nicht der richtige sei, schlagen ihn die Männer bewusstlos. Die Frau will ihrem Freund helfen, doch sie wird selbst zum Opfer. Die Männer vergewaltigen sie, misshandeln sie mit einer Eisenstange. Nach einer Stunde entledigen sie sich ihrer Opfer: Während der Fahrt werfen sie die beiden – nackt und aller Wertsachen beraubt – aus der Tür. Schließlich versuchen sie, die Frau zu überfahren, doch der Freund kann sie im letzten Moment von der Straße ziehen.

Am Samstag soll der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter beginnen. Fünf sind wegen Mordes angeklagt, ihnen droht die Todesstrafe. Diese wurde seit den Neunzigern erst drei Mal in Indien vollstreckt. Der sechste Mann kommt womöglich vor ein Jugendgericht, in physischen Tests soll geklärt werden ob er tatsächlich unter 18 Jahre alt ist, wie er angibt.

Wann das Urteil fällt, steht noch nicht fest. Viele Demonstranten haben angekündigt, dass sie auch danach weiter für mehr Frauenrechte kämpfen wollen. Für mehr Urteile gegen Vergewaltiger. Für neue Gesetze. Einige haben bereits vorgeschlagen, dass ein neues Vergewaltigunsgesetz am Ende den Namen der getöteten Studentin tragen sollte. Dazu befragt, sagte ihr Vater der „Times of India“: „Wenn es ein strenges Gesetz ist, hätten wir nichts dagegen. Ihr Tod hat unheilbaren Schaden angerichtet, aber ihr Kampf könnte eine Lektion für das ganze Land sein.“

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