Der Übervater: Die Linke nach der Ära Oskar

Der Parteitag nimmt Abschied vom sichtlich bewegen Übervater, und der zelebriert noch sein Vermächtnis. „Macht’s gut. Macht’s besser“. Viel Vertrauens-Vorschuss für die neue Spitze
von  Abendzeitung
Oskar Lafontaine hat sich wieder einmal verabschiedet
Oskar Lafontaine hat sich wieder einmal verabschiedet © dpa

ROSTOCK - Der Parteitag nimmt Abschied vom sichtlich bewegen Übervater, und der zelebriert noch sein Vermächtnis. „Macht’s gut. Macht’s besser“. Viel Vertrauens-Vorschuss für die neue Spitze

Er stand zweimal an der Spitze einer Bundespartei, er war Kanzlerkandidat und Bundesfinanzminister: Am Wochenende hat sich Oskar Lafontaine wieder einmal verabschiedet, dieses Mal wohl endgültig. Die Linke hat sich auf ihrem Parteitag eine komplett neue Spitze gewählt – und von ihr hängt ab, wie sich die bundesdeutsche Parteienlandschaft entwickelt: Versinkt die Linke ohne Übervater Oskar in der Bedeutungslosigkeit? Gewinnen die Radikalen die Oberhand in dem Vakuum? Oder schaffen es gerade jetzt die Pragmatiker, die Partei auf Koalitionskurs zu trimmen – und damit dauerhaft ein Fünf-Parteien-System zu etablieren?

Der Abschied ging ihm sichtlich nahe. Seine letzte Rede zelebrierte Lafontaine nochmal mit einer solchen Verve, als müsste er persönlich morgen eine Bundestagswahl gewinnen. Spannte den ganz großen Bogen von der Französischen Revolution bis heute. Warf Rot-Grün in einem etwas gewagten Bild vor, den Haien den roten Teppich ausgerollt zu haben. Zog sichtlich zufrieden Bilanz, was aus der Partei geworden ist: innerhalb von nur drei Jahren in 13 Landtagen vertreten, davon sieben im Westen, zweitstärkste Opposition im Bundestag noch vor den Grünen. „Wir sind die erfolgreichste Gründung in der Bundesrepublik!“ Was Gysi und Co. 15 Jahre vergeblich versucht hatten, gelang dem früheren SPD-Chef: Er formte aus der PDS und der Anti-Hartz-IV-Truppe WASG eine Partei, die bundesweit zum Faktor geworden ist.

Minutenlang brandet Jubel auf. Gregor Gysi sagt: „Oskar, ohne dich gäbe es uns nicht. Deswegen danke.“ Da fehlt dem furiosen Rhetoriker diesmal die richtige Geste. Verlegen und sichtlich gerührt zuppelt er an seinem Jackett herum, sagt dann: „Macht’s gut. Macht besser.“

Dann wird die neue Doppel-Spitze gewählt – mit einem unerwartet großen Vertrauensvorschuss: Die Ostberliner Haushalts-Fachfrau Gesine Lötzsch (48) holt mit 92,8 Prozent ein Rekordergebnis, das selbst Lafontaine nie erreicht hat. Und auch ihr Co-Vorsitzender, der bayerische Gewerkschafter Klaus Ernst (55), schneidet mit 74,9 Prozent weit besser ab als gedacht. Nach den Querelen, dem Rauswurf von Geschäftsführer Dietmar Bartsch und auch frisch beflügelt vom NRW-Ergebnis mit den neuen Machtoptionen soll nun offenbar so viel Harmonie wie möglich verbreitet werden. Lötzsch sagt es denn auch deutlich: „Es ist zu wenig, die Regierung nur kritisch zu begleiten. Wir wollen das Land wirklich verändern.“ Also: mitgestalten, mitregieren.

Ob sie sich durchsetzt, ist aber längst nicht ausgemacht. Das Worst-Case-Szenario: Ohne die Klammer Lafontaine driften die immer noch nicht recht zusammengewachsenen Blöcke wieder auseinander, im Westen setzen sich Querulanten durch, für die sich selbst die Berliner Parteispitze fremdschämt. Die Best-Case-Variante: Der Abschied des Übervaters muss einer Partei nicht schaden – die Grünen stehen ohne Joschka Fischer in Umfragen so gut da wie noch nie. Und die Person Lafontaine war lange das Hindernis für Bündnisse mit der SPD, er hat die Partei auf Anti-Kurs eingeschworen. Jetzt wäre Luft für Pragmatiker. tan