Der Kirchen-Kampf um den Fall Mixa

Reaktionäre gegen Liberale, Aufklärer gegen Vertuscher – und einige alte Rechnungen: Um den Fall Walter Mixa entzünden sich beispiellose Konflikte in der katholischen Kirche.
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Bischof Walter Mixa besuchte den Papst
dpa Bischof Walter Mixa besuchte den Papst

Reaktionäre gegen Liberale, Aufklärer gegen Vertuscher – und einige alte Rechnungen: Um den Fall Walter Mixa entzünden sich beispiellose Konflikte in der katholischen Kirche.

HIMMELSPFORTEN Inmitten von Weinbergen, auf der linken Mainseite bei Würzburg, liegt das Kloster Himmelspforten. Nicht immer ein idyllischer Ort. Ein Militärlazarett war hier untergebracht. Jetzt werden wieder Wunden gesalbt. Unter dramatischen Umständen treffen sich seit gestern im „Exerzitienhaus“ 27 deutsche Bischöfe. Nie zuvor in der Geschichte der Republik hat sich die Kirche eine solche Schlammschlacht geliefert. Es geht um Sex, Alkohol, Lügen, Eitelkeit und Macht. Im Mittelpunkt steht der Augsburger Ex-Bischof Walter Mixa. Die Front um ihn verläuft völlig unübersichtlich.

Es ist nicht nur ein Kampf der „Reaktionäre“ gegen die „Liberalen“ in der deutschen Kirche. Es ist auch eine Schlacht zwischen den „Aufklärern“, die in der katholischen Kirche nichts mehr unter den Teppich kehren wollen, vor allem beim Thema sexueller Missbrauch, und den „Vertuschern“, die die Mauer des Schweigens nicht einreißen wollen.

Dazu kommen Nebenscharmützel mit falschen Beratern und falschen Freunden. Und Kleinkriege mit alten Kameraden, die über Mixa lange Bescheid gewusst, aber nichts dagegen unternommen haben.

Hinter verschlossenen Türen wollen die Bischöfe darüber beraten, wie sie aus dieser katastrophalen Lage wieder herauskommen. Schon lange war bekannt, wie Mixa mit fremden Geld, Alkohol und jungen Priestern umging. Vor allem eine Zeugenaussage wird bei den Bischöfen die Runde machen, die die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ ins Internet gestellt hat. Ein Urlaubserlebnis mit Mixa, der mit einem jungen Pfarrer sein Zimmer teilte. Der sagte: „Ich möchte jetzt zum Schwimmen gehen.“ Mixa: „Bleib doch hier, ich brauche jetzt deine Liebe.“ Der junge Pfarrer: „Ich bin doch nicht schwul.“ Mixa: „Aber ich doch auch nicht.“ Der junge Pfarrer: „Was aber ist dann gestern Abend passiert?“ Mixa: „Das ist mir im Überschwang meiner Gefühle passiert.“

Das Gesprächsprotokoll soll sich in einer „Akte Mixa“ befinden, die am 27 April an den päpstlichen Nuntius in Berlin und dann nach Rom gegangen ist. Wurde über Mixas Alkoholabhängigkeit bisher nur gemunkelt, wird er inzwischen öffentlich als „Spiegeltrinker“ bezeichnet, der an Realtätsverlust leide und Lügen verbreite.

So strickt Mixa nun an seiner Dolchstoßlegende. Der Papst sei mit dem falschen Missbrauchsvorwurf, er habe einen Minderjährigen verführt, dazu gebracht worden, sein Rücktrittgesuch zu unterschreiben. Eine Lüge: Der Papst hat unterschrieben, weil Mixa einräumen musste, Kinder geschlagen und Gelder veruntreut zu haben.

Mixa geht jetzt gegen die Bischöfe los, man habe ihm keine Pause zugestanden. Eine Lüge: Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx hatte ihm persönlich vorgeschlagen: „Walter, mach doch eine Pause.“ Erst sagte Mixa zu. Als Marx auf dem Weg nach München war, rief Mixa an: „Ich mache keine Pause.“

Mixa behauptet, keiner habe mit ihm geredet. Bei den deutschen Bischöfen heißt es, dass sei eine Lüge, es habe viele Gespräche Einzelner mit Mixa gegeben.

Der Vatikan schweigt über die „Akte Mixa“. „Der Papst hat natürlich seine Entscheidung zum Rücktritt Walter Mixas auf der Basis von Informationen getroffen“, erklärt Vatikansprecher Padre Federico Lombardi. „Woher er diese bekommen hat, ist jedoch zweitrangig.“

Der Präsident desZentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, befürchtet inzwischen einen „schwerem Schaden für Mixa und die katholische Kirche“. Mixas Interview hätten zu einer „neuen Eskalation“ und einer „vergifteten Situation geführt“. Es herrsche eine „unerträgliche Atmosphäre von Verdächtigungen und Vorwürfen“. Bei den Bischöfen hofft man auf ein Ende mit Schrecken, um einen Schrecken ohne Ende zu vermeiden. Bei den Aufklärern heißt es, man müsse jetzt durch das Bittere durch, nur dann sei eine Reinigung der Kirche gegeben. Viel schlimmer wäre es, wenn man Mixa gewähren ließe und er bleiben dürfe. Angela Böhm

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