"Der Islam ist derzeit weltweit die homophobste Religion"

Der Berliner Theologe und Publizist David Berger (48) über das Verhältnis der Religionen zur Homosexualität.
| Timo Lokoschat
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Omar Mateen, der Attentäter von Orlando, sympathisierte mit der Terrormiliz Islamischer Staat.
privat Omar Mateen, der Attentäter von Orlando, sympathisierte mit der Terrormiliz Islamischer Staat.

AZ: Herr Berger, wie homophob ist der Islam?

In den Schriften der drei großen Offenbarungsreligionen – Christentum, Judentum und Islam – finden sich für unser heutiges Verständnis extrem homophobe Aussagen. Entscheidend ist aber, wie die Religionen damit umgehen. Während das Judentum die homosexuellenfreundlichste Religion ist, sich das Christentum liberalisiert, befindet sich der real existierende Islam im Rückwärtsgang. Er ist derzeit weltweit die homophobste Religion.

Woran erkennen Sie das?

Zum Beispiel daran, dass in fast allen Ländern, in denen Homosexualität mit dem Tod bedroht wird, der Islam die herrschende Religion ist, die Scharia das Rechtssystem prägt. Bei islamistischen Gruppen gibt es eine geradezu genüssliche Verfolgungsjagd auf Homosexuelle, die mit Folter und Hinrichtung endet. Die Sympathien für homophobes Gedankengut reichen aber auch bis in die Türkei, wo heute eine Tageszeitung getitelt hat, dass in Orlando „50 Perverse“ ermordet worden seien. Und in Berlin predigt eine als liberal geltende Muslimgemeinde, dass der Genuss von Schweinefleisch homosexuell mache.

Auch die katholische Kirche hat homophobe Tendenzen...

Und dafür habe ich sie auch oft kritisiert. Es ist aber ein Unterschied, ob das Sakrament der Ehe für Homosexuelle abgelehnt wird – wie übrigens auch von unserer Kanzlerin – oder Menschen von Häusern gestürzt werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass im Vatikan ein Schwuler auf den Palazzo geführt, hinuntergeworfen und unten von einer aufgebrachten Menge gesteinigt worden ist.

Sie haben im Zuge der Flüchtlingskrise vor Homophobie bei Migranten gewarnt. Wird dieses Problem nicht gesehen?

Man wollte es nicht sehen, inzwischen ist es besser geworden. Lange gab es die Tendenz, die Migranten als „gute Wilde“ zu interpretieren, die ein bisschen naiv seien und es ja nicht besser wissen könnten. Das ist eine positive Diskriminierung, die mit echter Toleranz und Integration nichts zu tun hat.

Wer sieht es denn so?

Oft die Homosexuellenverbände selber. Das Argument lautet dabei: Als Randgruppe dürfen wir keine andere Randgruppe diskriminieren. Wer mit den schwulen und lesbischen Beratungsstellen spricht, erfährt hinter vorgehaltener Hand, dass Beschimpfungen und Gewalt gegen Homosexuelle sehr oft von Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund ausgeht. Öffentlich gesagt wird das leider kaum.

In Russland und auf dem Balkan ist Homophobie weit verbreitet – das sind aber keine islamisch, sondern christlich geprägte Länder.

Auch hier spielt eine zurückgebliebene Religionsinterpretation eine Rolle. Hinzu kommen kulturelle Eigenheiten, ein anderer Männerbegriff. Apropos: Die große Schwester der Homophobie ist immer auch die Frauenfeindlichkeit.

Was kann die Politik machen?

Bei der katholischen Kirche habe ich jahrelang dafür plädiert, dass man den Missbrauch klar benennt, damit sich Dinge ändern können. Genauso ehrlich und offen muss man sagen, dass es ein großes Problem mit Homophobie bei Muslimen gibt. Das zeigen auch viele Studien. Statt Appeasement wünsche ich mir von der Politik mehr Weitsicht – übrigens auch von den Kirchenvertretern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor einigen Monaten für mehr Religiosität als Reaktion auf fromme muslimische Einwanderer plädiert.

Eine religiöse Aufrüstung auf allen Seiten wäre keine gute Entwicklung – dann sind wir halt auch wieder fanatisch und haben irgendwann Zustände wie in Nordirland. Ein säkularer Staat, die klare Trennung von Staat und Kirche ist wichtig für ein friedliches Zusammenleben.

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