"Das halte ich für rassistisch": Warum es in Freibädern immer wieder zu Gewalt kommt
München - Immer wieder kommt es in deutschen Freibädern zu Gewalt. Im Berliner Columbiabad lief die Situation derart aus dem Ruder, dass das Bad geschlossen werden musste und erst nach einer Woche mit aufgestocktem Sicherheitspersonal wiedereröffnet wurde.
In der Politik wird hitzig über mögliche Maßnahmen debattiert. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann fordert schnellere Verfahren: Wer Menschen im Freibad angreife, müsse noch am selben Abend "vor dem Richter sitzen und abgeurteilt werden". Gewaltforscher Alexander Yendell erklärt im AZ-Interview, warum das genau der falsche Weg wäre und was er stattdessen empfehlen würde.
Gewalt in Freibädern: "Grundsätzlich kein neues Phänomen"
AZ: Herr Yendell, Freibäder sind eigentlich ein Ort zum Erholen. Warum kommt es ausgerechnet dort zu Gewalt?
ALEXANDER YENDELL: Man muss erst einmal dazu sagen, dass das grundsätzlich kein neues Phänomen ist. Das hat es früher auch schon gegeben. Ein Faktor ist, dass die Jugendlichen dort ja nicht unter elterlicher Aufsicht stehen. Und es kommt hinzu, dass Freibäder ein Ort zum Toben für Kinder und Jugendliche sind. Da kann schnell etwas passieren, dass man sich beispielsweise anrempelt. Das kann dann zu Eskalationen führen, besonders, wenn Jugendliche in einer größeren Gruppe sind.

Aber das erklärt vermutlich noch nicht, wie es zu solchen Zuständen wie in Neukölln kommt, oder?
In der Tat. Wir haben in einer Studie untersucht, wie es zur Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen von 14 bis 16 Jahren kommt. Dabei haben wir Persönlichkeitsmerkmale, das elterliche Erziehungsverhalten und ob die Jugendlichen selbst Gewalt erlebt haben, abgefragt. Bei den Persönlichkeitsmerkmalen ist die sogenannte Dunkle Triade relevant. Dahinter steckt Narzissmus, also der sehr starke Wunsch nach Bewunderung und Anerkennung. Außerdem "Machiavellismus", das bedeutet, dass man seine eigenen Interessen mit allen Mitteln durchbringt. Und als dritter Faktor Psychopathie, also eine starke Empathielosigkeit, Kaltblütigkeit und Impulsivität. Diese drei Merkmale haben einen Effekt auf die Gewaltbereitschaft.
Erziehung, Traumatisierung und Gruppenzwang als Ursache für Gewaltbereitschaft
Welchen Einfluss hat das Erziehungsverhalten?
Die Erziehung hat einen Effekt auf diese drei Merkmale. Fehlende emotionale Wärme, harte Strafen, aber auch Überbehütung und Kontrolle durch die Eltern wirken sich auf die Dunkle Triade aus und fördern diese Eigenschaften. Wenn Kinder selbst Gewalt erleben und beobachten, führt das aber auch oft dazu, dass Kinder und Jugendliche gewaltbereiter werden. Wenig Liebe und eine unsichere Bindung zur Familie sind entscheidend. Auch das Thema Traumatisierung kann eine Rolle bei der Gewaltbereitschaft spielen. Diese Rahmenbedingungen plus situative Faktoren können zu Gewalt führen. Und es gibt dann auch noch Gruppenphänomene: Wenn die anderen das machen, mach' ich das auch.
Macht Hitze die Menschen aggressiver?
Das kann ein Faktor der Überlastung sein. Aber: Die meisten Jugendlichen, die günstige Erziehungsbedingungen haben oder hatten, schlagen nicht einfach andere Leute.
Gewalt in Freibädern nimmt zu: Welche Rolle spielt Migration?
Es gibt viele Stimmen, die einen anderen kulturellen Hintergrund als Ursache der Gewalt sehen. Liegt es auch daran?
Der Migrationshintergrund ist nicht der entscheidende Faktor, sondern die Rahmenbedingungen, unter denen Jugendliche aufwachsen. Ein Beispiel: Bei den sechs deutschen Männern auf Mallorca, die eine Frau vergewaltigt haben sollen, fragt auch keiner nach dem Migrationshintergrund. Der Faktor Migrationshintergrund taugt wissenschaftlich überhaupt nicht zur Erklärung. Worüber man aber diskutieren kann, ist, inwieweit patriarchale und autoritäre Gesellschaften eine Rolle spielen. Man muss aber auch sehen: Das war vor 70 Jahren in Deutschland auch nicht anders. Es war ja lange Zeit auch nicht verboten, seine Kinder zu schlagen.
Es wird auch von sexuellen Übergriffen in Freibädern berichtet. Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Bademeister Peter Harzheim sieht in der "Emma" hierin auch den Migrationshintergrund als Ursache. Hat er recht?
Das halte ich für eine rassistische Aussage. Man bringt das ja immer in einen religiösen Kontext. Die Bibel ist, was Gewalt betrifft, auch nicht besser als der Koran. Das lenkt aber von den eigentlichen Ursachen ab.
Wie sollte man denn mit der Situation umgehen? CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann fordert Schnellverfahren und härtere Strafen für die Täter. Würde das was bringen?
Nein. Das ist genau der falsche Weg. Natürlich muss man Straftäter, die die Gesellschaft gefährden, wegschließen. Aber man muss an den Ursachen arbeiten und Prävention betreiben. Leider ist es bei manchen einfach zu spät, da kann man nicht mehr viel machen. Ich bin überzeugt, dass man in Soziale Arbeiter investieren sollte, die konkret auf Familien von jugendlichen Tätern zugehen und mit denen sprechen.
Wenn die Gewalt im Freibad Überhand nimmt: "Überlegen, ob man solche Plätze meiden sollte"
Derzeit muss man seinen Ausweis vorzeigen, die Besucherzahl wird begrenzt und es gibt mehr Aufpasser. Ist das der richtige Weg?
Kurzfristig muss man das so machen, die Leute wollen ja friedlich ins Schwimmbad. Langfristig hilft nur konsequente Prävention im Kinder- und Jugendalter. Aber das dauert lange. Insofern ist es ein Dilemma.
Kann man die Ereignisse mit den Unruhen in den französischen Banlieues vergleichen?
In Frankreich ist die Situation politisch geworden durch die Polizeikontrolle und die schon lange währende Benachteiligung dort. Es gibt zwar Parallelen, aber es ist eigentlich nicht vergleichbar.
Wie sollte ich mich verhalten, wenn eine Horde von Jugendlichen neben mir ins Becken hüpft, drängelt oder auf mein Badetuch läuft und wenn eine latente Aggression spürbar ist?
Das ist eine Abwägung. Man kann das Personal im Schwimmbad informieren, wenn man Gewalt befürchtet. Im Zweifelsfall sollte man sich überlegen, ob man solche Plätze nicht eher meiden sollte – so traurig das ist.
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