Corona-Krise: Münchnerin in China über das deutsche Handeln

Eine in Peking lebende Münchnerin berichtet, wie erstaunt Chinesen über Disziplinlosigkeit in Deutschland sind – und was sie seit Ausbruch der Corona-Krise so erlebt.
| Interview: Klaus Sterzenbach
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Nur mit Maske: Angelica Schwab vor dem Himmelstempel Tiantán in Peking.
Tina Heinzel Nur mit Maske: Angelica Schwab vor dem Himmelstempel Tiantán in Peking.

Angelica Schwab lebt aus beruflichen Gründen mit ihrem Mann und zwei Töchtern (16 und 13 Jahre) seit Juli 2019 in Peking.

Das, was in Deutschland im Zeichen von Corona gerade anläuft, kennt Angelica Schwab seit Monaten. In einem Telefon-Interview berichtet die Münchnerin von ihrem Alltag in der chinesischen Hauptstadt Peking (21,5 Millionen Einwohner) – mit massiven Einschränkungen, aber auch mit positiven Erfahrungen.

Nicht von ungefähr steckten in "Weiji", dem chinesischen Wort für Krise, sowohl die "Gefahr", als auch die "Chance". In Deutschland ist es 12 Uhr, in Peking 19 Uhr. Während des Interviews kommt ihr Mann nach Hause, er arbeitet als Manager für einen deutschen Automobilkonzern.

AZ: Wanshàng hao nach China, wie geht es Ihnen in Peking?
ANGELICA SCHWAB: Uns geht es allen gut, keiner ist krank. Aber wir sind seit Ende Januar angehalten, freiwillig zu Hause zu bleiben. Was bedeutet das genau? Mein Mann macht regelmäßig Homeoffice, weil die Büros nur noch zu 50 Prozent besetzt sein dürfen, aber wir dürfen das Haus verlassen, etwa zum Einkaufen. Wir verabreden uns schon mal draußen mit Freunden und machen eine Fahrradtour – so etwas ist hier sonst eher stressig. Aber jetzt gibt es kaum Verkehr, überhaupt sind nur wenige Menschen unterwegs. Zu Hause dürfen wir aber keinen Besuch empfangen.

Fährt die U-Bahn noch?
Der Betrieb war hier nie still gelegt, auch die Busse fahren. Allerdings gibt es kaum Fahrgäste, weil sich alle an die freiwillige Quarantäne halten, obwohl wir ja immerhin 1.000 Kilometer von Hubei entfernt sind. Die Schulen sind im ganzen Land seit dem 3. Februar geschlossen, dann machten auch die Geschäfte zu, aber Lebensmittel gibt es überall und ohne Engpässe.

Schwab: "Zeitlicher Vorsprung wurde wohl nicht genutzt"

Gab es bei Ihnen nicht diese Hamsterkäufe?
Ich habe so etwas nicht erlebt. Die Chinesen sind sehr diszipliniert, jeder macht mit. Alle tragen Atemschutzmasken – und das seit dem ersten Tag, als man von dem Coronavirus erfahren hat. Dass es in Deutschland angeblich "Corona-Partys" gibt, kann man sich hier nicht vorstellen. Überhaupt wundern wir uns ein wenig über das, was in der Heimat so läuft.

Was meinen Sie damit?
Die einen haben ihre Schule geschlossen, andere nicht – solche Dinge. Bei Ihnen läuft es so langsam und unkoordiniert an, der eine macht dies, der andere das. Hier gab es zuerst nur Empfehlungen, aber sofort haben etwa Kultureinrichtungen freiwillig geschlossen. Dann kamen strenge offizielle Maßnahmen, die aber jeder für richtig hielt. Wir sehen natürlich Nachrichten aus Deutschland oder von der BBC – da wurde über China berichtet, als ob einen selbst das Virus gar nicht betreffen könnte. Dass der zeitliche Vorsprung wohl nicht genutzt wurde, finden wir etwas rätselhaft – und, ehrlich gesagt, auch ein bisschen arrogant. Das extreme Verhalten der Chinesen wurde doch ziemlich kritisch beäugt – aber am Ende hat es funktioniert! Natürlich auch, weil alle sich an die Vorgaben gehalten haben.

Man hört aber von sehr rigiden Maßnahmen in China.
Ja, es wird zum Beispiel beobachtet, ob sich Menschen bestimmte Medikamente kaufen. Wer in die Apotheke geht, muss sich registrieren und seinen Ausweis zeigen. Eine Frau hat sich neulich ein einfaches Kopfschmerzmittel besorgt. Innerhalb kürzester Zeit wurde ihr Arbeitgeber darüber informiert, denn die Unternehmen sind dazu angehalten, den Gesundheitszustand ihrer Mitarbeiter zu kontrollieren und sie gegebenenfalls zu melden.

Corona-Krise in China: Fiebermessen am Shopping-Center

Gibt es Straßenkontrollen?
Man wird kontrolliert, wenn man etwa ein Einkaufszentrum betritt. Da wird gemessen, ob man Fieber hat. Wer jetzt nach China einreist, muss, zumindest in Peking, für zwei Wochen in eine Art "Corona-Hotel", wo es eine sehr streng überwachte Quarantäne gibt. Und man muss das auch selbst bezahlen. Im Moment ändert sich die Lage nämlich so, dass China die größere Ansteckungsgefahr jetzt durch einreisende Ausländer sieht. Wir wohnen in einem Viertel, wo wir uns an einem Gate als Anwohner ausweisen müssen, aber die Leute sind freundlich, man kennt sich und hilft sich untereinander.

Was machen Sie den Tag über?
Die Kinder werden online unterrichtet. Wichtig ist, seinen Tag zu strukturieren. Mein Chinesisch-Kurs per Video-Chat bringt mir sogar mehr, als der klassische Unterricht. Ganz wichtig ist, sich nicht gehen zu lassen. Es hilft wirklich, sich ordentlich anzuziehen, auch wenn man gar nicht raus geht. Wir tauschen Kochrezepte aus, wir lesen viel, man hat Zeit für Dinge, die sonst zu kurz kommen. Und man erlebt wirklich, wie alle zusammenhalten, hier ist sehr viel Solidarität und keine Panik. Nicht von ungefähr besteht "Weiji", das chinesische Wort für Krise, aus zwei Zeichen – das eine steht für Gefahr, das andere für Chance. Das ist keine Phrase, das erleben wir wirklich.

Ist ein Ende des Ausnahmezustands absehbar?
Das öffentliche Leben scheint jetzt ganz langsam zurückzukommen, aber ein Ende der Einschränkungen ist für uns noch nicht absehbar. Wir warten ab und versuchen weiter, das Beste daraus zu machen. Trotz der vielen Probleme sind wir wirklich sehr beeindruckt, wie die Chinesen mit der Situation umgehen.

Zum zweiten Mal hintereinander seit Ausbruch des Virus Anfang Januar hat China keine lokalen Neuinfektionen mehr gemeldet. Allerdings stieg erneut die Zahl der Infizierten, die aus dem Ausland zurückkamen. Wie die Pekinger Gesundheitskommission am Freitag mitteilte, wurden 39 neue "importiere Fälle" registriert.

Lesen Sie hier: Ausgangssperren in Bayern - Was ist jetzt noch erlaubt?

 

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