Brauchen wir noch Feminismus - Die große AZ-Debatte

Nach dem Streit von Frauenministerin Kristina Schröder mit Frauenkämpferin Alice Schwarzer dikutieren AZ-Politikredakteurin Anja Timmermann und AZ-Kolumnistin Ponkie über alten und neuen Feminismus.
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Anja Timmermann, AZ-Redakteurin
Ronald Zimmermann 2 Anja Timmermann, AZ-Redakteurin
AZ-Kolumnistin Ponkie, 84, drei Kinder
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Nach dem Streit von Frauenministerin Kristina Schröder mit Frauenkämpferin Alice Schwarzer dikutieren AZ-Politikredakteurin Anja Timmermann und AZ-Kolumnistin Ponkie über alten und neuen Feminismus.

AZ-Politikredakteurin Anja Timmermann:

Das Feindbild Mann langweilt. Wirklich. Die Aussage von Kristina Schröder, dass eine Frau aus der Partnerschaft mit einem Mann Glück ziehen kann, ist nicht zwingend eine „Unterstützung der rechtskonservativen Herrschaft“, wie Alice Schwarzer reflexhaft aufheult. Oh mei, Alice! Schröder hat doch nicht gefordert, dass sich die Frau unterwirft, alle eigenen Pläne aufgibt und fürderhin nur noch dem Manne zu Diensten ist. Man hätte meinen können, dass diese Schablonen einigermaßen passé sind.

Bei allem – wirklich großen – Respekt vor dem, was die Frauenbewegung erreicht hat, was für Kämpfe sie durchgestanden hat: Man muss nicht alle Schlachten nochmal schlagen. Es gibt genug anderes zu tun.

Die Gesellschaft hat sich geändert, Frau Schwarzer; und mittlerweile haben selbst die meisten Männer kapiert, dass Frauen natürlich genauso viel wert sind und genauso viel können.

Nein, es sind nicht alle Menschen gleich: Es gibt dumme, schlaue, dicke, dünne, mathematisch und musisch begabte. Natürlich: Sie alle sollten die gleichen Chancen und Rechte haben; aber bitte nicht nur in der ewigen Leier, alles auf xx- und xy-Chromosom zu fokussieren, sondern genauso, wessen Mutter von Hartz IV lebt und wessen Vater in Kurdistan geboren ist.

Lasst uns halt hinschauen, wer wo eben nicht die gleichen Chancen hat, aber bitte, bitte ohne die alte Frontstellung „Böse Männer gegen arme Hascherl“. Natürlich müssen Frauen für den gleichen Job das Gleiche verdienen wie Männer. Aber vielleicht haben sie manchmal andere Prioritäten.

Ein Schulfreund, der zielstrebig BWL und Informatik studiert hat, hat heute seinen Sportwagen vor der Tür stehen (wobei er den bei seinem 16-Stunden-Tag selten fährt). Mir war der Spaß an der Arbeit wichtiger.

Und klar: Bei 16 Stunden kann man nicht auch noch eine Familie managen. Aber dass man nach zehn Stunden Dauerarbeit nicht mehr so gute Ideen hat wie davor und abendliches Showsitzen im Büro wirtschaftlich ineffizient ist, wird sich mit der Zeit bei noch mehr Männern rumsprechen. Sie sind ja lernfähig.

Die Gesellschaft wandelt sich, und das ist gut so. Aber wir brauchen keine Mann-Frau-Grabenkämpfe, sondern Lösungen.

Deutschland hat eine Kanzlerin, das hat Frau Schwarzer anfangs mal gefeiert – und nun kräht schon seit Jahren kein Hahn mehr danach, so oder so. Ehrlich gesagt, lieber wär’ mir ja jemand Gutes auf dieser Stelle.

Anja Timmermann

AZ-Kolumnistin Ponkie:

Dringend brauchten wir den Feminismus in den Zeiten einer auf spießbürgerliche Restauration versessenen Wirtschaftswunder-Gesellschaft – genauso dringend wie die Achtundsechziger, um der Nix-gewusst-Generation unserer Eltern und Großeltern die Köpfe durchzulüften. Der Feminismus war eine Bewegung der längst fälligen Bedürfnisse an Gerechtigkeit und Logik – und dass Alice Schwarzer damals extrem laut und bissig wurde, kam daher, dass keiner sonst zuhörte: Frauen mussten verdammt schrill werden, um die Männer aus ihrem konservativen Privilegien-Bewusstsein zu kippen.

Zum Glück funktioniert die alte Macho-Masche heute nicht mehr so direkt. Wir geben gerne zu, dass sich das Klima grundsätzlich verbessert hat. Dass die blöden Herrenwitze nur noch peinlich wirken und die Blondinensprüche nur noch von unbedarften Hanswursten verzapft werden. Dass Frauen längst für hochqualifizierte Berufe taugen, ist ebenfalls bekannt. Und dass Mädchen fleißiger und bescheidener sind als Knaben, liegt vermutlich an den jahrhunderte-alten Diskriminierungs-Unsitten der Mädchenerziehung, durch die das Weib auf Ehe- und Dienstleistungs-Gehorsam getrimmt wurde.

Die Überreste dieser männlichen Herrschaftsprinzipien werden indessen, trotz Elternzeit und wachsendem Vaterbewusstsein, immer noch praktiziert: Männer verdienen für gleiche Arbeit mehr Geld, und wer Kinder versorgen muss, hat im Zeitdruck der modernen Arbeitswelt mit Zitronen gehandelt.

Wenn wir dann noch die Sexualität dazurechnen samt Pille und abenteuerlichen Männerträumen vom weiblichen Orgasmus, dann hatten wir den Feminismus bitter nötig, und wir können froh sein, wenn sich langsam (der Fortschritt ist eine Schnecke!) doch etwas verändert.

Nur ist das ganz bestimmt nicht das Verdienst konservativer Karriere-Tanten wie der CDU-Frauenministerin Kristina Schröder, die Angst hat, dass vernachlässigte „Jungs" nicht genügend gefördert werden, aber selbst eine Nutznießerin feministischer Aktivitäten ist. Frauen wie Schröder haben profitiert vom Feminismus, aber nichts kapiert von den Entwicklungen seit Simone de Beauvoir. Und sie sind prägend für das reaktionäre Frauenbild in bestimmten Medien, in den Soaps und Telenovelas des Fernsehens mit den romantisch nach Traumhochzeiten und Eheglück lechzenden sehnsucht-schmachtenden Lifestyle-Tussis.

Ponkie

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