Bespitzelt und verfolgt für seine Nazi-Kritik: Münchner Historiker würdigt Kämpfer gegen das Vergessen

Nazi-Richter in bundesdeutschen Gerichtssälen? Reinhard Strecker prangert das bereits in den 50er-Jahren an. Ein Münchner Historiker erläutert seine historische Bedeutung.
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1961: Streckers Ausstellung wird in München eröffnet. Das Foto zeigt Strecker rechts und Joel Brand. Dieser war später Kronzeuge der israelischen Anklage im Prozess gegen den ehemaligen SS-Führer Adolf Eichmann in Jerusalem.
1961: Streckers Ausstellung wird in München eröffnet. Das Foto zeigt Strecker rechts und Joel Brand. Dieser war später Kronzeuge der israelischen Anklage im Prozess gegen den ehemaligen SS-Führer Adolf Eichmann in Jerusalem. © IMAGO/United Archives / kpa Keystone

Wahrscheinlich kennen seinen Namen nicht mehr viele. Er war kein Nazijäger wie Simon Wiesenthal, er war kein Ankläger wie Fritz Bauer: Am Anfang war Reinhard Strecker einfach ein Student, der Unrecht benennen wollte. Und das war Ende der 1950er-Jahre ein Affront, mehr noch: eine Bedrohung. Nicht nur für die Betroffenen, sondern für den jungen Staat. Für so gefährlich wurde der Endzwanziger gehalten, dass man ihm den BND auf den Hals hetzte. Ihm – und seinen Kindern. Nun ist der frühe Kämpfer gegen Nazi-Juristen, die nach dem Krieg ihre Karriere fortsetzten, im Alter von fast 96 Jahren in Berlin gestorben.

1959, vor nahezu 70 Jahren, war Strecker Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds. Und er stammte aus einer Juristenfamilie. Und: Er sah Unrecht. Während Hans Frank, höchster Richter im NS-Staat, bei den Nürnberger Prozessen 1946 zum Tode verurteilt worden war, übten Tausende der Terrorherrschafts-Richter ihr Amt auch nach dem Krieg weiter aus.

Blick in den Verhandlungssaal der Nürnberger Prozesse 1945.
Blick in den Verhandlungssaal der Nürnberger Prozesse 1945. © DB

"Moralisch war und ist das zweifellos fragwürdig", sagt Magnus Brechtken der AZ. Der Geschichtsprofessor und stellvertretende Direktor am Institut für Zeitgeschichte in München hat Strecker noch persönlich kennengelernt. "Zugleich war die Situation der Zeit so: Es gab zunächst kaum andere Personen, die mit vergleichbarer Qualifikation die Vielzahl dieser Positionen hätten ausfüllen können. Die meisten der ehemaligen NS-Funktionseliten passten sich nun dem neuen 'Belohnungssystem' der parlamentarisch-demokratischen Bundesrepublik an. Das änderte nichts daran, dass viele von ihnen vor 1945 Dinge getan hatten, die in hohem Maße verwerflich waren."

"Das hielt ich für idiotisch"

Das focht Strecker, der anders als sein Vater und Großvater nicht Jurist werden wollte, sondern Sprachen studierte, an. "Wenn ich in Deutschland bleiben sollte, musste sich das Land ändern. Dass man mit den alten Verbrechern die Demokratie aufbauen konnte, hielt ich für idiotisch. Ich musste etwas dagegen tun", sagte er 2019 der Deutschen Welle. Und er wählte für seinen Protest die große Bühne: Er initiierte die Wanderausstellung "Ungesühnte Nazijustiz", die von 1959 bis 1962 zu sehen war – sogar in Großbritannien und den Niederlanden. Gezeigt wurden Dokumente aus ausländischen Archiven, auch der DDR, die belegten, wie NS-Juristen ihre Karriere in der Bundesrepublik fortsetzten – und was sie vor 1945 verbrochen hatten. Skandal!

Die Freie Universität in West-Berlin 1958. Hier studierte Strecker.
Die Freie Universität in West-Berlin 1958. Hier studierte Strecker. © IMAGO/United Archives / kpa Keystone

Nein, nicht die Karrieren der Juristen machten den Skandal aus, sondern ihre klare Benennung. "Die Mehrheit wollte persönlich nicht an ihr Versagen erinnert werden und schon gar nicht öffentlich darüber sprechen oder sich gar zu Erklärungen genötigt sehen. Der Wille zur moralischen Ehrlichkeit war kaum entwickelt, man wollte Beschweigen und scheute Offenheit und Ehrlichkeit", erläutert Historiker Brechtken die Situation in der Adenauer-Ära. Dazu kam der Kalte Krieg. DDR und Sowjetunion interpretierten die Bundesrepublik "als direktes Nachfolge-Regime des Nationalsozialismus", so Brechtken.

"Also vereinfacht gesagt: Adenauer war in dieser Interpretationslinie nichts anderes als ein Nachfolger Hitlers und ein Instrument des Finanzkapitals, das der sozialistischen Revolution im Wege stand." Und: "Entsprechend waren nach dieser Lesart auch die Funktionseliten der Bundesrepublik nichts anderes als die Nazis von früher, die in dieser Interpretation einfach ihre Karrieren fortsetzten und die Revolution und den Weg zum Sozialismus/Kommunismus aufhielten."

Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, aufgenommen am 23.08.1957.
Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, aufgenommen am 23.08.1957. © Richard Kroll

Wer also auf Altnazis mit BRD-Karriere hinwies, geriet schnell als vermeintlicher BRD-Feind unter Kommunismusverdacht. Streckers Ausstellung geriet zwischen die Fronten, so Brechtken. In der Wahrnehmung der Betroffenen und des Staates sei der junge Student "ein willfähriges Element der kommunistischen Gegner im Osten, die die Bundesrepublik zerstören wollten", gewesen. Umso größer muss man wohl Streckers Verdienst einschätzen. "Mit seiner Ausstellung trug er dazu bei, der Bundesrepublik die eigenen Schwächen der Nicht-Analyse vor Augen zu führen. Streckers Ausstellung bewirkte also, dass die Bundesrepublik und insbesondere die Funktionseliten sich den unbequemen Fragen stellen mussten, ohne dass man damit gleich die Existenz der Bundesrepublik insgesamt infrage stellte."

Prof. Dr. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte.
Prof. Dr. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. © Jürgen Heinrich via www.imago-images.de

Aufklärung – die habe Strecker geleistet. Damit stand er ganz am Anfang eines Prozesses, der immer noch nicht abgeschlossen ist. "Die Aufarbeitung der juristischen Kontinuitäten hat noch Jahrzehnte gedauert. Streckers Ausstellung wurde adaptiert und fand langsam Anerkennung, aber die wissenschaftliche Aufarbeitung beispielsweise des Bundesjustizministeriums fand erst nach 2010 statt", gibt Historiker Brechtken zu bedenken.

Auch der Historiker Norbert Frei ("Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945") sah die Bedeutung der von Strecker initiierten Ausstellung als erst in der Nachschau klar erkennbar an: "Aber ihre Bedeutsamkeit ist gewissermaßen auch im Nachhinein immer klarer geworden, dass sie etwas markiert an einer Neuorientierung insbesondere in der jungen Generation", sagte Frei 2019 dem Deutschlandfunk. Streckers Verdienst sei es gewesen, dass man unbequeme Fragen nach einer Nazivergangenheit nicht einfach mehr habe wegwischen können, sagt Brechtken. Dass etwa der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger, einst NS-Marinerichter, mit dem Spruch "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein" 1978 nicht mehr durchgekommen sei – und zurücktreten musste.

Der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger (r.) gibt 1978 in Stuttgart seinen Rücktritt bekannt und zieht damit die Konsequenzen aus der Kontroverse um seine Rolle als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg. Links der damalige Vorsitzende der CDU-Landesgruppe Baden-Württemberg in Bonn, Manfred Wörner.
Der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger (r.) gibt 1978 in Stuttgart seinen Rücktritt bekannt und zieht damit die Konsequenzen aus der Kontroverse um seine Rolle als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg. Links der damalige Vorsitzende der CDU-Landesgruppe Baden-Württemberg in Bonn, Manfred Wörner. © Karl Staedele

Doch für diese Verdienste habe Strecker auch im späteren Leben einen hohen Preis zahlen müssen, sagt Brechtken. Nicht nur, dass der BND ihn bespitzeln ließ. 2015 habe der damals bereits Hochbetagte bei einer von Brechtken veranstalteten Konferenz als Zeitzeuge davon berichtet, "dass er eines Tages erfuhr, dass im Kindergarten, in dem seine Töchter betreut wurden, Männer aufgetaucht waren, die sich als legitimiert ausgaben, seine Töchter abzuholen. Das fand dann nicht statt, aber Strecker sah dies als bedrohlich genug an, um seine Töchter ins Ausland in Sicherheit zu bringen".

Strecker habe gezeigt, "dass idealistisches Engagement und der Wille zur historischen Aufklärung und Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Geschichte zur demokratischen Resilienz des Staates beizutragen vermögen", würdigt Brechtken den Verstorbenen. Ehrungen erhielt Strecker erst im hohen Alter, so 2015 das Bundesverdienstkreuz. Es hat vieles sehr lange gedauert.

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