Aufstand in Thailand: Polizisten schießen auf Demonstranten

Arme Landbevölkerung gegen reiche Stadt-Eliten: Gewalttätige Unruhen erschüttern Thailand. Ein Experte befürchtet jetzt sogar einen Militärputsch. Die AZ erklärt, warum in Thailand Chaos herrscht und warum das Urlaubs-Paradies so gespalten ist.
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Bei Straßenschlachten in Bagkok gab es 70 Verletzte.
AP Bei Straßenschlachten in Bagkok gab es 70 Verletzte.

BANGKOK - Arme Landbevölkerung gegen reiche Stadt-Eliten: Gewalttätige Unruhen erschüttern Thailand. Ein Experte befürchtet jetzt sogar einen Militärputsch. Die AZ erklärt, warum in Thailand Chaos herrscht und warum das Urlaubs-Paradies so gespalten ist.

Ein Land, das Staatsstreiche gewöhnt ist, Sicherheitskräfte, die nicht recht zu wissen scheinen, auf wessen Seite sie stehen, Demonstranten, die mit Tränengas schießen: Über dem Urlaubsparadies Thailand liegt ein Hauch von Revolution. Zwölfmal wurde seit den 30er Jahren geputscht. Steht das nächste Mal bevor?

Zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber: das des ehemaligen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra und die Anhänger des aktuellen Regierungschefs Abhisit Vejjajiva. Wer im Moment eigentlich das Sagen hat, ist nicht mehr hundertprozentig klar.

Die Lage eskalierte, nachdem Demonstranten am Wochenende das Tagungshotel des Asien-Gipfels in Pattaya gestürmt hatten. Regierungschefs flüchteten per Hubschrauber, Abhisit Vejjajiva rief den Notstand aus.

Der Regierungschef hat kaum Rückhalt beim Militär

Gleich darauf musste er am eigenen Leib erfahren, wie schwach sein Rückhalt bei den Militärs ist: Nur wenige Minuten nach seiner im Fernsehen übertragenen Erklärung stoppten Demonstranten seinen Wagen. Eine Gruppe von Sicherheitskräften stellte sich ihnen entgegen, in der Nähe postierte Militärpolizisten sahen aber tatenlos zu.

Schon der Sturm der Demonstranten auf das Tagungshotel war nur möglich gewesen, weil die Sicherheitskräfte nur zaghaft eingeschritten waren. „Es ist unklar, ob die Kommandostruktur nicht funktionierte, ob es Spannungen im Militär gab oder gar die zynische Bereitschaft, solch eine nationale Erniedrigung zuzulassen, um dann umso härter gegen die Proteste vorgehen zu können“, sagt Michael Montesano vom Institut für Südostasien-Studien in Singapur.

Am Sonntag eskalierte die Lage in Bangkok. Über 40000 Menschen lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, forderten Abhisits Rücktritt. Am Montagmorgen gingen Soldaten in Kampfausrüstung gegen Demonstranten vor. Schüsse aus Automatikwaffen fielen. Es gab 70 Verletzte.

Der Politikwissenschaftler Stefan Rother vom Freiburger Arnold-Bergstraesser-Institut sieht in den Auseinandersetzungen einen Klassenkonflikt zwischen den „Roten“, den armen Schichten vor allem auf dem Land, die Anhänger von Thaksin Shinwatra sind, und den „Gelben“, der Mittelklasse und alten Bangkoker Elite. Rother tut sich schwer damit, Partei zu ergreifen. „Die ,Gelben’ sind keineswegs die Verfechter von Gleichheit und Demokratie“, sagte er zur AZ, „hier gibt es etwa Bestrebungen, das Wahlrecht an das Einkommen zu koppeln oder den Bauern gleich ganz abzusprechen. Von daher lässt es sich nachvollziehen, dass ärmere Thais dem populistischen – und demokratisch gewählten – Ex-Regierungschef nachtrauern, gemäß der Logik: Korrupt sind alle Regierungen, aber er hat sich wenigstens um uns gekümmert.“ Dass Thaksin sich an die Macht putscht, erwartet Rother aber nicht – aus dem einfachen Grund, weil weder König noch Militär hinter ihm stehen. „Eher könnte ich mir vorstellen, dass das Militär wieder die Macht übernimmt.“

Susanne Stephan

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