Amerikaner müssen zwischen zwei Welten wählen

Die beiden Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain präsentieren sich als überparteiliche Reformer, aber damit enden die Gemeinsamkeiten. Nach der Wahl dürfte sich die Politik der USA in jedem Fall drastisch verändern.
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John McCain tritt gegen Barack Obama im Rennen um das Weiße Haus an
dpa John McCain tritt gegen Barack Obama im Rennen um das Weiße Haus an

Die beiden Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain präsentieren sich als überparteiliche Reformer, aber damit enden die Gemeinsamkeiten. Nach der Wahl dürfte sich die Politik der USA in jedem Fall drastisch verändern.

Der Regierung von US-Präsident George W. Bush sind die Amerikaner mehrheitlich überdrüssig. Im Herbst haben sie nun die Wahl zwischen dem Republikaner John McCain und dem Demokraten Barack Obama als Nachfolger - zwei Kandidaten, die sich beide als überparteiliche Reformer präsentieren, ansonsten aber verschiedener nicht sein könnten. Im Lebenslauf, ideologisch, vom Auftreten und ihrer Erfahrung her trennen sie Welten. Der Wahlkampf in den kommenden fünf Monaten wird bestimmt von einer unsicheren Wirtschaftslage, dem andauernden Irak-Krieg sowie Fragen von Alter und Hautfarbe.

McCain - 71 Jahre alt, weiß, langjähriges Kongressmitglied und unbeugsam im Kampf gegen Al Qaida - wäre der älteste Politiker, der in den USA je neu ins Weiße Haus gewählt würde. Obama - 46, schwarz, Neuling im Senat und zur Beendigung des Irak-Kriegs entschlossen - wäre der erste Angehörige einer Minderheit, der zum US-Präsidenten gewählt würde. «Egal, wer diese Wahl gewinnt, die Richtung dieses Landes wird sich dramatisch verändern», sagte McCain am Dienstag in New Orleans. «Aber die Wahl besteht zwischen dem richtigen Wandel und dem falschen Wandel, zwischen rückwärts und vorwärts.» Obama konterte in St. Paul: «Es gibt viele Wörter, um John McCains Versuch zu beschreiben, seine Übernahme der Politik von George Bush als überparteilich und neu darzustellen. Aber 'Veränderung' gehört nicht dazu.»

Aussichten schwer einzuschätzen

Zu den spannendsten Fragen im Vorlauf zur Wahl am 4. November zählt, ob es McCain gelingen wird, sich vom unpopulären Amtsinhaber Bush zu distanzieren, zugleich aber in groben Zügen an dessen Irak- und Steuerpolitik festzuhalten. Und wird Obama es schaffen, einen noch immer unterschwellig vorhandenen Rassismus zu überwinden, der die US-Gesellschaft spaltet? Die Aussichten der Kandidaten sind schwer einzuschätzen. Eine AP-Yahoo-News-Umfrage von April ergab, dass sich ein gutes Drittel der US-Bürger selbst als konservativ beschreibt, ein knappes Viertel bezeichnet sich als liberal. Der Rest schätzt sich als «gemäßigt» ein. Das bedeutet, dass die Wähler, die keinem der beiden entgegengesetzten Lager anhängen, die Abstimmung vermutlich entscheiden. Beide Kandidaten haben daher bereits damit begonnen, um die Wähler der Mitte zu werben.

Konservative gegen liberale Positionen

Die Ausgangspositionen sind indes klar. Der Konservative McCain ist ein Verfechter der militärisch harten Linie, der die Strategie der Aufstockung der US-Truppen im Irak unterstützt und einen raschen Abzug von dort ablehnt. Außerdem ist er für härtere Sanktionen gegen den Iran. McCain ist Anhänger des Freihandels und der Ausweitung der von Bush erlassenen Steuererleichterungen, die den Eckpfeiler der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik bilden. Er ist gegen das Recht auf Abtreibung, gegen freigiebige öffentliche Ausgaben und eine staatliche Regulierung der Krankenversicherung. Obamas Abstimmungsverhalten im Senat ist dagegen liberal geprägt. Er stimmte gegen Bushs Steuererleichterungen für Investitionen, gegen ein Freihandelsabkommen mit Mittelamerika, gegen Ölbohrungen in einem Naturschutzgebiet in Alaska, gegen weitere Abhörbefugnisse für Bundesbehörden und gegen die Bestätigung der beiden Kandidaten Bushs für das Oberste Gericht. Er ist gegen eine Privatisierung der Sozialversicherung und unterstützt das Recht auf Abtreibung.

Völlig unterschiedliche Lebensläufe

Auch der Lebenslauf der beiden Kandidaten könnte unterschiedlicher kaum sein. McCains ganzes Auftreten ist von seiner Vergangenheit als Kriegsgefangener in Vietnam und Veteran der Marine geprägt. Seit 1982 ist er im Kongress vertreten, davon rund 20 Jahre im Senat. Dort pflegt er ein Image als unabhängiger Denker, der über die Parteigrenzen hinweg arbeitet und für Reformen kämpft. Nun präsentiert er sich als Kandidat mit der Erfahrung und dem Wissen, der die Probleme des Landes am besten lösen kann. Obama, der schmächtige Sohn eines kenianischen Vaters und einer Mutter aus Kansas, wuchs in Indonesien und Hawaii auf. Nach dem Studium an der Harvard-Universität begann er seine politische Karriere vor zwölf Jahren im Parlament des US-Staats Illinois. Erst seit dreieinhalb Jahren sitzt er im US-Senat und entwickelte sich dort rasch zum aufstrebenden Star der Demokratischen Partei. Gegen seine innerparteiliche Rivalin Hillary Clinton setzte er sich mit dem Versprechen des Wandels durch. Gegenwärtig scheint es, als habe Obama in der Frage der Hautfarbe ein größeres Hindernis zu überwinden als McCain mit der Frage des Alters. Einer AP-Yahoo-News-Studie zufolge hat McCain von November bis April viele Menschen für sich gewinnen können, die zunächst Bedenken wegen seines Alters hatten. Obama hingegen verbuchte wenig Fortschritte unter Wählern, für die Hautfarbe eine Rolle spielte. Rund 13 Prozent derjenigen, die im November ihr Unbehagen über einen schwarzen Kandidaten äußerten, würden Obama nun wählen. 51 Prozent von ihnen würden McCain vorziehen. Und 31 Prozent derer, die im November einem Kandidaten über 70 Jahre skeptisch gegenüberstanden, würden nun McCain wählen, 40 Prozent Obama. Bislang ist völlig offen, ob Erfahrung oder Veränderung den Wählern wichtiger ist. Beide Kandidaten haben nun fünf Monate Zeit, um für ihre Ziele zu werben - die Entscheidung fällt im November. (Liz Sidoti, AP)

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