Alternativer Nobelpreis: Frauen gegen mächtige Systeme

Sie legen sich mit mächtigen KI-Konzernen und Regierungen an: Der Alternative Nobelpreis ehrt Frauen und von Frauen geführte Organisationen, die mutig für eine Umverteilung der Macht kämpfen.
von  Julia Wäschenbach, dpa
Kleinbäuerinnen im südlichen Afrika kämpfen mit ihrem Netzwerk Rural Women's Assembly für die Selbstbestimmung über ihr Land und ihren Körper. (Archivbild)
Kleinbäuerinnen im südlichen Afrika kämpfen mit ihrem Netzwerk Rural Women's Assembly für die Selbstbestimmung über ihr Land und ihren Körper. (Archivbild) © -/Right Livelihood/dpa

Der Alternative Nobelpreis zeichnet in diesem Jahr Frauen und von Frauen geführte Organisationen aus, die sich gegen tief verwurzelte Machtstrukturen wehren und Menschenrechte stärken. 

Die pakistanische Anwältin Jalila Haider tritt mit ihrer Kanzlei für die Rechte der unterdrückten Hazara-Gemeinschaft ein. Kleinbäuerinnen im südlichen Afrika kämpfen mit ihrem Netzwerk Rural Women's Assembly für die Selbstbestimmung über ihr Land und ihren Körper. Die US-Informatikerin Timnit Gebru will mit Verbündeten die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz gerechter machen. Und in Georgien beharren die Mitglieder der Georgian Young Lawyers' Association unter der Führung von Tamar Oniani auf der Demokratie in ihrem Land.

"Macht muss nicht auf Hierarchie und Gewalt begründet sein"

"Was sie verbindet, ist der Widerstand gegen Systeme, die Menschen an den Rand drängen - und die gemeinsame Überzeugung, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt gehört", teilte die Right-Livelihood-Stiftung mit. Alle Preisträger zeigten, "dass die Anliegen, für die sie stehen, und die Menschen, für die sie einstehen, nicht machtlos sind", sagte Stiftungsdirektor Ole von Uexküll.

"Macht muss nicht auf Hierarchie und Gewalt begründet sein. Sondern Macht ist auch die Fähigkeit, zusammenzuhalten, zusammenzuarbeiten, allen eine Stimme zu geben." Die diesjährigen Preisträger, konfrontiert mit Ausbeutung und Gewalt, stünden dabei für "grundlegende menschliche Werte wie Kooperation, Freiheit, Frieden mit der Natur". Die Hegemonie liege aber zurzeit bei einem System, dass diese Werte "alle an die Ränder drängt". 

Die Preise machen Mut, dass nicht nur wenige Mächtige etwas bewegen können. Mit einigen der machtvollsten Konzerne der Welt legt sich die US-Amerikanerin Timnit Gebru an. Sie forscht zu KI und zeigt mit ihrer Arbeit laut Right-Livelihood-Stiftung auf, "welche Schäden KI-Systeme bereits heute im Alltag diskriminierter und marginalisierter Gruppen verursachen". 

Gebru gegen Google: Alternativen zu unkontrollierter KI-Macht

Bei Google, wo sie ein Team für ethische Fragen der KI mitleitete, warnte Gebru schon vor Jahren vor den Gefahren großer Sprachmodelle - und zeigt heute Alternativen dazu auf. Sie argumentiert gegen riesige Rechenzentren, kritisiert, dass Algorithmen nicht offengelegt werden und belegt, wie KI-Modelle Ungleichheiten reproduzieren und verfestigen. "Ich hoffe, diese Auszeichnung zeigt anderen Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen, dass Wissenschaft Menschenrechte einbeziehen kann", sagte Gebru laut einer Mitteilung. 

Die pakistanische Menschenrechtsanwältin Jalila Haider wiederum sei "ein unglaubliches Beispiel dafür, wie der Kampf gegen Diskriminierung" funktionieren kann, sagte von Uexküll. In ihrer Region Baluchistan setze sich Haider für die Rechte ihrer Hazara-Gemeinschaft ein. An einem Ort, der von Ausgrenzung und Unterdrückung gegen Frauen, ethnische Minderheiten und die LGBTQ+-Gemeinschaft geprägt sei, sei sie "eine der wichtigsten Kämpferinnen für Menschenrechte in Pakistan". Als erste Frau ihrer Volksgruppe wurde Haider Rechtsanwältin. "Ihr Weg zeigt, wie sich Menschen und Minderheiten selbst aus Unterdrückung befreien können", so von Uexküll.

Gegen das Patriarchat und sexuelle Gewalt: Kleinbäuerinnen in Afrika

Auch die mehr als 178.000 Kleinbäuerinnen des Rural Women's Assembly (RWA) machen deutlich, wie das positive Erlebnis, selbst etwas bewirken zu können, beflügeln kann. Die Frauen in elf Ländern des südlichen Afrikas wollen selbst über ihr Land, ihr Saatgut und nicht zuletzt ihre Körper bestimmen und unterstützen sich gegenseitig, um genau das zu erreichen. Sie wehren sich gegen sexuelle Gewalt und fordern die Rechte von Frauen als Landbesitzer ein. "Wir zeichnen sie aus als ein unglaubliches Beispiel dafür, wie Menschen, die von einem System marginalisiert werden, kollektive Macht aufbauen und ihre Interessen einfordern können", sagte Stiftungschef von Uexküll. 

"Eine einzelne Stimme kann keinen Berg versetzen", sagte RWA-Regionalkoordinatorin Mercia Andrews. "Es ist die beharrliche, vereinte Kraft Tausender Frauen im ländlichen Raum, die sich zusammenschließen und etwas, das als unverrückbar galt, ins Wanken bringen."

Außerdem ausgezeichnet wird die 1994 gegründete Anwaltsorganisation Georgian Young Lawyers' Association. Sie bekommt den Preis als erste Preisträgerin aus Georgien "für den Aufbau und die Verteidigung der Demokratie in Georgien und die Wahrung zivilgesellschaftlicher Handlungsfähigkeit unter autokratischem Druck". Trotz massiver Repressionen durch die Regierung halte die Organisation an ihrer Arbeit fest, so von Uexküll.

Menschen sind nicht machtlos: Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Mit allen Preisträgern sei eine Hoffnung verbunden: "Wir sehen in dieser Arbeit die Möglichkeit für grundlegende Paradigmenwechsel, die ganz schnell kommen können." Wenn die Zivilgesellschaft erfolgreich sei, könnten in Pakistan durchaus Menschen an die Macht kommen, die sich für Minderheitenrechte einsetzten. "Wir könnten auch schon unter der nächsten US-Regierung den Einfluss der Tech-Bros radikal beschneiden." Die Preisträger, die die Jury aus 200 Nominierten auswählte, könnten dazu beitragen.

Der Right Livelihood Award wird jährlich an Preisträger vergeben, die sich etwa in den Bereichen Klimaschutz, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden engagieren. Überreicht werden die Preise am 1. Dezember in Stockholm.

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