Ägypten: Geplünderter Nationalstolz

Im Ägyptischen Museum in Kairo verwüsten Einbrecher die Ausstellungen. Sie zerstören Artefakte und klauen die Eintrittskasse. Jetzt sollen Soldaten den Nationalschatz bewachen.
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KAIRO - Im Ägyptischen Museum in Kairo verwüsten Einbrecher die Ausstellungen. Sie zerstören Artefakte und klauen die Eintrittskasse. Jetzt sollen Soldaten den Nationalschatz bewachen.

Über 3000 Jahren konnten ihn Grabräuber nicht heimsuchen. Tutanchamun, der Kinderpharao, blieb mit seiner goldenen Totenmaske und seinen unermesslichen Schätzen für die Nachwelt unsterblich. Bis jetzt – 89 Jahre nach der Entdeckung seines unberührten Grabs im Tal der Könige. Nun wüteten Plünderer und zerstörten Schätze des „Superstars“ der Geschichte. Sie wussten genau, wo sie ihn finden. Oben, im ersten Stock des Ägyptischen Museums in Kairo. Wo Tag für Tag Touristen aus aller Welt hinpilgerten, um Gänsehaut zu bekommen beim Anblick dieser betörenden, schwarzumrandeten Augen zwischen Edelsteinen und elf Kilo purem Gold.

Der rote Kolonialpalast ist direkt am Al-Tahrir-Platz, dem Zentrum der arabischen Revolution in Kairo. Nur einen Steinwurf entfernt vom Nil, in der Nachbarschaft der Zentrale der Nationaldemokratischen Partei (NDP) von Husni Mubarak. Der graue Betonklotz stand am Wochenende in Flammen. Sie drohten, auf das „Schatzhaus“ der Welt überzugreifen. Dort sind nicht nur die Grabschätze des kleinen Königs untergebracht, die zum größten Welterbe zählen. Das Museum beherbergt die Geschichte einer Supermacht, die die Welt mit unglaublichem Prunk, Reichtum, Kultur und Wissenschaft über 4000 Jahre dominiert hat. Als es uns in Europa noch gar nicht gab, konnte das Volk der Pharaonen Sterne deuten, ihre Ärzte chirurgisch den Blinddarm entfernen, ihre Architekten die Pyramiden erbauen.

Die Plünderer nutzten die Wirren auf dem Al-Tahrir-Platz. Dessen Teil vor dem Museum ist seit Jahren ein Hochsicherheitstrakt. Drinnen, in den Museums-Hallen herrschte schon immer Chaos. 150000 Ausstellungsstücke stapeln sich in den Räumen. Manche gleichen einer Rumpelkammer, so voll gestopft sind sie mit wertvollen Statuen und Grabausstattungen.

Eine Ausnahme sind die Säle in der ersten Etage, in denen der Totenschatz Tutanchamuns residiert. Jetzt herrscht auch dort Durcheinander. Die Randalierer haben 13 Vitrinen zertrümmert, Mumien zerstört, Götterfiguren auf den Boden geschmissen. Der ist von Splittern und Trümmern übersät. Zehn Artefakte sind beschädigt. Was geklaut wurde und auf dem illegalen Kunstmarkt verschwand, ist unklar. „Inzwischen wissen wir, dass die Plünderer keine pharaonischen Schmuckstücke gestohlen haben“, sagt die ehemalige Museumsdirektorin Wafaa el-Saddik. Sicher ist: Die Eintrittskasse ist weg.

Museumswächter und Polizisten sollen die Plünderer gewesen sein. Bürger hatten ein menschliches Schutzschild um das Museum gebildet, um sie aufzuhalten. Inzwischen patroullieren Soldaten durch die Hallen. 50 Männer, die versucht hatten, einzubrechen, wurden festgenommen. Zahi Hawass, bisher Leiter der Behörde für Antikenverwaltung, wurde unterdessen zum neuen Minister für Altertumsgüter ernannt. „Wenn das Museum sicher ist, ist Ägypten sicher“, sagte er.

Doch wenn die Lage in Kairo weiter eskaliert, werden die Soldaten die Schätze der Pharaonen nicht mehr schützen können. Ein Museum in Memphis wurde bereits komplett ausgeraubt. Während des Golfkriegs 2003 war das irakische Nationalmuseum in Bagdad verwüstet und geplündert worden. Angela Böhm

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