Zwischen zwei Welten

"Ein bisschen Gottvertrauen braucht man schon" - Die Dermatologin Luitgard Wiest ist eine weltweit gefragte Schönheitschirurgin mit einer echten Mission: Sie baut in Afghanistan Krankenhäuser.
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Weißes Hemd, scharzer Rock, einen Tropf in der Hand: Luitgart Wiest kümmert sich um eine junge Afghanin.
Maus 2 Weißes Hemd, scharzer Rock, einen Tropf in der Hand: Luitgart Wiest kümmert sich um eine junge Afghanin.
Wiest im eleganten schwarzehn Kostüm vor der Oper
Mike Schmalz 2 Wiest im eleganten schwarzehn Kostüm vor der Oper

"Ein bisschen Gottvertrauen braucht man schon" - Die Dermatologin Luitgard Wiest ist eine weltweit gefragte Schönheitschirurgin mit einer echten Mission: Sie baut in Afghanistan Krankenhäuser.

Ein Mal, dieses eine Mal, ist ihr Blick unsicher: „Meinen Sie wirklich, das passt zusammen, unsere Geschichte – und ein Foto von mir vor der Oper?“ Zugegeben, der Eindruck könnte täuschen. Eine blendend aussehende Dame im Zentrum des Münchner Großbürgertums, wo Porsche und Pelze spazieren geführt werden: Das ist ein Kontrast zum Leben von Dr. Luitgard Wiest. Und doch ist es genau dieser Gegensatz, der den Reiz ausmacht.

Luitgard Wiest ist Hautärztin, sie hat Zehntausende verschönert, hier in Sichtweite von Nationaltheater und Maximilianstraße, mit plastischer Chirurgie. Und doch ist sie nichts weniger als eine Schicki- Medizinerin. Seit Jahrzehnten trägt sie ihr Knowhow und ihre Energie an die Orte, wo es wirklich wehtut.

"Ich wollte nie Ärztin werden"

„Meine erste Entbindung in Qara Bagh habe ich auf dem Fußboden gemacht“, erzählt die 69-Jährige. Vor drei Jahren war das, in Afghanistan, in der Provinz Herat. Dort, in der Nordwestecke des geplagten Landes am Hindukusch, an der Grenze zu Iran und Turkmenistan, hat sie für das Notärzte-Komitee „Cap Anamur“ drei Monate geholfen, ein Krankenhaus aufzubauen. „Als ich ankam, haben wir erst mal ein Gerät zur Blutdruckmessung gesucht“, erzählt sie mit einer Stimme, die weder Arroganz noch Angeberei zulässt: „Und vor der OP haben wir uns die Hände am Kanonenofen aufgewärmt: Die Winter sind eiskalt dort.“

Heute arbeiten 32 Angestellte im einzigen Krankenhaus weit und breit, darunter sechs afghanische Ärzte und vier Hebammen, bezahlt von „Cap Anamur“. 360 Dörfer liegen in seinem Einzugsbereich, bis zu sieben Stunden Fußmarsch haben die Patienten hinter sich. Es gibt 24-Stunden- Notdienst, Röntgen, eine TBC- und eine Entbindungs-Station. „Am Jahresende wollen wir das Haus an die Afghanen übergeben“, sagt Luitgard Wiest. „Deshalb fahre ich jetzt noch einmal hin.“

Aber nicht, um sich feiern zu lassen. „Wir haben schon das nächste Projekt, ein Kinderkrankenhaus in Herat.“ Aber darüber müsse man noch sprechen mit den Honoratioren vor Ort. „Sie verstehen, die Sicherheitslage.“ Das medizinische Personal traut sich gerade nicht vor die Stadt. Wiest traut sich schon – und es ist nicht das erste Mal.

„Ich wollte nie Ärztin werden, das habe ich mir beim Abi geschworen“, erzählt sie heute in ihren Räumen an der Residenz- Straße – Antiquitäten, die Wände in Schönbrunner Gelb, im Eck ein Konzertflügel. „Meine Mutter war Ärztin, die einzige für 40 000 Menschen in einer Kleinstadt in der Pfalz. Das hat mich abgeschreckt.“ Die Tochter ging andere Wege, studierte Romanistik in Paris. „Und dann brauchte ich einen Job.“ Anfang der 60er- Jahre war das, und Ethiopian Airlines suchte Stewardessen. „In Addis Abbeba lernte ich deutsche Ärzte kennen“ – und das Leid der Menschen. Damit war’s um den Schwur gegen die Medizin geschehen. „Schon während dem Medizin- Studium in Heidelberg hab’ ich ein Semester blau gemacht.“

Mit den Kindern in Äthiopien

Nicht für eine Weltreise. Nach Äthiopien in ein Krankenhaus ging sie, zum Arbeiten. Ihren Doktor machte sie in Dermatologie, auf Anraten ihres Chefs. „Eigentlich wollte ich Chirurgin werden. Aber das ging nicht für eine Frau Anfang der 70er Jahre.“ Mediziner-Machismo, noch keine 40 Jahre her. „Immerhin habe ich es damals schon gewagt, zwei Kinder ohne Vater aufzuziehen.“ Die waren auch mit in Äthiopien, „1972, als es brenzlig wurde“. Zwei Jahre später wurde der korrupte Kaiser Haile Selassie durch ein mörderisches kommunistisches Regime ersetzt.

Luitgard Wiest ging zurück, aber nicht, um in Deutschland zu bleiben. „Einen Vertrag hatte ich schon in der Tasche: Oberärztin in einer Klinik in Caracas.“ Doch es kam anders. „Die einzige Stadt in Deutschland, in der ich leben wollte“ machte ihr 1976 ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. Ein Tipp von einem Kollegen, ein Anruf „und eine sehr große Summe“ verschafften ihr die Praxis in der Residenzstraße. „Ich hatte eine Nacht, um mich zwischen München und Venezuela zu entscheiden“ – die Isar siegte über den Orinoco.

Fachfrau für glatte Haut

Spezialisiert hat sie sich auf „Dermato-Chirurgie“, Operationen an Tumoren, ernste Sachen: „Aber dann kamen die Schauspielerinnen von da drüben.“ Sie deutet Richtung Nationaltheater. „Die sagten: Können Sie nicht was wegen der Falten machen.“ So wurde Wiest auch Fachfrau für glatte Haut. Sie ist Vizepräsidentin der Internationalen Gesellschaft für Dermatologie, sie hält Vorträge in Paris, Buenos Aires und Münster – das Pensum einer Woche. Zwei Mal um die Welt fliegt sie pro Jahr.

Vor fünf Jahren gab sie die Praxis auf, macht noch Fortbildungen. „Rund ein Drittel meiner 100 000 Patienten hier habe ich wegen kosmetischer Eingriffe behandelt.“ Und wie viele Patienten waren es im Ausland? „Die habe ich nie gezählt.“

Am anderen Ende der Skala

1989 holte sie ein herzkrankes Kind aus Nigeria nach München, zum Beispiel. Mit Hilfe der AZ sammelte sie Spenden für die OP. Siewar in Somalia, Nigeria, Äthiopien, Tschetschenien, Angola, Mosambik, Vietnam: Wo Luitgard Wiest ankam, war der Krieg meistens schon da. Geld hat sie mit Schönheitschirurgie verdient, der vielleicht überflüssigsten Sparte der Medizin. Aber ihre Leidenschaft und ihr ärztliches Können praktiziert sie am anderen Ende der Skala, da, wo ärztliche Grundversorgung gefragt ist, an den Brennpunkten der Welt.

Ist sie eine Missionarin? „Ich bezweifle, dass wir das Weltgeschehen beeinflussen“, sagt die Doktorin zwischen Flachbildschirm und antikem Bücherschrank, „aber wir sind Tuende, wie Rupert Neudeck sagt“. Mit dem Cap-Anamur-Gründer verbindet sie eine lange Bekanntschaft.

Ein entwaffnendes Lächeln

„Und es sind die Einzelschicksale, die berühren.“ Sie erzählt von 12-jährigen Schwangeren, die von ihrem Mann im Schubkarren ins Krankenhaus gefahren werden. Sie erzählt von der Frau in Afghanistan mit TBC, und die hat erfahren, dass ihr Gegenüber Hautärztin ist: „Da hebt sie den Schleier, der ihr Gesicht verbirgt und sagt: Was kann ich für meinen Teint tun?“

Wie steht es mit der Angst, Frau Wiest? Steht Afghanistan in der Zeitung, stehen Taliban, Terror und Entführungen daneben. Sie fährt jetzt hin. „Angst?“ Die Ärztin macht eine Pause. „Ich habe schon Situationen erlebt, in Tschetschenien, da dachte ich, es könnte auch schief gehen“. Noch eine Pause. „Aber ich gehe nie raus mit der Idee, es könnte was passieren.“

Sie sucht ein Schiller-Zitat. „Wallenstein: ,Und setzt ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.’ Das ist ein bisschen mein Motto“. Auf den zweifelnden Blick reagiert sie mit einem entwaffnenden Lächeln: „Ein bisschen Gottvertrauen braucht man schon.“

Matthias Maus

Weißes Hemd, scharzer Rock, einen Tropf in der Hand: Luitgart Wiest kümmert sich um eine junge Afghanin.
Panorama: Zwischen zwei Welten - Panorama - Abendzeitung München

Foto: Maus
Wiest im eleganten schwarzehn Kostüm vor der Oper
Panorama: Zwischen zwei Welten - Panorama - Abendzeitung München

Foto: Mike Schmalz
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