Zu Besuch beim Ötzi

Ein Münchner wird bald auf die berühmte Eismumie aufpassen. Aber warum braucht der überhaupt einen Hüter? Zu Gast im Museum in Bozen.
| Annette Reuther
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Die Eismumie Ötzi.
dpa Die Eismumie Ötzi.

Ein Münchner wird bald auf die berühmte Eismumie aufpassen. Aber warum braucht der überhaupt einen Hüter? Zu Gast im Museum.

Bozen/München - Damit er sich wohlfühlt und nicht zerfällt, wird Ötzi regelmäßig mit sterilem Wassernebel besprüht. Bei minus sechs Grad umhüllt ihn eine dünne, glänzende Eisschicht. Eine Waage kontrolliert genau, ob er an Gewicht verliert. Jeder Temperaturwechsel könnte Ötzi „Lebensjahre“ kosten – ausgerechnet ihm, der schon mehr als 5000 Jahre auf dem Buckel hat.

Der Zustand der legendären Eismumie beschäftigt nicht nur ein ganzes Museum, sondern immer noch Scharen von Wissenschaftlern. Und das seit nunmehr fast 25 Jahren. Ab August nächsten Jahres wird der Ötzi von einem Münchner behütet: Dr. Oliver Peschel.

Die Besucher können ihn durchs Guckloch sehen

Wie auf einem Operationstisch liegt der Gletschermann in seiner Igluzelle im Archäologischen Museum in Bozen. In der Eisgruft werden mit einer ausgeklügelten Technik jene Umstände simuliert, unter denen Ötzi am 19. September 1991 von einem Wandererpaar aus Nürnberg in den Alpen im italienisch-österreichischen Grenzgebiet entdeckt wurde.

Denn im Gletschereis verpackt hatte sich der Mann aus der Kupferzeit über Jahrtausende erhalten. Seit seiner „Wiedergeburt“ trägt er den Titel „besterhaltene Feuchtmumie der Welt“. Durch ein kleines Guckloch können Museumsbesucher einen Blick auf die Leiche werfen, die durch die Eisschicht wie eine Speckschwarte glänzt.

Eine lange Schlange bildet sich vor der Eiskammer, Kinder spähen auf Zehenspitzen durch das kleine Loch. „Wir wollten dem Ötzi auch eine Intimsphäre lassen und dem Besucher einen privaten Moment, deshalb haben wir keine große Fensterfront eingebaut“, so Museumsleiterin Angelika Fleckinger.

Ötzi ist ein Touristenmagnet. Pro Jahr kommt eine Viertel Million Besucher in das Museum, das eigens für die Mumie umgestaltet wurde. „Der Ötzi ist unser Zugpferd“, so Fleckinger. Er habe den Tourismus in ganz Südtirol angekurbelt.

Dubai würde sich ihn gerne einmal ausleihen

In dem Museum ist nicht nur Ötzi selbst ausgestellt, sondern auch alles, was bei ihm gefunden wurde: seine Bärenfellmütze, sein Grasumhang, seine Schuhe mit Heufüllung, die Leggins, ein Beil und andere Waffen sowie Ötzis „Reiseapotheke“ inklusive eines Pilzes mit antibiotischer Wirkung.

Zwei Menschenflöhe zeugen davon, dass der Mann solche Plagegeister mit sich herumtrug. Eine lebensgroße Rekonstruktion zeigt, wie Ötzi zu Lebzeiten ausgesehen haben könnte. Auch über die abenteuerlichen Umstände seiner Entdeckung in 3210 Metern Höhe wird informiert. Nach den ersten Untersuchungen schwante Experten rasch, dass es sich nicht um eine normale Bergsteigerleiche handelte, sondern ein weitaus älteres Geschöpf. Schnell begann ein gewaltiger Rummel um den Sensationsfund.

Medien aus aller Welt interessierten sich für den Mann aus dem Eis, der zwischen 3350 und 3100 vor Jesus Christus gelebt hatte. „Wir bekommen immer wieder Anfragen von Museen aus aller Welt, ob sie den Ötzi ausleihen dürfen“, sagt Fleckinger. Auch aus der Wüstenstadt Dubai sei schon eine gekommen. „Aber dazu ist er viel zu sensibel.“

Auch an echten Forschungsergebnissen mangelt es nicht. Eine in der Schulter entdeckte Pfeilspitze aus Feuerstein machte klar, dass Ötzi getötet wurde. Der Grund für die Attacke allerdings wird wohl nie endgültig aufgeklärt.

Die Forschung weiß: Er hatte Karies, Borreliose und Stress

Nicht oft, aber manchmal wird die Leiche aus ihrer Igluzelle geholt, damit Forscher neue Details über Ötzi und das Leben vor mehr als 5000 Jahren herausfinden können. Man weiß bereits, dass der Mann Karies hatte, unter Stress und Borreliose litt. Man kennt seine Augenfarbe, seine DNA, seine Blutgruppe und man weiß, dass er laktoseintolerant und tätowiert war. Ist die Mumie nicht irgendwann ausgeforscht? „Die Methodik verbessert sich kontinuierlich, weshalb immer weiter geforscht wird“, sagt Mumienexperte Albert Zink. Er arbeitet am „Institut für Mumien und den Iceman“ an der Europäischen Akademie in Bozen (Eurac).

Derzeit wird der Inhalt seines Magens untersucht

Die bislang letzte Probenentnahme war eine vom Mageninhalt Ötzis. Die Ergebnisse sollen in Kürze veröffentlicht werden. Aus dem Darminhalt war bereits geschlossen worden, dass der Mann kurz vor seinem Tod unter anderem Fleisch von einem Ziegenbock gegessen hatte. Die Untersuchung von Fettklumpen aus dem Magen soll nun zeigen, ob vielleicht auch der älteste bekannte Käse der Menschheit auf seinem Speiseplan stand.

Forscher Zink beschäftigt sich auch mit der weiteren Konservierung Ötzis. „Die derzeitige Methode ist ein Kompromiss, damit ihn Besucher sehen können. Das ist keine Lösung für die Ewigkeit.“ Besser wäre es, wenn er in einem kleineren Raum wäre und ständig tiefgefroren – zum Beispiel in einem Eisblock, für Besucher unsichtbar.

Der neue Ötzi-Hüter kommt aus München

Ötzi bekommt einen neuen „Hüter“, der den Zustand der Eismumie konstant überwachen soll. „Die Arbeit ist ganz besonders spannend und eine große Herausforderung“, sagte der Rechtsmediziner Oliver Peschel von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er übernimmt im kommenden August die Arbeit als Konservationsbeauftragter des Eismanns im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Peschel löst Eduard Egarter Vigl, den bisherigen „Leibarzt“ der Kultmumie ab.

„Meine Hauptaufgabe wird sein, die Konservierung zu überwachen. Wenn Sie den Ötzi ins Trockene stellen, zerfällt er und wird von Pilzen und Bakterien befallen.“ Der Zustand der Feuchtmumie, die regelmäßig mit Wasser besprüht wird und in einer Igluzelle bei minus sechs Grad lagert, sei derzeit gut. „Aber es besteht natürlich grundsätzlich die Gefahr, dass er zerfällt.“ Zudem werde er über Forschungsanträge entscheiden, wenn Wissenschaftler Neues über den Eismann herausfinden wollen.

„Die höchste Priorität hat der Erhalt der Mumie.“ Jede Gewebeentnahme müsse „vorsichtig abgewogen“ werden. „Es wäre ewig schade, wenn nichts von ihm übrig bleibt.“

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