Wie mit Bombendrohungen umgegangen wird

Mehr als 30 Bombenalarme verunsichern Passagiere im europäischen Luftverkehr. Wer prüft die Drohungen – und wie wird an Bord entschieden?
von  dpa
Flugausfälle in der Folge von Bombendrohungen gelten als außergewöhnlich. (Archivbild/ Illustration)
Flugausfälle in der Folge von Bombendrohungen gelten als außergewöhnlich. (Archivbild/ Illustration) © Daniel Reinhardt/dpa/dpa-tmn

Eine Serie von Bombendrohungen erschüttert den europäischen Luftverkehr. Zunächst wurden zwar keine Sprengkörper gefunden, doch mehr als 30 Alarme verunsichern die Passagiere. Die Behörden sind alarmiert und tauschen Informationen über die Grenzen hinweg aus. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten: 

Gibt es eine solche Häufung von Bombendrohungen öfter? 

Es handelt sich klar um eine außergewöhnliche Situation: Laut der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt (Eurocontrol) gab es am 5. und am 6. November Bombendrohungen gegen jeweils 14 Flüge sowie am 3. November gegen 7 Flüge. Zur Einordnung: An diesen drei Tagen waren jeweils zwischen rund 26.278 und 29.550 Flugzeuge im europäischen Flugverkehrsnetz unterwegs. 

Zwar gibt es immer wieder einmal Drohungen gegen einzelne Flüge oder Gesellschaften, aber an eine derartige Häufung kann man sich etwa bei der Deutschen Flugsicherung nicht erinnern. Laut einer Aufstellung des Portals "Aerotelegraph" wurden im Oktober 2024 mehrere indische Gesellschaften gleichzeitig über Social-Media-Einträge bedroht. Gegen den Hamburger Flughafen richtete sich 2023 eine Bombendrohung, die aber Teil einer größeren Welle von Drohungen gegen verschiedene Ziele in Deutschland war. 

Wer prüft die Ernsthaftigkeit der Drohungen?

Das kommt zunächst darauf an, wo und in welcher Form sie eingehen. Fluggesellschaften und Flughäfen informieren sofort die Sicherheitsbehörden und bilden ihrerseits Krisenstäbe. Verantwortlich für einen bereits begonnenen Flug ist letztlich die Kapitänin oder der Kapitän, hält die Vereinigung Cockpit fest. Sie entscheiden, ob der Flug fortgesetzt, umgeleitet oder eine Landung eingeleitet wird. Staatliche Stellen können diese Entscheidungen jedoch einschränken - indem sie etwa eine Landung an einem bestimmten Flughafen verweigern oder das Flugzeug durch Abfangjäger an einen anderen Flughafen drängen. 

Wer steckt hinter den Drohungen?

Darüber gibt es zunächst nur Mutmaßungen, die Behörden ermitteln. Die Vielzahl der Attacken deutet zunächst auf ein abgestimmtes Vorgehen hin, ob nun von Einzelpersonen oder sogar von staatlich gelenkten Akteuren. Mit zunehmender Dauer der Störungen könnten zudem Trittbrettfahrer aufspringen und ihrerseits Drohungen in die Welt setzen. Der Sicherheitsexperte Peter R. Neumann vermutet eine breit angelegte Störaktion, um möglichst viel Unsicherheit im europäischen Luftverkehr zu erzeugen. Im Dienst X schreibt er: "Insofern erinnert das Vorgehen an eine koordinierte hybride Operation. Aber Vorsicht: Für eine russische Urheberschaft gibt es bislang keinerlei belastbaren Belege." 

Welche Regeln gelten bei einer Bombendrohung an Bord? 

Die Crews von Passagierflugzeugen werden regelmäßig auch zu Bombendrohungen geschult. Es gelten Notfallpläne, die Piloten und Flugbegleiter umsetzen. "Es geht darum, Ruhe zu bewahren und einen Plan zu entwickeln", sagt der erfahrene Boeing-Pilot Matthias Baier. Wenn die Maschine bereits in der Luft ist, wird abhängig von der konkreten Bedrohungslage in der Regel ein möglichst nahe gelegener, geeigneter Flughafen angesteuert, um dort das Flugzeug zu räumen. Dies geschieht in Abstimmung mit der Flugsicherung und den zuständigen Sicherheitsbehörden.

Werden die Passagiere während eines bedrohten Fluges informiert?

Ob und wann die Reisenden über die Bedrohung informiert werden, hängt von der konkreten Situation ab. Vorrang hat, dass die Besatzung die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen geordnet durchführen kann. Je nach Verfahren können dazu auch das Abschalten des Bord-WLANs und elektrischer Lademöglichkeiten gehören. Auch eine Verringerung des Druckunterschieds zwischen Kabine und Außenluft kann unter geeigneten Flugbedingungen vorgesehen sein, um mögliche Folgen einer Explosion zu begrenzen. Der Druckausgleich würde eine Explosion verschlimmern. 

Was passiert, wenn ein mutmaßlicher Sprengkörper an Bord gefunden wird?

"Wir sind keine Sprengstoffexperten, müssen aber natürlich die Folgen einer eventuellen Explosion möglichst klein halten", sagt Pilot Baier. Für den Umgang mit verdächtigen Gegenständen gibt es besondere Verfahren, auf die die Besatzungen vorbereitet werden. Welche Maßnahmen ergriffen werden, hängt von der konkreten Situation und den Vorgaben des Flugzeugherstellers ab. Ziel ist es, mögliche Auswirkungen auf die Menschen an Bord und das Flugzeug so weit wie möglich zu begrenzen.

Was passiert nach der Landung? 

Eine bedrohte Maschine wird nach der Landung in der Regel auf eine dafür vorgesehene, vom übrigen Flughafenbetrieb getrennte Position geleitet. Dort stehen im Idealfall bereits Feuerwehr, Sicherheitskräfte und Spezialisten für die Untersuchung verdächtiger Gegenstände bereit. Die Passagiere verlassen das Flugzeug entsprechend der Lage und den Anweisungen der Besatzung. Anschließend wird die Maschine von den zuständigen Experten untersucht.

Welche Rechte habe Passagiere bei Verzögerungen? 

Flugausfälle im Zusammenhang mit Bombendrohungen sind nach Einschätzung des Fluggastrechteportals Flightright ein außergewöhnlicher Umstand, der die Airlines von Entschädigungspflichten befreit. Die Gesellschaften müssen aber davon unabhängig dafür sorgen, dass ihre Passagiere so schnell wie möglich an das geplante Endziel kommen. Dafür müssen sie Flightright zufolge nicht nur andere Airlines berücksichtigen, sondern sogar alternative Beförderungsmittel - also etwa Bus, Bahn und Taxi.

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