Wenn Hunde ausrasten: Was Halter über das Nervensystem wissen müssen
Ein Hund bellt jeden Artgenossen an, kann nicht allein bleiben oder steht scheinbar ständig unter Strom: Für viele Halter beginnt an diesem Punkt die Suche nach der richtigen Trainingsmethode. Doch genau hier liegt laut Hundetrainer und Autor Marc Ebersbach ("Letzte Rettung: Hundepsychologe", Goldegg Verlag) häufig der erste Fehler. Denn bevor ein Hund ein neues Verhalten lernen kann, muss zunächst geklärt werden, warum er sich überhaupt so verhält. Im Gespräch mit spot on news erklärt Ebersbach, was Stress mit der Lernfähigkeit von Hunden macht, warum Angst nicht einfach "wegtrainiert" werden kann und weshalb immer mehr Hunde mit den Anforderungen ihres Alltags überfordert sind.
Wenn ein Hund plötzlich andere Hunde attackiert, nicht allein bleiben kann oder ständig unter Strom steht: Was machen die meisten Halter in dieser Situation als Erstes falsch?
Marc Ebersbach: Die meisten Halter wollen dem Hund sofort ein neues Verhalten beibringen. Sie denken über Alternativverhalten nach - ganz gleich, ob sie mit positiven, grenzsetzenden oder sogar strafenden Methoden arbeiten. Dabei kann scheinbar gleiches Verhalten völlig unterschiedliche Ursachen haben, die wiederum die Lernfähigkeit des Hundes stark beeinflussen.
Ein Hund, der aus Frust an der Leine pöbelt, muss anders trainiert werden als ein Hund, der aus Furcht heraus andere Hunde attackiert. Der eine braucht Frustrationstoleranztraining, der andere muss spüren, dass sein Halter ihm Schutz bietet.
Biete ich dem ersten Hund beim Anblick fremder Hunde beispielsweise eine Futterbelohnung an, wie es viele Halter machen, kann ich sein Verhalten sogar noch verstärken. Denn der Hund soll nicht lernen, dass sich der Anblick fremder Hunde lohnt, sondern dass er ihnen ruhig begegnen kann. Hier wird also häufig an der falschen Stelle belohnt. Der zweite Hund wäre für eine Futterbelohnung in diesem Moment dagegen oft gar nicht empfänglich, weil sich sein Gehirn längst im Alarmmodus befindet. Er braucht kein Futter, sondern Sicherheit.
Wirksames Training ist deshalb wesentlich komplexer, als viele denken.
Viele Hundehalter besuchen Hundeschulen, machen Onlinekurse und probieren zahlreiche Tipps aus - und trotzdem wird das Verhalten nicht besser. Warum scheitern klassische Trainingsansätze so häufig?
Ebersbach: Viele scheitern, weil sie die Methode in den Vordergrund stellen und nicht die Frage, ob der Hund bei ihrer Anwendung überhaupt lernfähig ist.
Deutliches Angstverhalten beispielsweise lässt sich nicht einfach "wegkeksen". Das ist ebenso wenig sinnvoll wie der Versuch, einem Hund, der in einer bestimmten Situation bereits völlig überfordert ist, noch nachhaltig Grenzen zu setzen. Der Leinenruck ist ein typisches Beispiel dafür. Viele Halter geben ihrem Hund jeden Tag unzählige Male einen Leinenruck, ohne sich zu fragen, warum dieser sein Verhalten über die Jahre eigentlich nicht im gewünschten Sinne verändert hat.
Oft wird außerdem am eigentlichen Problem vorbeitrainiert. Soziale Themen müssen beispielsweise auch auf sozialer Ebene beantwortet werden. Hier fehlt vielen das Verständnis für ein von Natur aus eigenständiges und sensibel fühlendes Lebewesen. Zu oft wird der Hund lediglich als Befehlsempfänger betrachtet.
Sie erklären problematisches Verhalten stark über die Neurobiologie des Hundes. Was sollte jeder Hundehalter über das Gehirn seines Hundes wissen, bevor er versucht, unerwünschtes Verhalten wegzutrainieren?
Ebersbach: Ein Hund, der unter Stress steht, kann häufig nur noch eingeschränkt oder gar kein neues Verhalten mehr lernen. Dabei geht es nicht nur um die konkrete Situation, sondern auch darum, wie stark das Nervensystem des Hundes grundsätzlich belastet ist.
In meinem Buch stelle ich deshalb ein System aus drei Phasen vor. In der ersten Phase wird das Nervensystem des Hundes grundsätzlich entlastet. Denn nur eine leere Festplatte kann neue Programme aufnehmen.
In der zweiten Phase lernt der Hund, Belastungen - beispielsweise die Annäherung eines fremden Hundes - zunehmend mit Ruhe zu beantworten. Erst wenn ihm das gelingt, gehen wir in die dritte Phase über: Nun kann der Hund ein Alternativverhalten lernen.
Diese drei Phasen muss man immer im Blick behalten: Wie belastet ist mein Hund grundsätzlich? Kann er im Moment der Konfrontation mit dem Reiz überhaupt lernen? Erst wenn ich den Hund deutlich entlastet habe und ihm eine dosierte Reizbelastung zumuten kann, ist es sinnvoll, zum üblichen Verhaltenstraining überzugehen.
Wer diese drei Phasen berücksichtigt, kommt wirksam und häufig auch schneller ans Ziel.
Immer mehr Hunde gelten als ängstlich, aggressiv oder "schwierig". Werden unsere Hunde tatsächlich verhaltensauffälliger - oder haben wir heute einfach einen anderen Blick auf ihr Verhalten?
Ebersbach: Tatsächlich werden Hunde verhaltensauffälliger, weil sich ihre Lebensumstände verändert haben.
Früher lebten Hunde meist dort, wo sie geboren und habituiert wurden. Heute werden sie beispielsweise auf einem Bauernhof groß und später in eine Großstadt wie Berlin verkauft. An die Reize dort konnte sich ihr Gehirn in den ersten Lebenswochen nicht gewöhnen - und ist deshalb schnell überfordert.
Oder ein Hund kommt aus Rumänien, hat monatelang unter grausamen Bedingungen in einer Tötungsstation verbracht, wird anschließend kastriert und dann, eingepfercht in eine Box, zwei Tage lang durch halb Europa gefahren. Was glauben die Menschen, wie solche Hunde bei ihnen ankommen? Sozial stabil?
Die Erwartungen sind teilweise naiv: "Ich habe jetzt 14 Tage Urlaub für ihn genommen. Hoffentlich reicht das, denn danach muss ich ihn mit ins Büro nehmen - und da darf er natürlich nicht bellen."
Hinzu kommt, dass Hunde sehr sensibel die zunehmende Belastung ihrer Menschen spiegeln. Viele Halter stehen privat wie beruflich unter Druck und übertragen ihre Erwartungen auf den Hund. Der soll im Alltag funktionieren. Am Ende gerät das System aus den Fugen: Ein überlasteter Hund trifft auf schnell genervte Halter. Viele Hunde werden bereits nach wenigen Wochen wieder abgegeben.
Was können Halter konkret tun, wenn sie zu Hause einen Hund haben, der sie an ihre Grenzen bringt - und woran erkennen sie, dass sie professionelle Hilfe brauchen?
Ebersbach: Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Methoden das Verhalten des Hundes nur noch verstärken und ich immer massiver gegen ihn vorgehe, ist ein Punkt erreicht, an dem ich mir eingestehen sollte, dass ich nicht weiß, was ich tue.
Das ist nichts, wofür man sich schlecht fühlen sollte. Hunde und ihr Verhalten sind nun einmal sehr komplex, und nicht alles, von dem wir glauben, es richtig zu machen, führt am Ende auch in die richtige Richtung.
Grundsätzlich rate ich dazu, einen Hund ebenso klar, liebevoll und verlässlich zu erziehen, wie ich ein Kind erziehen würde. Wenn ich zu Methoden greife, die ich bei einem Kind nicht anwenden würde, bin ich auch beim Hund methodisch falsch abgebogen.
In der Regel werden Hunde zu dogmatisch, zu streng, zu inkonsequent und oft auch wenig empathisch geführt beziehungsweise erzogen. Viele Halter sind sich nicht bewusst, welches Tier mit welchen herausfordernden Eigenschaften sie sich eigentlich ins Haus holen. Aus der Überforderung heraus wird dann schnell zu massiven Methoden gegriffen. Fair gegenüber dem Tier ist das nicht.
Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Agentur spot on news. Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an info@spot-on-news.de
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