Warum wir unsere Psyche wie einen Muskel trainieren müssen

In Großbritannien ist er längst eine der wichtigsten Stimmen für die "Generation Mental Health": Dr. Alex George. Eigentlich durch seine "Love Island"-Teilnahme bekannt geworden, entschied sich der praktizierende Notarzt statt eines Influencer-Daseins für eine Mission mit Tiefgang. Als offizieller Botschafter der britischen Regierung für die psychische Gesundheit junger Menschen kämpft er heute gegen das Stigma von Depressionen und Angstzuständen.
Sein Antrieb ist zutiefst persönlich: 2020 verlor er seinen jüngeren Bruder durch Suizid. Der Schicksalsschlag veränderte seine medizinische Sichtweise grundlegend. In seinem Buch "The Mind Manual" (herbig Verlag, erhältlich ab 16. Februar) bündelt er seine Erfahrungen aus der Notaufnahme mit den Lehren aus seiner eigenen Trauer. Sein Credo: Wir müssen aufhören, psychische Gesundheit erst in der Krise zu beachten, und sie stattdessen als tägliche mentale Fitness trainieren.
Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht Dr. Alex George darüber, warum "innerer Frieden" ein viel wichtigeres Ziel ist als dauerhaftes Glück, wie wir uns in einer digitalen Welt echte soziale Kontakte zurückerobern und welche simplen Werkzeuge uns helfen, auch in stürmischen Zeiten stabil zu bleiben.
Dr. Alex, Sie sagen, dass wir nicht warten sollten, bis wir "kaputt" sind, um über mentale Gesundheit zu sprechen. Wie verschieben wir die Wahrnehmung von "mentaler Krankheit" hin zu "mentaler Fitness"?
Dr. Alex George: Wir haben es normalisiert, uns um die körperliche Gesundheit zu kümmern, bevor etwas schiefgeht. Mentale Fitness bedeutet, alltägliche Gewohnheiten zu nutzen, die unserem Verstand helfen, mit dem Leben klarzukommen - nicht nur eine Behandlung, wenn wir krank sind. Wenn wir diese Sprache in Schulen und am Arbeitsplatz nutzen, sehen Menschen ihre psychische Gesundheit als etwas, das sie täglich stärken können.
Im Zeitalter der sozialen Medien fühlen sich viele Menschen isolierter als je zuvor, obwohl sie vernetzter sind. Sie kategorisieren "soziale Kontakte" in Ihrem Handbuch als eine "Superkraft". Wie können wir diese in einer digitalen Welt neu aufbauen?
Dr. Alex: Soziale Medien können etwas wirklich Positives sein; sie ermöglichen es uns, uns mit Menschen auf der ganzen Welt zu vernetzen und Gemeinschaften mit geteilten Interessen zu finden. Die Herausforderung besteht darin, dass eine digitale Verbindung nicht immer einer emotionalen Verbindung entspricht. Soziale Verbindungen neu aufzubauen bedeutet, Technologie als Brücke zu nutzen und nicht als Ersatz - das heißt: Lieber eine Sprachnachricht wählen statt eines "Likes", ein echtes Nachfragen statt passivem Scrollen und Tiefe vor Quantität zu priorisieren, wenn wir uns vernetzen.
Als Notarzt haben Sie die physischen Ergebnisse mentaler Gesundheitskrisen gesehen. Wie hat Ihre Arbeit in der Notaufnahme Ihr Verständnis für Prävention geprägt?
Dr. Alex: Während meines Medizinstudiums hätte ich nie erwartet, dass so viel in der Notaufnahme mit mentaler Gesundheit zu tun haben würde. In der Notaufnahme trifft man oft Menschen am Ende ihrer Kräfte, die schon lange im Stillen gekämpft haben. Das hat mir gezeigt, wie wichtig präventive Werkzeuge wie Schlaf, Grenzen und Stressbewältigung sind. Wenn wir diese Fähigkeiten früher aufbauen, verringern wir die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen jemals im Krankenhaus landen.
Sie haben sehr offen über den tragischen Verlust Ihres jüngeren Bruders gesprochen. Wie hat Ihnen das Schreiben bei Ihrer eigenen Trauer um Ihren Bruder geholfen?
Dr. Alex: Dieses Buch hat mir geholfen, zu den Grundlagen zurückzukehren und den Rat selbst zu praktizieren, den ich oft anderen gebe. Es hat die Vorstellung bestärkt, dass Trauer nichts ist, über das man hinwegkommt, sondern etwas, mit dem man lernt, Seite an Seite zu leben.
Was hat Sie diese Erfahrung über die menschliche Fähigkeit zur Resilienz gelehrt, die man nicht unbedingt in einem medizinischen Lehrbuch findet?
Dr. Alex: Resilienz sieht meistens sehr gewöhnlich aus: auftauchen, an Routinen festhalten und einen Tag nach dem anderen bewältigen. Lehrbücher fokussieren auf Symptome, aber die Erfahrung zeigt, dass Resilienz durch Beständigkeit, Unterstützung und Selbstmitgefühl aufgebaut wird - nicht durch Willenskraft oder erzwungene Positivität.
Sie betonen, dass mentale Fitness eine tägliche Praxis ist. Wie sieht Ihre persönliche "mentale Morgenroutine" aus?
Dr. Alex: Meine Routine ist ziemlich einfach. Ich schütze meinen Schlaf, verzichte darauf, sofort nach dem Handy zu greifen, und versuche, den Tag mit etwas Bewegung und Tageslicht zu beginnen. Es geht darum, mir selbst den bestmöglichen Ausgangspunkt zu verschaffen, nicht einen perfekten.
Viele Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie "Nein" sagen. Sie erwähnen, dass "Grenzen wunderbar sind" als eine Ihrer sieben universellen Wahrheiten - wie können wir anfangen, sie zu setzen, ohne das Gefühl zu haben, andere im Stich zu lassen?
Dr. Alex: Bei Grenzen geht es nicht um Ablehnung, sondern um Selbstachtung. "Nein" zu etwas zu sagen, bedeutet oft "Ja" zu seiner eigenen Energie, seiner Gesundheit oder seinen Werten zu sagen. Es hilft, sich daran zu erinnern, dass Groll entsteht, wenn Grenzen ignoriert werden. Klare, freundliche Grenzen stärken Beziehungen tatsächlich, weil sie ehrlich und nachhaltig sind.
Führt das Setzen von Grenzen nicht manchmal zu sozialer Isolation?
Dr. Alex: Nur, wenn wir nicht achtsam sind. Grenzen sollen unser Wohlbefinden schützen, uns aber nicht von Verbindungen abschneiden. Manchmal ist es die richtige Wahl, "Nein" zu bestimmten Umgebungen oder Verhaltensweisen zu sagen, aber es ist wichtig, Grenzen nicht zu einem Grund für einen vollständigen Rückzug werden zu lassen. Ich habe das selbst gelernt, als ich aufgehört habe, Alkohol zu trinken. "Nein" zum Pub zu sagen, war eine gesunde Grenze, aber mir wurde auch klar, dass ich dies durch andere Wege ersetzen musste, um in Verbindung zu bleiben. Gesunde Grenzen sollten die Verbindung nicht verringern; sie sollten uns helfen, sie auf eine Weise aufzubauen, die für uns wirklich funktioniert.
Im Buch beschreiben Sie, wie das, was wir essen und wie wir uns bewegen, unsere Gedanken beeinflusst. Was ist für jemanden, der sich träge und ängstlich fühlt, die kleinste und einfachste körperliche Veränderung, die er heute tun kann, um seinen mentalen Zustand zu verbessern?
Dr. Alex: Bewegung und Flüssigkeitszufuhr. Ein kurzer Spaziergang, besonders im Freien, kann Ängste deutlich reduzieren und die Stimmung verbessern. Dazu ausreichend Wasser trinken und regelmäßig essen, um das Energieniveau zu stabilisieren. Kleine, erreichbare Veränderungen sind weitaus kraftvoller, als zu versuchen, alles auf einmal umzukrempeln.
Wenn Sie zurückgehen und mit Ihrem jüngeren Selbst während seiner ersten Panikattacke sprechen könnten - was wäre der wichtigste Rat aus "The Mind Manual", den Sie ihm geben würden?
Dr. Alex: Ich würde ihm sagen, dass Panik unangenehm, aber nicht gefährlich ist und dass sie vorbeigehen wird. Ich würde ihn daran erinnern, dass Angst kein Versagen bedeutet und dass es eine Stärke ist, um Hilfe zu bitten, keine Schwäche.
Für jemanden, der gerade am Tiefpunkt ist und keinen Ausweg sieht: Warum ist Ihr Buch nicht einfach nur ein weiterer Selbsthilfe-Ratgeber, sondern ein echtes "Rettungsfloß"?
Dr. Alex: Dieses Buch verlangt von den Menschen nicht, sich selbst zu reparieren oder über Nacht eine bessere Version ihrer selbst zu werden - es holt sie dort ab, wo sie stehen. Im "Mind Manual" geht es darum, zuerst für Stabilität zu sorgen und den Menschen zu helfen, Schritt für Schritt zurück zu ihrer Baseline zu finden. Es bietet Beruhigung, praktische Werkzeuge und Hoffnung, wenn sich die Dinge überwältigend anfühlen. Manchmal geht es bei einem Rettungsfloß nicht darum, sofort das Ufer zu erreichen, sondern darum, über Wasser zu bleiben, bis man wieder atmen kann.