Von Besuchermassen überrannt: So wehrt sich dieser Südtiroler Hotspot

Instagram-Touristen aus aller Welt kamen wegen Terence Hill an den Pragser Wildsee. Wie sich die kleine Gemeinde gegen die Massen gewehrt hat und was der Bürgermeister als Nächstes plant.
von  Martina Scheffler
Hotspot? Naja. Boote, Spaziergänger – aber in Maßen: So sieht es an einem Septembermittag am Pragser Wildsee aus.
Hotspot? Naja. Boote, Spaziergänger – aber in Maßen: So sieht es an einem Septembermittag am Pragser Wildsee aus. © Martina Scheffler


"Am Vormittag sind die meisten da“, sagt Silke Stabinger. "Das Licht ist dann schön.“ Die meisten? Das waren einmal bis zu 15.000 Besucher am Tag. Willkommen an dem Südtiroler Tourismus-Hotspot, dem Pragser Wildsee.
Was vor 2012 ein schöner See von vielen in den Dolomiten war, wurde mit den Dreharbeiten zu der italienischen TV-Serie „Un passo dal cielo“ (deutsch: "Die Bergpolizei“) mit Filmstar Terence Hill in der Rolle des Forstkommandanten Pietro zum Sehnsuchtsort für Reisende aus aller Welt.

Für ein Instagram-Foto an dem türkis-grün schimmernden Bergsee vor der Kulisse von Seekofel und Großem Rosskopf fliegen immer noch die Massen von weit her ein. Doch zuvor wurde alles zu viel für das kleine Pragser Tal mit seinen rund 600 Einwohnern.

Terence Hill 2012 bei den Dreharbeiten zur zweiten Staffel von „Un passo dal cielo/Die Bergpolizei – Ganz nah am Himmel“.
Terence Hill 2012 bei den Dreharbeiten zur zweiten Staffel von „Un passo dal cielo/Die Bergpolizei – Ganz nah am Himmel“. © Michael 2015/Wikipedia


Corona bescherte eine Atempause, und es wurde klar: Man braucht eine dauerhafte Besucherlenkung. Die gibt es seit vier Jahren. An diesem Septembermittag strahlt die Sonne, der See leuchtet. Aber von Überfüllung keine Spur. Wie ist das gelungen?

Vorher fast ausschließlich Landwirtschaft

Besuch bei Friedrich Mittermair im Rathaus, tatsächlich ein "weißes Haus“. Mittermair ist Bürgermeister der Gemeinde Prags, seit elf Jahren schon. "Ich bin genau, sobald das hier losgegangen ist, der Verkehr, hierhergekommen“, erinnert er sich an den Beginn des Hypes. Vor der Serie hatte man im Tal "fast ausschließlich Landwirtschaft“.

Bürgermeister Friedrich Mittermair.
Bürgermeister Friedrich Mittermair. © Gemeinde Prags


"Es war schon eine sehr, sehr schwierige Zeit. Die Bürger haben sich wirklich aufgeregt“, erinnert er sich an die Boom-Zeiten. Einen Spitzenwert habe es 2018 mit 18.000 Besuchern täglich gegeben, sagt Stabinger, Direktorin des Tourismusvereins Pragser Tal. "Das war natürlich für die Bewohner nicht mehr tragbar. Die Bushaltestellen waren alle voll, weil jeder versucht hat, irgendwie mit dem Bus hochzukommen“, erzählt sie der AZ.


"Autos wurden im landwirtschaftlichen Grün geparkt. Die Leute sind nicht mehr zu ihren Häusern gekommen: Wenn sie zur Arbeit gefahren sind, baute sich so ein großer Stau auf, dass sie anschließend nicht mehr zurückgekommen sind. Da war man gezwungen, etwas zu unternehmen.“ Sie hätten im Pragser Tal nicht gleich die perfekte Lösung gefunden. "Aber mittlerweile funktioniert es gut.“

Silke Stabinger, Direktorin des Tourismusvereins Pragser Tal.
Silke Stabinger, Direktorin des Tourismusvereins Pragser Tal. © Martina Scheffler

So gut, dass aus 10.000 bis 15.000 Tagesgästen mittlerweile 5000 bis 6000 geworden sind. Orientiert hat sich Prags an einer Tragfähigkeits-Studie der Universität Venedig. Der zufolge verträgt ein Gebiet wie der Pragser Wildsee 5000 bis 7000 Besucher am Tag.

Die Besucherlenkung wird online geregelt. Vom 1. Juli bis zum 15. September eines jeden Jahres muss der Besuch zwischen 9 und 16 Uhr geplant werden, wenn man nicht mit dem Radl oder per pedes durchs Tal zum See kommen will.

So kommt man mit Pkw und Bus hin


Wer mit dem eigenen Pkw anreist, muss sich seinen Parkplatz vorher online reservieren. Auf der Webseite www.prags.bz./de wird der Urlauber gewarnt: "Eine Anreise vor 9 Uhr ist zwar möglich, garantiert aber keinen freien Parkplatz. Ohne Reservierung kann es sein, dass bereits alle Parkplätze belegt oder reserviert sind.“ Dann wird man abgewiesen.

Für eine ganztägige Durchfahrtsgenehmigung und Reservierung auf einem der Parkplatzareale in unterschiedlicher Entfernung zum See zahlt man als Kombiticket 44 Euro. 22 Euro davon sind als Gutschein in einem Restaurant am See einlösbar.

AZ-Redakteurin Martina Scheffler mit desinteressierter Kuh.
AZ-Redakteurin Martina Scheffler mit desinteressierter Kuh. © privat


"99 Prozent der Leute sagen sofort: Es tut mir leid“

Wer mit dem Bus anreist, muss ebenfalls vorher online buchen. Der Shuttle fährt ab Welsberg und Toblach, Hin- und Rückfahrt kosten 13 Euro. Vom 16. September an entfällt die Notwendigkeit, vorab zu reservieren – für Bus- und Autoreisende. "Schon etwas kompliziert“ findet die Regelungen ein Paar aus München. "Aber wenn wir nicht hergekommen wären, hätten wir wirklich etwas verpasst.“ Anders sieht es dagegen eine Mitarbeiterin in einer Ferienanlage: Sie stört sich daran, dass auch Südtiroler, die nicht im Pragser Tal wohnen, das Anmeldeverfahren mitmachen und zahlen müssen.

Allein mit dem See? Ist man am Pragser Wildsee immer noch höchst selten. Aber ein freier Blick ist immer drin.
Allein mit dem See? Ist man am Pragser Wildsee immer noch höchst selten. Aber ein freier Blick ist immer drin. © Martina Scheffler

"Es war uns wichtig, die einheimische Bevölkerung mitzunehmen“, sagt Bürgermeister Mittermair beim Gespräch mit der AZ im Rathaus. Ein Beispiel? "Wenn ein Bürger in unserem Tal einen Besuch hat, kann er ihn in Echtzeit reinlassen, kann ihm etwa eine Durchfahrtsgenehmigung schicken, dass er mit dem Pkw durch die Schranke durchkommt. Das hat alles dazu beigetragen, dass die Akzeptanz bedeutend gestiegen ist.“

Auch bei den Touristen? Man habe sich Tripadvisor-Rezensionen angeschaut, sagt Silke Stabinger. "Die sind besser geworden nach der Einführung der Maßnahmen.“ Im Schnitt blieben die Besucher drei Stunden am See. Mit dem Gutschein wolle man sie generell dazu bringen, etwas länger zu verweilen und dort zu essen. Und Urlauber, die sich in der Natur falsch verhielten, etwa ihren Müll achtlos fallen ließen, würden von anderen Besuchern schon mal angesprochen. "So merken die, sie werden gesehen.“

Hinweisschild am Pragser Wildsee dazu, wie lange die Natur braucht, um sich vom Müll zu erholen.
Hinweisschild am Pragser Wildsee dazu, wie lange die Natur braucht, um sich vom Müll zu erholen. © Martina Scheffler


Wenn das nicht hilft, gibt es nun einen Ranger. Er berät und sensibilisiert. Etwa für das Drohnen-Verbot. Drohnen würden hier gerne für schöne Fotos genutzt, erzählt Stabinger. "Dann weist der Ranger darauf hin, dass wir in einem Naturpark sind. 99 Prozent der Leute sagen sofort: Es tut uns leid.“

Drohnenverbot!
Drohnenverbot! © Martina Scheffler


Nachjustieren müsse man eventuell noch intern, sagt Mittermair: "Die öffentlichen Busse kommen bereits voll hinein ins Tal und dann bekommt der Gast, der hier Urlaub macht, keinen Platz mehr an den Haltestellen. Das ist ein Punkt, den wir verbessern müssen.“


Mittermair hat zudem einen eigenen Zughalt für das Pragser Tal vorgeschlagen. "Wir möchten einen intermodalen Knoten machen.“ Geplant sei kein Bahnhof, sondern eine Haltestelle, an der sich Besucher gleich informieren können, mit sogenannten Infopoints, mit Toiletten und einer Kurzparkzone, an der man in die Shuttlebusse zum See einsteigen kann. "Wir sind momentan dabei, die urbanistischen Voraussetzungen zu schaffen.“

"Wir sind dabei, Druck zu machen"

Wann soll es so weit sein? "Wir reden hier von der RFI, die Staatsbahn ist“, sagt der Bürgermeister mit einem Augenzwinkern. "Aber wir sind im Moment dabei, Druck zu machen.“ Es solle "mittelfristig“ so weit sein. "Vielleicht zwei, drei Jahre.“


Nun leben sehr viele Menschen in Südtirol vom Tourismus. Ist es eine schwierige Gratwanderung zwischen dem, was die Wirtschaft braucht, und dem, was zu viel ist? "Wir haben ein Land, das schon immer sehr begehrt war“, sagt Mittermair. "Der Grund, den wir haben, wird nicht zunehmen. Der Tourismus dagegen schon. Als Verwalter sehe ich die Aufgabe darin, ihn besser zu organisieren.“

Rathaus (M.) der Gemeinde Prags.
Rathaus (M.) der Gemeinde Prags. © Martina Scheffler


Tauscht man sich mit anderen Hotspot-Gemeinden aus? "Sicher“, sagt Mittermair. Stabinger liefert ein Beispiel: So seien etwa Vertreter der Zugspitzregion nach Prags gekommen und hätten ihre Erfahrungen vom ebenfalls stark frequentierten Eibsee geschildert. "Die lernen von uns und wir von ihnen.“

"Das bringt schon Wertschöpfung in eine Region"

Die Hauptsaison, Sommer und Weihnachten, wird im Pragser Tal inzwischen nicht mehr beworben, dafür noch der Winter generell. War der TV-Erfolg von "Un passo dal cielo“ nun Fluch oder Segen für das Pragser Tal?
"Beides“, findet der Bürgermeister. Die touristische Saison habe sich verlängert, früher nur Juli und August, jetzt Mai bis November. "Das bringt schon Wertschöpfung in eine Region, in ein Tal mit 600 Einwohnern, die sonst alle zur Arbeit pendeln müssten. Die jungen Leute können hierbleiben, können hier investieren, haben eine Zukunftsperspektive.“


Terence Hill, sollte er nach seinem Ausstieg aus der Serie mal wieder an den Pragser Wildsee kommen, würde also von Friedrich Mittermair im Rathaus freundlich empfangen werden? 2Natürlich“, sagt Mittermair und lächelt. Dezent.

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