Interview

Verhaltensbiologin Hannah Humby: Warum uns Elefanten ähnlich sind

Die weiblichen Tiere leben wie eine Familie zusammen und freuen sich beim Wiedersehen. Was sie besser als der Mensch können und ob sie wirklich weinen.
| Rosemarie Vielreicher
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Die junge Forscherin hat Elefanten auf ihren vielen Reisen - etwa in Kenia und Myanmar - so intensiv wie wenige andere erlebt.
Die junge Forscherin hat Elefanten auf ihren vielen Reisen - etwa in Kenia und Myanmar - so intensiv wie wenige andere erlebt. © Matthias Egeler

AZ: Frau Mumby, man unterteilt Menschen ja gerne in Hunde- oder Katzenfreunde. Sie sind eine Elefantenfreundin. Warum?
HANNAH MUMBY: Ich muss hier einleitend dazu sagen: Ich mag auch Hunde sehr gern. Ich hatte nie geplant, eine Elefantenfreundin zu sein. Ich war zunächst interessiert daran, wie langsam und lang sie leben, und auch wie besonders sozial im Umgang miteinander. Aber Elefanten dann tatsächlich zu beobachten, hat mir vor Augen geführt, dass wir einiges von uns in Elefanten wiedererkennen können, aber natürlich auch, dass sie einige supercoole Sachen können, die sie uns Menschen voraushaben. Wie ihren hervorragenden Geruchssinn - Elefanten haben sogar mehr Gene für den Geruch als mein Hund!

Was war der schönste Moment, den Sie mit einem Elefanten bisher erlebt haben?
Ich habe Glück gehabt - denn es gibt so viele solcher Momente. Gerade würde ich sagen, der schönste Moment war, als ich einen neugeborenen Elefanten zum ersten Mal gesehen habe. Bei meiner ersten Reise nach Kenia waren wir auf einer Routine-Fahrt, als wir auf eine junge Mutter mit ihrem Neugeborenen getroffen sind. Die Haut des Babys schaute aus wie ein weiter pinker Pyjama. Und das Tier hatte Probleme damit, zu seiner Mutter hinaufzukommen und zu nuckeln. Elefantenkälber sind wirklich besonders. Sie müssen erst lernen, ihren Rüssel zu kontrollieren. In den ersten paar Monaten zappeln sie damit ziemlich herum.

Hier wird in Myanmar ein Elefant gewogen.
Hier wird in Myanmar ein Elefant gewogen. © Alexandre Courtiol

Verhaltensbiologin: "Habe noch viele Pläne"

Sie untersuchen Elefanten von Kenia bis Myanmar, ihre Lebensweise und inwiefern sie den Menschen ähneln. Wie muss man sich diese Arbeit vorstellen?
Aktuell bedeutet es viele Analysen von Daten, die wir in den vergangenen fünf Jahren gesammelt haben. Darunter zum Beispiel Muster genetischer Verwandtschaft, soziale Interaktionen der Tiere oder auch Videos von Experimenten, in denen Elefanten Nahrung aussuchen, oder Berichte über die Länge der Stoßzähne. Ich habe noch viele Pläne für Feldversuche, vor allem in Nepal und Thailand.

Was haben wir Menschen denn mit Elefanten gemein?
Viele Dinge! Interessant ist zum Beispiel die lange Zeit, bis der Nachwuchs eigenständig wird. Wenn wir darüber nachdenken: Wozu ist die Kindheit da? Um Dinge zu lernen - und auch Elefanten müssen vieles erlernen. Man sagt normalerweise, dass sie im Alter von etwa fünf Jahren selbst auf Nahrungssuche gehen und ab dann sehr selten säugen. Was die Ausbreitung der Männchen betrifft, so ist dies normalerweise in den heranwachsenden Jahren zwischen 13 und 18 Jahren.

Und sonst?
Eine andere Gemeinsamkeit zwischen Elefanten und Menschen ist, dass für beide soziale Beziehungen über Jahrzehnte hinweg und Kommunikation sehr wichtig sind. Jeder, der schon einmal Elefanten beobachtet hat, die sich nach einer langen Zeit wieder treffen, kann nicht anders, als das eigene Verhalten darin zu erkennen.

"Mütter sind sehr wichtig für die Kälber"

Männliche Elefanten ziehen von der Herde weg, die weiblichen Tiere dagegen leben in der Familie zusammen und kümmern sich umeinander. Warum leben sie nicht alle gemeinsam - wie der Mensch?
Wie sich Eltern um den Nachwuchs kümmern, variiert sehr stark in der Tierwelt. Von Arten, die sich sehr wenig kümmern, bis hin zu sehr viel Fürsorge. Es gibt auch männliche Tiere, die sich um den Nachwuchs kümmern: zum Beispiel Vögel, die ihre Babys füttern. Bei Elefanten ist es so, dass die älteren weiblichen Verwandten und natürlich die Mutter sehr wichtig für die Kälber sind. Diese Bindungen unter verwandten Tieren formen das soziale Leben der Weibchen, auch wenn sie mit weiter entfernten Gruppen interagieren. Dass die männlichen Tiere ausziehen, könnte daran liegen, dass es die Chancen auf Inzucht verringert.

Hannah Mumby
Hannah Mumby © Moritz Muschik

Unterschiedliche Sichtweisen gibt es über eine angebliche Gemeinsamkeit mit dem Menschen: Können Elefanten nun weinen oder nicht?
Wenn es darum geht, dass die Augen Tränen produzieren: ja. Aber ich denke, hinter Weinen stecken sehr viele Emotionen, von denen wir nicht ausgehen können, dass sie Elefanten genau so empfinden. Aber dafür gibt es weitere gemeinsame Verhaltensmuster wie das Schütteln des Kopfes, Berührungen mit dem Rüssel oder verschiedene Lautäußerungen.

"Nicht zwingend negativen Einfluss auf Elefanten"

Der Mensch beeinflusst Elefanten auch stark. Zum Beispiel haben sich bei Arbeitstieren die Schwangerschaften in die Arbeitspausen verlagert, obwohl Elefanten das ganze Jahr über trächtig werden könnten. Das führen Sie in Ihrem neuen Buch aus. Inwiefern beeinflusst der Mensch die Tiere noch?
Ich denke, dass wir nicht zwingend einen negativen Einfluss auf die Elefanten haben. Man kann es auch so sehen, dass es ein gutes Timing ist. Wir können Elefanten in vielen Wegen beeinflussen, kurz- und langfristig. Ein interessantes Verhaltensmuster, das meine Kollegen in Südafrika herausgefunden haben: Sie haben mithilfe von GPS-Halsbändern beobachtet, dass Elefanten den Tag über in Waldgebieten verbrachten und dann nachts auf sehr direkten Wegen schnell durch offene Gebiete wanderten. Das machen sie wohl, um Menschen zu meiden, da diese am Tag viel unterwegs sind.

Wie muss der Mensch den Umgang mit den Tieren verändern, um sie nicht zu gefährden?
Wir müssen für wilde Elefanten ihre Lebensräume verbinden und ihnen genügend Platz geben, damit sie ihre gewohnten Distanzen zurücklegen können. Das klingt einfach, aber das ist eine riesige Aufgabe. Menschen, die davon betroffen sind, sollten unterstützt werden. Für Elefanten in Gefangenschaft ist es entscheidend, ihnen Bewegungsfreiheit, gutes Fressen und genügend Schlaf zu bieten.

Hannah Mumby mit einem weißen Elefantenkalb in Myanmar.
Hannah Mumby mit einem weißen Elefantenkalb in Myanmar. © Matthias Egeler

"Ein Elefant vergisst nie"

In China rätselt man gerade, warum eine Herde Elefanten plötzlich Hunderte Kilometer nach Norden abwandert. Was, denken Sie, steckt dahinter? Und zeigt das, dass wir noch viel über die Tiere zu lernen haben?
Ich war in dieser Region noch nie, aber mir geht es wie jedem dort: Ich weiß nicht, was dort vorgeht. Mein bester Erklärungsvorschlag ist, dass es als eine Art Erkundung begonnen hat, und dann sind die Elefanten weiter marschiert, weil sie viel kalorienreiches Fressen gefunden haben. Ich denke, was wir dabei auch beachten müssen: Historisch gesehen haben Elefanten weite Strecken zurückgelegt. Möglicherweise haben wir sie mit dem begrenzten Platz, den wir für Schutzgebiete haben, eingeschränkt. Aber dass insbesondere junge Tiere herumziehen, ist nicht ungewöhnlich. Normalerweise erleben sie immer wieder einmal abschreckende Situationen und sie bewegen sich wieder zurück. In diesem Fall in China sind die Tiere getrackt, Menschen kommen nicht mit ihnen in Kontakt und sie dürfen auch keine Waffen gegen die Tiere benutzen.

Es gibt das wenig schmeichelhafte Sprichwort: wie ein Elefant im Porzellanladen sein. Wie müsste ein Sprichwort lauten, das den Elefanten als Individuum besser beschreibt?
Es gibt auch noch ein anderes Sprichwort: Ein Elefant vergisst nie - und das ist sehr wahr, sie haben ein exzellentes Langzeitgedächtnis und Erinnerungen an das gemeinsame Miteinander.


Hannah Mumby: "Elefanten. Das Leben der Riesen zwischen Geburt, Familie und Tod",Hanser Verlag, 26 Euro.

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