Tiger infiziert: Können Tiere das Coronavirus bekommen?

In einem Zoo infiziert sich ein Tiger mit Corona – durch einen Menschen. Auch Haustiere sollen sich angesteckt haben. Experten sind skeptisch.
| vl/cah/lma
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Tierpathologe Achim Gruber mit Hund Benni.
privat/dpa Tierpathologe Achim Gruber mit Hund Benni.

New York - Das neuartige Coronavirus scheint auch Wildtiere zu befallen: Ein Tiger in einem Zoo in New York hat sich mit dem Covid-19-Erreger infiziert. Die vier Jahre alte malaysische Tigerkatze Nadia sei positiv auf das Virus getestet worden, teilte der Bronx Zoo am Sonntag mit. Nadia habe einen trockenen Husten entwickelt und sei deshalb vorsichtshalber getestet worden.

Auch ihre Schwester Azul sowie zwei Sibirische Tiger und drei Löwen zeigten Symptome. Es werde aber erwartet, dass sich alle erholten, schreibt der Zoo in einer Pressemitteilung. Die Tiere hätten etwas weniger Appetit, ansonsten gehe es ihnen gut, hieß es.

Raubkatzen mit Corona infiziert

Nach Angaben des Zoos haben sich die Raubkatzen bei einem Pfleger angesteckt, der das Virus in sich getragen, aber keine Symptome gezeigt hat. Der Zoo ist wegen der Corona-Krise seit rund drei Wochen für Besucher geschlossen. Der Übertragungsweg erinnert an eine Meldung von Ende März, die allerdings von einem Stubentiger berichtete: Eine Katze hatte sich demnach in Belgien bei einem Menschen mit dem Virus angesteckt.

Viele Tierbesitzer sind nun verunsichert, sagt Achim Gruber. Zum Thema Haustiere und Corona stehe das Telefon kaum noch still, so der Chef der Tierpathologie an der Freien Universität Berlin, der als ausgewiesener Kenner von Tierkrankheiten in Deutschland gilt.

Coronavirus: Entwarnung für Hunde

Für Hunde gibt er sofort Entwarnung. Bei Katzen sei die Forschungslage deutlich unklarer, aber generell sieht Gruber auch bei ihnen keinen Grund zur Sorge – geschweige denn zur Panik. Allein schon, weil es zwar weltweit viele Hunderttausend nachweislich infizierte Menschen gibt. Doch selbst bei dieser großen Zahl seien bisher keine alarmierenden Folgen für ihre Haustiere aufgefallen – oder ein Zusammenhang mit ihnen als mögliche Überträger des neuen Virus auf den Menschen, sagt Gruber.

Er bekommt viele Anfragen von Tierbesitzern: Ob sie ihre Lieblinge nun isolieren sollen? Oder testen lassen? "Wir sagen: für Hunde nein. Bei Katzen können wir uns noch nicht ganz sicher sein." Für Katzen gebe es eine erste, allerdings schwache Studie, die eine Rolle bei der Übertragung nicht komplett ausschließen lässt. "Aber das heißt noch lange nicht, dass Katzen erkranken – oder gar Menschen infizieren könnten."

Tierpathologe Achim Gruber mit Hund Benni.
Tierpathologe Achim Gruber mit Hund Benni. © privat/dpa

Den Fall aus dem belgischen Lüttich sieht er extrem kritisch. "Ich bin nicht überzeugt davon, dass die Katze in Belgien an dieser menschlichen Coronavirus-Infektion erkrankt ist." Denn es gebe lediglich einen Nachweis des genetischen Materials des Virus im Kot und in einer Magenprobe der Katze. "Ohne jeglichen Beweis, dass dieser Erreger an den klinischen Symptomen dieses Tiers ursächlich beteiligt war", ergänzt er.

Bereits Anfang März gab es auch Berichte über einen Hund, der sich in Hongkong angesteckt haben sollte. Wie sich herausstellte, wurden lediglich Erreger im Schnauzenbereich festgestellt. Da seine Besitzerin an dem Virus erkrankt war, ist davon auszugehen, dass sie mit ihm geschmust hat und es dabei zu einer oberflächlichen Übertragung kam.

Urteil über chinesische Studie: "Schlecht gemacht"

Am Mittwoch machte dann eine chinesische Studie die Runde, nach der Katzen das neue Virus angeblich nachweislich bekommen und sogar an Artgenossen weitergeben könnten. Für die Studie, die vor der Veröffentlichung nicht wie sonst bei seriöser Forschung üblich von anderen Wissenschaftlern kritisch gegengelesen wurde, entfährt Gruber nach der Lektüre spontan das Urteil "schlecht gemacht".

Denn den fünf Versuchskatzen wurde das neue Virus in hohen Dosen in die Nase gespritzt. Das ist schon einmal eine ganz andere Situation, als wenn Mieze auf dem heimischen Sofa liegt. Nach sechs Tagen wurden in China zwei der Versuchskatzen eingeschläfert, um zu sehen, ob sich das Virus in ihren Organen vermehrt hatte. Virus-RNA fand sich in ihren oberen Atemwegen, nicht aber in den Lungen. Andere der bewusst infizierten Tiere wurden in Käfigen neben drei andere Katzen gesetzt – dabei beobachteten die chinesischen Wissenschaftler einen einzigen Fall der Übertragung des Virus.

Keine infizierten Katzen in Heinsberg

"Keine der Katzen zeigte Krankheitssymptome", kommentiert Linda Saif von der US-amerikanischen Ohio State University für das Fachmagazin "Nature" das Experiment. Es zeige auch nicht, dass das Virus unter Katzen leicht übertragbar sei. Weitere Studien seien nötig, sagt auch Dirk Pfeiffer von der City University in Hongkong in dem Magazin. Sicher sei aber schon: Katzen seien kein treibender Faktor bei der Ausbreitung der Pandemie. Das sieht das Friedrich-Loeffler-Institut als Bundesforschungsinstitut für Tierseuchen genauso.

Achim Gruber vertraut daher eher anderen Quellen: Im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, der schon anfangs stark von der Pandemie betroffen war, hätten Forscher auch viele Katzen von infizierten Menschen beprobt, berichtet er. "Sie haben das Virus auf Türklinken gefunden und auf Klodeckeln – aber nicht in einer einzigen Katze."

Abstandsregeln für Haustiere hält Gruber bei der bisherigen Forschungslage deshalb für übertrieben.

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