Therapietiere im Klinikalltag: Hohe Akzeptanz, geringe Verfügbarkeit
Ein Hund am Krankenbett ersetzt keine medizinische Behandlung. Aber er kann etwas schaffen, das im Klinikalltag selten ist: Ruhe, körperliche Nähe und Ablenkung ohne Diagnose oder Untersuchung. Genau darauf zielt tiergestützte Therapie ab.
Große Zustimmung, kaum eigene Erfahrungen
Eine neue repräsentative Studie des Tiernahrungsherstellers Purina zeigt eine deutliche gesellschaftliche Befürwortung: 87 Prozent der über 2.600 befragten Personen in Deutschland sind überzeugt, dass Haustiere Menschen in schwierigen Lebensphasen emotional stützen können. 84 Prozent sehen in Therapiebegleithunden eine sinnvolle Ergänzung zur gesundheitlichen Therapie; 68 Prozent bewerten Kliniken, die solche Angebote machen, generell positiver.
Dem gegenüber steht ein ernüchternder Befund: Nur zehn Prozent der Befragten hatten bei einem Klinikaufenthalt tatsächlich Zugang zu einem tiergestützten Angebot. Dort, wo Therapiehunde im Einsatz waren, war die Resonanz jedoch hoch - 73 Prozent der betroffenen Patientinnen und Patienten nahmen das Angebot gern an.
Das Ergebnis passt zu einer Entwicklung, die viele Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Schulen und therapeutische Praxen bereits kennen: Tiere werden zunehmend als Begleiter in belastenden Situationen eingesetzt. Meist handelt es sich um Hunde, daneben kommen aber auch Pferde, Alpakas, Kaninchen oder andere Tiere zum Einsatz. Fachlich wird zwischen tiergestützter Therapie, tiergestützter Pädagogik, tiergestützter Förderung und Besuchsdiensten unterschieden. Diese Unterscheidung ist wichtig: Ein Besuchshund im Altenheim ist nicht automatisch ein Therapietier im engeren Sinn, und ein freundlicher Familienhund ersetzt keine qualifizierte Fachkraft.
Besonderer Bedarf bei Kindern
Besonders groß ist die Zustimmung mit Blick auf junge Patientinnen und Patienten: 86 Prozent der Befragten sehen einen Nutzen von Therapiebegleithunden für Kinder, 88 Prozent der Eltern würden den Einsatz für das eigene Kind im Krankenhaus begrüßen. Die Vorteile liegen nahe: Krankenhausaufenthalte können für Kinder Kontrollverlust, Angst und Trennung vom Alltag bedeuten. Eine systematische Übersichtsarbeit zu tiergestützten Interventionen in pädiatrischen Kliniken im Fachjournal Frontiers in Psychology wertete 21 Studien aus - alle setzten Hunde ein. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass solche Interventionen Angst und belastetes Verhalten reduzieren können.
Nicht ganz so eindeutig ist die Datenlage bei Demenz: Ein Cochrane-Review kommt zu dem Ergebnis, dass tiergestützte Therapie depressive Symptome möglicherweise leicht verringern kann. Für andere Bereiche wie Lebensqualität, Agitation oder Alltagsfunktionen fehlt hingegen klare Evidenz. Auch Daten zu Nebenwirkungen und Auswirkungen auf die eingesetzten Tiere seien unzureichend, so die Autoren.
Große Hürden beim Angebot
Dass die Nachfrage größer ist als das Angebot, hat ebenfalls nachvollziehbare Gründe. Kliniken müssen Haftung, Hygiene, Allergien, Tierwohl, Personalakzeptanz und Patientensicherheit klären. Das Robert Koch-Institut verweist darauf, dass Tierhaltung in Einrichtungen des Gesundheitsdienstes nicht grundsätzlich verboten ist, die konkreten Maßnahmen aber auf Basis einer Risikoanalyse vor Ort festgelegt werden müssen. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene empfiehlt für Therapiehunde unter anderem Zustimmung der beteiligten Bereiche, Klärung der Haftung, Einbindung der Krankenhaushygiene sowie regelmäßige veterinärmedizinische Untersuchungen.
Und trotz aller Vorteile gilt es immer, zu bedenken: Therapietiere sind immer als ergänzendes Angebot zu verstehen, nicht als eigenständige Heilmethode. Sie können Kontakt erleichtern, Motivation erhöhen, Angst senken oder Gespräche anbahnen. Besonders hilfreich kann das bei Menschen sein, die verbal schwer erreichbar sind: Kinder, demenziell erkrankte Menschen, traumatisierte Patientinnen und Patienten oder Menschen mit Behinderung. Der Effekt entsteht nicht durch das Tier allein, sondern durch ein strukturiertes Konzept: eine geschulte Fachkraft, ein geeignetes Tier, klare Ziele und eine Auswertung des Einsatzes.
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