Sex muss schmecken

Er machte Millionen Menschen Lust: Oswalt Kolle hat die Nation aufgeklärt und erregt. Jetzt, in seinem 80. Lebensjahr, plädiert er gegen Tabus bei Jungen, für Erotik bei Alten – und für Viagra. Ein AZ-Interview.
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Oswalt Kolle und seine neue Liebe Josee del Ferro (67).
dpa Oswalt Kolle und seine neue Liebe Josee del Ferro (67).

Er machte Millionen Menschen Lust: Oswalt Kolle hat die Nation aufgeklärt und erregt. Jetzt, in seinem 80. Lebensjahr, plädiert er gegen Tabus bei Jungen, für Erotik bei Alten – und für Viagra. Ein AZ-Interview.

Liebe kann man nicht lernen, Sexualität sehr wohl“, verkündete Oswalt Kolle in Büchern und Filmen – und machte in den 60ern weltweit 140 Millionen Menschen Lust. Die Kirchen prangerten ihn an, sahen Sitte und Moral gefährdet, es hagelte Anzeigen. Das stachelte den Sex-Missionar erst richtig an. Jetzt, wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag, hat er seine Biografie „Ich bin so frei“ (Rowohlt) vorgelegt.

AZ: Herr Kolle, für ProSieben haben Sie gerade die fünfteilige Reihe „Sexualreport 2008“ abgedreht. Gibt’s für den Ex-Aufklärer der Nation heute noch was zu tun?

OSWALT KOLLE: Oh ja, es gibt immer noch große Tabus. Es wird öffentlich zwar viel über Sexualität gesprochen, aber die Paare selbst reden zu wenig darüber.

Warum?

Sie haben Angst, als pervers zu gelten, wenn sie ihre Wünsche äußern.

Wie offen gehen Jugendliche mit der Sexualität um?

Noch verklemmter – Wahnsinn, wie unaufgeklärt die meisten sind. Letzte Woche hörte ich von einer 15-Jährigen, die schwanger ist, weil sie die Pille mit ihrer Freundin geteilt hat. Nachhilfe ist da dringend nötig.

Wer soll die leisten?

Eltern, Schulen, Medien. Statt sich auf das Dr. Sommer-Team von „Bravo“ zu verlassen, sollten sie mal ran.

Sie sind schon Anfang der 60er ran. Als das Weltall erkundet wurde, haben Sie den Beischlaf der Deutschen erforscht. Was ist Ihr größtes Verdienst?

Dass die Frauen heute mehr Orgasmen haben als früher. Dass sie ihre Sexualität leben, sie nicht mehr über die Männer definieren und die Paare mehr aufeinander eingehen.

Wie war das damals?

Die Männer sind rübergerutscht, weil halt Freitag oder Samstag war – und die Frauen haben zur Decke geguckt.

Welche Rolle spielt die Internet-Pornografie?

Porno kann sehr schön sein, wenn man sich zusammen Lust machen will. Und kann sehr einsam machen, wenn man sich das allein reinpfeift.

Wann ist Sex dirty?

„Wenn er gut ist“, hat Woody Allen mal auf diese Frage geantwortet. Er hat Recht. Sex ist nicht Niesen in ein Taschentuch. Sex ist Fantasie, über Grenzen gehen, ein Irrgarten der Lüste.

„Übertriebene Hygiene verdirbt den Sex“, sagt „Feuchtgebiete“-Autorin Charlotte Roche. Sehen Sie das auch so?

Ja, ich will wissen, wie eine Frau schmeckt. Leider mögen viele ihre eigene Vagina nicht, benutzen Sprays. Aber was das Buch betrifft...

... haben Sie’s gelesen?

Nach 50 Seiten habe ich aufgehört. Ich finde die Sprache ekelhaft. Für mich ist das ein Anti-Sex-Buch.

In Ihren Memoiren erzählen Sie erstmals, dass Sie im Bett mit Romy Schneider waren.

1964 war es, ein paar Monate, nachdem Alain Delon sie verlassen hatte. Wir waren drei Wochen in Kitzbühel für eine Illustrierten-Serie – da funkte es. Wir waren rasend verliebt.

Romy Schneider hat nie darüber gesprochen, warum tun Sie es? Ein Gentleman genießt und schweigt.

Es war eine wichtige Station auf meinem Lebensweg. Für Romy hätte ich beinah meine Frau verlassen.

Und warum dann doch nicht?

Nach einem Besuch bei ihr in Paris, bei dem mich Coco Chanel, die selbst ein Auge auf Romy geworfen hatte, spöttisch „Monsieur Schneidère“ nannte, wurde mir klar, dass die Frau, nach der ich mich verzehrte, eine Filmkönigin war und ich mich in ihren Hofstaat einreihen müsste.

Gab’s eine letzte Aussprache?

Nein, wir spürten beide, der Traum war vorbei. Ich traf sie dann noch auf einer Party in Berlin – da sah sie erstmals Harry Meyen und hatte nur noch Augen für ihn.

Während er der neue Monsieur Schneidère wurde, hatten Sie Amouren mit Horst Buchholz und O.E. Hasse...

... es waren zärtliche, erotisch gefärbte Freundschaften.

„Bi ist noch immer etwas bäh“, schreiben Sie im Buch.

Viele haben Vorurteile oder Sünder-Gefühle. Die hatte ich nie. Beim ersten Mal war’s ein Bub, wir waren 14, danach ein Mädel.

Was ist Ihnen beim Sex bis heute fremd geblieben?

Ich war als Kunde noch nie in einem Bordell. Einer fremden Person Geld zu geben und dann in sie einzudringen – nein. Ich muss verliebt sein, sonst geht gar nix.

Sie werden am 2. Oktober 80 und haben seit sechs Jahren eine neue Liebe. Wie ist der Sex im Alter?

Ich fühle sehr erotisch, und die Sexualität geht auch. Wenn ich ein bisschen müde bin, nehme ich ein Viagra. Das tut sehr gut.

Vielen Männern ist es peinlich, darüber zu sprechen.

Als ob es unmännlich wäre, diese Mittel zu nehmen. Blödsinn! Mich ärgert nur, wenn man sie Potenzpillen nennt.

Sind sie das nicht?

Sie sind Erektionshilfen. In 98 Prozent aller Fälle geht es um Gefäßverengungen – durch Rauchen, hohen Blutdruck, Medikamente. Wenn man da unten eine Verengung hat, nützt die größte Lust nichts. Da kriegt man keine Erektion.

Sex im Alter gilt bei Jüngeren oft als unsexy, als Tabu.

Weil sie es sich nicht vorstellen mögen. Die Jungen wollen, dass Oma und Opa Hand in Hand auf einer Bank am Friedhof sitzen – aber um Himmelswillen nicht miteinander ins Bett gehen. Aber das ist nicht das einzige Tabu.

Was noch?

Das Fatale ist, die Älteren trauen sich daraufhin immer weniger, ihre Sehnsüchte zu leben. Die Männer glauben, dass sie nicht mehr genug bringen und die Frauen haben Angst, dass sie nicht mehr schön aussehen.

Ein Fall für Aufklärer Kolle?

Mein größter. Ich halte viele Vorträge darüber. Sex ist nun mal das wunderbarste Mittel gegen Alters-Traurigkeit. Wer keinen Partner hat, sollte masturbieren, um seine Hormone in Schwung zu halten.

Erklären Sie das auch den Jungen?

Denen sage ich ganz deutlich: Kinder, wir haben einst dafür gekämpft, dass ihr heute sexuell so frei leben könnt. Jetzt kämpft mal für uns – und schreibt uns nicht vor, wie wir leben und lieben sollen.

Interview: Renate Schramm

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