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Film ab: Stars, Regisseure und Produzenten, insgesamt 25000 Gäste, treffen sich ab heute an der Croisette – beim weltgrößten Wettbewerb der Branche. Was sie in Cannes erwartet.
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Blondinen bevorzugt: Das diesjährige Plakat hat Kultregisseur David Lynch gestaltet. Er gewann 1990 die Goldene Palme für seinen Film „Wild at Heart“.
AP Blondinen bevorzugt: Das diesjährige Plakat hat Kultregisseur David Lynch gestaltet. Er gewann 1990 die Goldene Palme für seinen Film „Wild at Heart“.

Film ab: Stars, Regisseure und Produzenten, insgesamt 25000 Gäste, treffen sich ab heute an der Croisette – beim weltgrößten Wettbewerb der Branche. Was sie in Cannes erwartet.

Von Adrian Prechtel

Cannes einen Tag vor dem Festival ist wie eine alte Diva, die sich noch nicht geschminkt hat. Am morgendlichen künstlichen Sandstrand joggen unter wolkenverhangenem Himmel rüstig rostbraune Rentner in Shorts. Peroxydblonde ältere Damen mit Strass-T-Shirts lassen ihre braunen Pinscher die tägliche gemächliche Morgentoilette an und unter den Palmen machen. Die Stadt an der Côte d’Azur wirkt fast kinderlos – denn die Kleinen könnten ja die teuer bezahlte Altersruhe stören.

Nur wer genau hinschaut, ahnt das Kommende: Noch sind die Stufen, die die Filmwelt bedeuten, am Palais du Festival fahl betonfarben. Doch haben gerade Arbeiter bei leichtem Regen begonnen, das Rouge des Teppichs auf den letzten Drücker aufzutragen, mehr Kehrmaschinen als sonst umkreisen die Palmen an der Croisette und von Hebebühnen werden die rußgrauen Palmwedel mit Hochdruck abgespritzt, damit sie wieder frisch aussehen.

An der Uferstraße hinter dem Burghügel stehen statt Sportflitzern, Cabriolets, Stretch-Limousinen und anderen Prestige-Wägen heute noch mehr Kompaktklasse-Autos. In einigen wurde übernachtet, der dunkle Anzug hängt innen im Kleidersack am Haltegriff. Ans Lenkrad geklemmt hat ein jüngerer Mann im verwaschenen Sweatshirt seinen Laptop auf den Knien.

Um Geld zu sparen, haben einige freie Journalisten erst einmal das Auto zur Lebens- und Bürozelle gemacht. Die Hotelzimmer sind ohnehin alle überbucht. 7500 offizielle Übernachtungsmöglichkeiten hat die Stadt. Und heute Abend geht es los, das 61. Internationale Filmfestival in Cannes und wird das ehemalige Fischerstädtchen über Nacht verwandeln. Statt 70 000 Einwohner wird die Zahl der Menschen tagsüber auf 200 000 ansteigen. 25 000 Gäste aus aller Welt haben sich akkreditiert, darunter 3600 Journalisten. Die anderen sind Produzenten, Verleiher und Filmhändler, denn Cannes ist nicht nur der Jahrmarkt der Eitelkeiten, sondern vor allem der größte Filmmarkt der Welt.

Die großen Hotels haben ihr Personal verdoppelt. Das lässt man sich bezahlen: Der letzte traditionelle Hotelpalast, das strahlende Carlton, hat seine klassizistisch weiße Fassade zur Werbefläche degradiert für das wichtigste Filmereignis des Festivals – außerhalb des Wettbewerbs: Steven Spielberg kommt mit Harrison Ford und Cate Blanchett zur heiß erwarteten Weltpremiere von „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“. Und so ist der überdachte Hoteleingang an der Auffahrt kulissenhaft zum peruanischen Maya-Tempel umgebaut. Die Fassade zieren Riesenposter der Hauptdarsteller.

750 Euro kostet das Doppelzimmer im Carlton am Boulevard la Croisette, seit 1911 eine der Nobelherbergen der Stadt. Fast harmlos, schaut man weiter ins modernere Martinez, wo es eine Penthouse-Suite für unfassbare 36 000 Euro die Nacht gibt – allerdings für 1000 Quadratmeter. Hier nächtigen aber nicht einmal Stars wie Angelina Jolie mit Brad Pitt, die kommenden Dienstag erwartet werden, wenn Clint Eastwood seinen Film „Changeling“ zeigen wird, sondern meist US-Millionäre, denen Geld egal ist.

Überhaupt lässt es Lady Cannes krachen zu ihrem Auftritt im 61. Jahr des Festivals.

30 000 Flaschen Champagner sind gebunkert in den drei berühmtesten Hotels, zu dem auch das nicht gerade schöne, weil im 70er-Jahre-Betonstil erneuerte Majestic-Barrière gehört, in dem 8500 Grand Cru kühl gestellt sind.

Wem das alles zu Kopf steigt, wem das Verkehrs-Chaos, die Umleitungen zu viel werden, der verlässt Cannes für die zwölf Tage des Festivals. Aber um seine Bürger zu beruhigen hat der rechtskonservative Bürgermeister Bernard Brochand vorgerechnet, dass während des Festivals über eine halbe Milliarde Euro hier ausgegeben oder investiert werden. Da ist es wirklich egal, wenn die Zahl der Schaulust-Touristen seit Jahren abnimmt. Denn es spricht sich herum: Stars bekommt man hier nicht zu Gesicht.

Zwischen Hotel und Rotem Teppich fahren ab heute schwarze Renaults Vel Satis und Laguna Estate mit abgedunkelten Fenstern die Schauspieler Julianne Moore und Mark Ruffalo zu ihrem Eröffnungsfilm vor. Auch vom scheuen Woody Allen mit Penelope Cruz, Javier Barém und Scarlett Johansson wird kaum ein Blick zu erhaschen sein. Denn der Teppich selbst ist dann derart von Fotografen belagert, dass man als Normal-Sterblicher nichts sieht.

Außer man gesellt sich zu den hysterischen Autogramm-und Handy-Jägern oder den Teleobjektiv-Profis, die mit leichten Alu-Klappleitern immer sich schon ab morgens am Fuße der Festivalstufen ihre Plätze sichern und bis zur Dunkelheit hier ausharren – in diesem Jahr mit bunten Regen-Capes, denn die Côte d’Azur und ihr blauer Werbe-Himmel sind zumindest am Tag vor der Eröffnung gräulich.

Nur um die altrosa Markthalle in der Altstadt zwischen Rathaus und Bahnhof mit Obst, Gemüse, Blumen und Fisch findet sich noch das klassische Kleinstadtleben. Aber selbst hier haben die Bäcker Filmrollen und ihre runden Aluminium-Schachteln zwischen die frischen Baguettes drapiert. Schwarz-weiße Festivalfotos zieren Schuhläden und zeigen die große Zeit von Cannes mit Alain Delon, Romy Schneider, Sophia Loren und Grace Kelly.

Und dann gibt es in den Obergeschossen des abgeriegelten Festival-Palais-Bunker noch eine kleine Ausstellung: Cannes 1968. Man sieht Jean-Luc Godard mit Sonnenbrille neben François Truffaut, Roman Polanski und Louis Malles in Diskussionen und eine studentische Sitzblockade vor dem Eingang.

Am 10. Mai 1968 erzwangen Studenten und Demonstranten den Abbruch des 21. Festivals. Man wollte keine glamouröse Glitzerkunst-Veranstaltung dulden, während in Paris die Revolution tobte. Soviel Radikalität ist heute Geschichte.

Auch wenn die Italiener die Verfilmung von Savianos Antimafia-Kolportageromans „Gomorra“ mitgebracht haben, ein israelischer Regisseur den Libanonkrieg mit einem Animationsfilm und Benicio Del Torro vier Stunden lang Ché Guevara spielen darf in Steven Soderberghs Wettbewerbsbeitrag.

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