Rotherham: 1400 Kinder missbraucht

Über 16 Jahre sind in Rotherham Mädchen vergewaltigt worden. Acht Tatverdächtige stehen nun vor Gericht – sie bestreiten die schweren Vorwürfe.
| Jochen Wittmann
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Erst 2011 ist der Missbrauchsskandal in der 260 000-Einwohner-Stadt Rotherham ans Licht gekommen.
dpa Erst 2011 ist der Missbrauchsskandal in der 260 000-Einwohner-Stadt Rotherham ans Licht gekommen.

Rotherham - Die Behörden haben jahrelang weggeschaut. Sogar die Polizisten sollen die Mädchen „kleine Prostituierte“ genannt haben: Zwischen 1997 und 2013 sind in der nordenglischen Stadt Rotherham über 1400 Mädchen, die in schwierigen Verhältnissen und ohne viel Hoffnung aufwuchsen, systematisch missbraucht worden.

Seit Montag stehen acht mutmaßliche Täter, sechs Männer und zwei Frauen, vor Gericht in Sheffield. Ihnen werden 84 Straftaten wie Vergewaltigung und Entführung von 14 Mädchen vorgeworfen. Es ist nur ein kleiner Kreis der Verdächtigen – insgesamt sollen es mindestens 300 Personen sein, die in den Missbrauchsskandal verwickelt sind. Aber es ist immerhin ein Anfang.

Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe. Insgesamt geht es um 74 Anklagepunkte. Gestern wurden nur Verfahrensfragen geklärt, heute werden die Geschworenen ausgewählt. Rotherham, die ehemalige Industriestadt in der Grafschaft Süd-Yorkshire, ist zum Inbegriff eines Missbrauchsskandals geworden, dessen Abgrund und Ausmaß eine ganze Nation schockiert hat. Lange hatte man wegschauen wollen, aber als im letzten Jahr ein offizieller Untersuchungsbericht der Soziologin Alexis Jay veröffentlicht wurde, ging das nicht mehr. Man musste hinschauen.

Professorin Jay ermittelte ein Tatmuster, das sich ständig wiederholte: Minderjährige und in der Regel sozial gefährdete Mädchen wurden auf der Straße von Männern angesprochen, sie freundeten sich an. Die Opfer wurden mit Geschenken, mit kostenlosen Drogen und dem Versprechen von Liebe geködert. Dann wurden sie zu Sexsklavinnen gemacht und an andere Mitglieder der Gang, an Freunde und Familienangehörige, weitergereicht.

Wer den Tätern entkommen wollte, wurde massiv bedroht.

Die Täter drohten, die jungen Mädchen anzuzünden

Die Beispiele, die Alexis Jay in ihrem Bericht anführt, sind erschreckend. „Junge Mädchen, nicht älter als elf Jahre“, berichtet die Professorin, „wurden von mehreren Tätern vergewaltigt.“

Viele Opfer, so Jay, „wurden entführt, geschlagen und eingeschüchtert. Es gibt Beispiele von Kindern, die mit Benzin überschüttet und bedroht wurden, sie anzuzünden. Andere wurden gezwungen, brutale Vergewaltigungen anzuschauen, und dann wurde ihnen gesagt, sie wären als nächste dran, wenn sie irgendjemandem etwas davon sagen würden.“ Ein Mädchen sagte aus, dass Gruppenvergewaltigungen „etwas ganz gewöhnliches sind, wenn man in Rotherham aufwächst“.

Ein weiterer explosiver Umstand: Bei den Tätern handelte es sich „in der großen Mehrheit“ um Männer mit asiatischem Hintergrund, sprich: zumeist pakistanischer, mitunter bengalischer Herkunft. Nicht zuletzt deswegen wurde das Thema lange totgeschwiegen. Sozialarbeitern und Polizisten war durchaus bekannt, was auf den Straßen der Midlands, in den heruntergekommenen Industriestädten wie Derby, Nottingham oder Rotherham vor sich ging, wo es einen großen muslimischen Bevölkerungsanteil und eine verarmte weiße Unterschicht gibt.

Zwei Gruppen leben Tür an Tür, aber aneinander vorbei

Beide Gruppen lebten ohne große Integrationsanstrengungen aneinander vorbei. Seit Mitte der 90er-Jahre wusste man von den „Sex-Gangs“. Aber es wurde nichts unternommen, wohl auch aus falsch verstandener politischen Korrektheit. Schlagzeilen wie „Muslimische Männer schänden weiße Mädchen“ wollte man nicht sehen. So kam es zu einer Kultur des Schweigens und Wegschauens. Von einem „himmelschreienden Versagen der politischen Führung“ spricht Professorin Jay in ihrem Bericht.

Erst eine Kampagne der Zeitung „Times“ im Jahr 2011 brachte den Stein ins Rollen. Premierminister David Cameron zeigte sich „schockiert“ über die „groteske Zuhälterei“. Nach den Enthüllungen der „Times“ begannen die Behörden endlich mit ihrer Arbeit. Heute ist „Operation Stovewood“ mit 60 Beamten, die über 7300 unterschiedliche Spuren verfolgen, zur größten Polizeiuntersuchung ihrer Art geworden.

Der Prozess in Sheffield ist der Anfang der gerichtlichen Aufarbeitung. Hier wird es nicht um das Versagen der Behörden, sondern um die konkreten Taten von acht Verdächtigen gehen. Aber wie außerdem bekannt wurde, sollen zum Kreis der Personen, gegen die wegen Kindesmissbrauchs ermittelt wird, auch zwei ehemalige Mitglieder des Stadtrats von Rotherham gehören.

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