Zwischen Brauchtum und Tierleid: Die unterschätzte Gefahr im Osterfeuer
Am Nachmittag versammelt sich eine Menschenmenge auf der Lichtung. Es ist alles vorbereitet. Fleißige haben schon vor Wochen damit begonnen, Hölzer und Sträucher aufzuschichten. Pünktlich zum Karsamstag türmt sich nun ein Berg aus Brennholz auf dem Feld.
Man ist bereit, nahe der hoch lodernden Flammen zu trinken und zu feiern. Die einen aus religiösen Gründen, die anderen des Feierns willen. In der Dämmerung wird der Stapel aus Ästen und Reisig entzündet. Winzige Glutnester breiten sich aus, kleine Flammen greifen hektisch um sich – und ziehen bald den ganzen Berg in ihren lodernden Bann.
Verbrennen und Ersticken: Osterfeuer können schnell zur tödlichen Falle für Wildtiere werden
Neugierig, aber mit etwas Abstand verfolgen die Menschen das Spektakel. Sie stoßen mit Bier und Glühwein an. Kinder jagen lachend über das Feld, während Erwachsene an ihren Getränken nippen, ratschen und die Wärme genießen, die von dem Feuer ausstrahlt. Was sich derweil im Inneren der Flammen abspielt – daran denkt in diesem Moment wohl kaum jemand.
Holz, Laub und Reisighaufen, wie der auf der Lichtung, bieten für viele Tiere ein ideales Versteck und Zuhause – eigentlich. Zwischen den Ästen verkriechen sich Igel, Hasen, Kaninchen, Mäuse, Kröten, Schlangen, verschiedene Insektenarten und Spinnentiere.

Wenn sich die Vier-, Sechs- und Achtbeiner nun aber genau einen solchen Haufen aussuchen, der von den Menschen nur für eine kurze Verweildauer aufgeschichtet wurde, um ihn am Karsamstag in Flammen aufgehen zu lassen, bedeutet das meist ihr Todesurteil. Oft bleibt den Wildtieren nicht genügend Zeit, um zu fliehen, und sie verenden qualvoll in den Flammen – entweder durch Verbrennen oder Ersticken.
Biologin: "Damit keine Tiere im Osterfeuer zu Tode kommen"
Aktivisten der Tierschutzorganisation Vier Pfoten wollen auf diese versteckte Gefahr aufmerksam machen. Die Wildtierexpertin von Vier Pfoten, Biologin Eva Lindenschmidt, sagt: "Damit keine Tiere im Osterfeuer zu Tode kommen, sollte der Brennhaufen erst kurz vor dem Anzünden aufgeschichtet werden."
Das ist allerdings nicht immer möglich, denn für große Osterfeuer muss schon vorher fleißig gesammelt werden. Auch hierfür hat Lindenschmidt eine Lösung: "Bereits im Vorfeld aufgeschichtetes Geäst sollte vor dem Anzünden unbedingt noch einmal umgeschichtet werden."
Danach sollte man sich für etwa eine Stunde von dem Haufen entfernen. So hätten Kleintiere, die im Brennholz Unterschlupf gefunden haben, die Möglichkeit, sich ohne Störung in Sicherheit zu bringen, und ins umliegende Dickicht zu flüchten.
Statt lästiges To-do: Gemeinschaftliche "Mitmachaktion"
Außerdem sollte in der Nähe des Osterhaufens auf künstliches Licht verzichtet werden, da das zusätzlich Tiere anzieht. Wenn möglich, empfiehlt es sich außerdem, den Brennplatz zu kennzeichnen, um Hunde und Spaziergänger fernzuhalten und den Wildtieren die nötige Ruhe für ihren Umzug zu geben.
Für viele mag das Umschichten lästig und nach Extra-Arbeit klingen. Doch dass es auch Freude bereiten kann, zeigt die Biologin Eva Lindenschmidt. Sie beschreibt es als "Mitmachaktion": Wenn man das Umschichten bewusst als gemeinsames Erlebnis gestalte, bei dem Erwachsene und Kinder zusammen anpackten, gehe es erstens schnell und zweitens könne es zu einem lebendigen und fröhlichen Teil des Osterbrauchs werden.
Es lohnt sich: "Gerade jetzt, wo viele Wildtiere mit der Aufzucht ihrer Jungen beginnen"
"Gerade jetzt, wo die meisten Wildtiere mit der Aufzucht ihrer Jungen beginnen und auf der Suche nach schützenden Verstecken sind, ist die Wahrscheinlichkeit, damit Tieren das Leben zu retten, extrem hoch", sagt sie.
Tierschutz wird mit wenig Aufwand also zum gemeinsamen Erlebnis. Ganz gleich, ob man aus religiösen Gründen beim Osterfeuer zuschaut oder die Gelegenheit nutzt, gemeinsam mit Freunden zu feiern – dass das Tierleid dabei so gering wie möglich gehalten wird, sollte beiden wohl gleichermaßen am Herzen liegen.
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