Reiches Land? Von wegen! Experte räumt mit deutschen Finanz-Irrtümern auf

Spannende Fakten übers Geld: Wie viel haben die Deutschen auf dem Konto und warum ist es für meine Rente wichtig, was alle anderen verdienen? Ein Ratgeber überrascht mit Einblicken in die Welt von Altersvorsorge und Reichtum.
von  Martina Scheffler
Wie gut geht’s uns denn eigentlich? Im Ratgeber der Stiftung Warentest wird auch erläutert, was dran ist an der Aussage, Deutschland sei ein reiches Land.
Wie gut geht’s uns denn eigentlich? Im Ratgeber der Stiftung Warentest wird auch erläutert, was dran ist an der Aussage, Deutschland sei ein reiches Land. © IMAGO/imageBROKER/Manuel Kamuf

Natürlich kennen Sie all diese Begriffe. Rentenpunkte – klar. Bargeld und Buchgeld, Inflation und Währungsaufwertung. Aber Hand aufs Herz – könnten Sie sie erklären? Und glauben Sie, dass Deutschland ein reiches Land ist? Oder eines mit massiven finanziellen Ausschlägen nach oben und unten?

In "Was du schon immer über Geld wissen wolltest", einem Ratgeber der Stiftung Warentest, wird mit alten Mythen aufgeräumt und auf verständliche Art und Weise erklärt, was man vielleicht doch nicht zu fragen wagt – weil man es doch eigentlich bereits wissen sollte. Sowohl die Frage danach, wie man von seinem Vermögen leben kann, als auch die wahren Vorteile von Immobilienbesitzern gegenüber Mietern werden angesprochen. Die AZ stellt vier Fakten vor, die Autor Clemens Schömann-Finck in dem Ratgeber aufbereitet und die, wie es im Untertitel heißt, "dir bisher niemand erklären konnte".

Sich im Zahlen- und Finanz-Labyrinth zurechtzufinden, ist gar nicht so einfach.
Sich im Zahlen- und Finanz-Labyrinth zurechtzufinden, ist gar nicht so einfach. © imago stock&people

Reichtum? Andere EU-Länder liegen vor uns

1. Deutschland ist kein reiches Land

Okay, so provokant muss man es nicht unbedingt ausdrücken. Aber Fakt ist nun einmal, dass viele Länder reicher sind als die Bundesrepublik und sie nicht einmal zu den reichsten Zehn gehört. Schömann-Finck verweist auf den "Global Wealth Report" der Schweizer Bank UBS. Demzufolge liegt Deutschland in der Rangliste der reichsten Länder bezogen auf das Durchschnittsvermögen auf Platz 17. Frankreich liegt vor uns, Großbritannien auch, die Schweiz auf Platz eins sowieso.

Shopping in der Sendlinger Straße: Das Angebot ist groß, der Geldbeutel auch?
Shopping in der Sendlinger Straße: Das Angebot ist groß, der Geldbeutel auch? © IMAGO

Zieht man das Haushaltsnettovermögen in den einzelnen EU-Staaten zum Vergleich heran, ergibt sich laut Schömann-Finck ein Durchschnitt von 292.000 Euro. In Deutschland liegt der Wert bei 317.000 Euro, hinter Belgien, Irland und Italien. Als Spitzenreiter gilt Luxemburg mit einem Schnitt von 1,27 Millionen Euro.

Ordentlich Geldige hat's schon auch hierzulande.
Ordentlich Geldige hat's schon auch hierzulande. © Kzenon via imago-images.de

In einem anderen reichtumsbezogenen Bereich allerdings ist Deutschland deutlich weiter vorn: bei den Unterschieden zwischen Arm und Reich. Das wird im Ratgeber unter anderem durch den Vergleich von Durchschnittswert und Medianwert beim Haushaltsnettovermögen gezeigt. Die liegen weit auseinander: der Durchschnitt bei 317.000 Euro, der Median (die eine Hälfte der Vermögen liegt unter diesem Wert, die andere darüber) dagegen nur bei 107.000 Euro. Mit dem Median liege Deutschland "in der unteren Hälfte des EU-Vergleichs".

Auch das ist Deutschland: Obdachlosigkeit in Essen.
Auch das ist Deutschland: Obdachlosigkeit in Essen. © Kerstin Kokoska

Und auch der sogenannte Gini-Koeffizient spricht für eine ungleiche Vermögensverteilung hierzulande. Er liegt zwischen null und eins – je näher an eins, desto ungleicher die Verhältnisse. Für Deutschland beträgt er 0,72. Und er liegt vielleicht noch höher, weil die Zahl der Superreichen in Deutschland nirgends erfasst wird – eine Dunkelziffer sozusagen.

Rentenpunkte – warum das Einkommen der anderen auch zählt

2. Bei der Rente muss man sich mit den anderen vergleichen
Also: die Rentenpunkte. Sie heißen eigentlich Entgeltpunkte. Und bei denen geht es nicht einfach nur darum, wie viel man selbst verdient, sondern wie viel man im Vergleich zum Durchschnitt verdient. Die Punkte stellen das Verhältnis dieser Werte zueinander dar.

Was wohl die anderen so auf dem Konto haben?
Was wohl die anderen so auf dem Konto haben? © Monkey Business Images via imago

Schömann-Finck warnt daher: "Nicht die absolute Höhe des Einkommens ist entscheidend, sondern die relative." Und: "Stagniert das eigene Einkommen, während alle anderen mehr verdienen, sinkt die Zahl der Entgeltpunkte, die über die Jahre gesammelt werden." Sein dringender Rat für alle, die gern ein bisserl mehr Altersruhegehalt hätten: "Regelmäßig die Gehaltsverhandlung mit dem Chef oder der Chefin zu suchen und sich weiter zu qualifizieren", damit habe man gute Argumente für eine Erhöhung.

Die Währung verliert an Wert – und nun?

3. Der Euro wertet auf!
Ist das nun gut oder schlecht? Ansichtssache! Ist die eigene Währung stark, in unserem Fall also der Euro, bekommt man Waren, die man aus anderen Ländern einführt – sagen wir mal, aus den USA –, zum günstigeren Preis. In den USA allerdings würden Güter aus der Eurozone teurer, weil der Euro ja im Wert gestiegen ist gegenüber dem Dollar. Wertet der Euro ab, geht das Ganze in die umgekehrte Richtung: Waren aus den USA würden teurer, deutsche Waren in den USA allerdings günstiger.

Containerterminal im Mühlauhafen in Mannheim. Währungsschwankungen wirken sich auf den Warenexport aus.
Containerterminal im Mühlauhafen in Mannheim. Währungsschwankungen wirken sich auf den Warenexport aus. © IMAGO/imageBROKER/Arnulf Hettrich

4. Finanziell frei werden bedeutet Verzicht
Vom Vermögen leben konnte dem Ratgeber zufolge im Jahr 2024 etwa ein Prozent der Menschen in Deutschland, nämlich 900.000. Drei Jahre zuvor waren es noch 800.000. Aber wie schafft man das ohne den berühmten goldenen Löffel im Mund zur Geburt? Immobilien, klar. Wäre gerade hier in München eine tolle Sache. Aber: Nach einem Kauf könnten Zinsen für Kredite steigen, warnt Autor Schömann-Finck. Reparaturen könnten nötig werden. Man braucht einen langen Atem.

Mit Aktien den Lebensabend bestreiten? Nicht so leicht wie es klingt.
Mit Aktien den Lebensabend bestreiten? Nicht so leicht wie es klingt. © imago stock&people

Und Aktien, Dividendenausschüttung? Auch nicht ohne Einschränkungen zu empfehlen, denn immer höhere Dividenden mindern den Börsenwert des Unternehmens. Was bleibt? Sparen, sich einschränken. Und das, so Schömann-Finck, macht auch den wahren Vorteil der Immobilienbesitzer aus: Weil sie regelmäßig Kreditraten zur Finanzierung an die Bank überweisen müssen, sind sie zum Sparen gezwungen. Diese Disziplin müssten Mieter, zumindest aus diesem Grund, nicht aufbringen.

Clemens Schömann-Finck: "Was du schon immer über Geld wissen wolltest – und dir bisher niemand erklären konnte", Stiftung Warentest, 223 Seiten, 16,90 Euro

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