Frauen und Finanzen: "Es ist nie zu spät, die Kontrolle zu übernehmen"

Die Münchnerinnen Regina Beez und Sabine Naumenko haben sich bei der Stadtsparkasse auf das Thema Frauen und Finanzen spezialisiert. Ein AZ-Gespräch darüber, warum sich unabhängig vom Geschlecht jeder mit dem Thema Geld beschäftigen sollte.
AZ: Frau Naumenko, Sie beraten tagtäglich zum Thema Finanzen, vor allem Frauen. Wie ist das in Ihrem privaten Umfeld?
SABINE NAUMENKO (SN): Mir ist es wirklich wichtig, dass Frauen wissen: Finanzen sind nicht gefährlich. Das Thema kann auch Spaß machen. Daher profitieren natürlich auch alle in meinem Privatleben von meinem Fachwissen. Selbstverständlich.
Vor allem Ihre Kinder wissen wahrscheinlich schon deutlich mehr als ihre Altersgenossen, falls Sie schon Mutter sind?
SN: Ich spreche oft mit meinen Neffen und Nichten über Finanzen. Sie haben bereits in jungen Jahren ein Konto und ein kleines Depot. Es ist wichtig, dass sie damit groß werden und ein positives Gefühl damit verbinden.
REGINA BEEZ (RB): Ich bin Mutter von zwei Kindern. Und natürlich gebe ich Ihnen mein Wissen weiter. Alles andere wäre fahrlässig.
"Das Schlimmste ist, gar nicht darüber zu reden"
Sie wirken, als ob Sie sehr gerne Ihr Fachwissen weitergeben.
SN: Ich habe Glück. Mein Beruf ist Berufung. Wenn ich sehe, dass mein Rat zum Erfolg führt, ist das ein schönes Geschenk.
Sie beide beraten insbesondere Frauen, die sich zum ersten Mal mit dem Thema befassen. Tun sich Frauen etwa besonders schwer damit?
RB: Überhaupt nicht. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Es ist nur so, dass Frauen in Partnerschaften nach wie vor einen großen Teil der Care-Arbeit, also der Kindererziehung und Kinderbetreuung, übernehmen. Und das ist völlig in Ordnung, wenn sich jemand bewusst dafür entscheidet. Das führt aber zu anderen finanziellen Voraussetzungen. Frauen haben dann deutlich niedrigere Gehälter. Oft arbeiten sie in Teilzeit und in Berufen, in denen man weniger verdient. Umso wichtiger ist es, sich an den Kapitalmarkt heranzutrauen und zu investieren. So sorgt jeder für finanzielle Unabhängigkeit und Freiheit.
Wie sehen Sie das, Frau Naumenko?
SN: Mein Gefühl ist, es kommt sehr darauf an, wie Kinder an das Thema herangeführt werden. Wenn ein junges Mädchen oder ein Bub merkt, dass Mama und Papa mit den Finanzen transparent und entspannt umgehen, hat man einen ganz anderen Start ins finanzielle Leben, als wenn das Thema Geld negativ besetzt ist, wenn es zu knapp war oder Geld nie eine Rolle spielte, weil es immer ausreichend vorhanden war. So verhalten sich Kinder dann auch im Erwachsenenleben. Mein Eindruck ist, Frauen fühlen sich manchmal etwas verloren. Es ist nicht so, dass sie alles rund ums Geld nicht könnten.
Wir sprechen von alten, erlernten Rollenbildern, oder?
SN: Ja, ich denke, wir haben diese Rollenbilder noch lange nicht abgestreift. Jeder sollte so früh wie möglich wissen, dass finanzielle Freiheit ein hohes Gut ist.
Sie beide beraten Frauen in durchaus komplexen Situationen. Oft steht eine Trennung vom Partner an.
RB: Wir begleiten Frauen und Männer oft ihr ganzes Leben lang. Schon ab der ersten Spardose, über den Berufsstart, die Hochzeit bis hin zur Geburt der Kinder. Da kommen natürlich auch Trennungen vor.
Sind Trennungen die häufigste Konstellation, wenn Beratung notwendig ist?
SN: Das ist der häufigste Beratungsfall, ja. In solchen Momenten kommt die Partnerin manchmal zum ersten Mal mit in die Bank. Und ich denke, das ist der erste große und auch wichtigste Schritt in solch einer speziellen Situation. Es ist auch der halbe Weg zum Ziel. Wenn Frauen aus diesen Gesprächen rausgehen, sind sie erleichtert.
"Schon in jungen Jahren sollte jeder vorsorgen"
Was ist der erste Schritt genau, wie geht es los?
SN: Es beginnt mit einer ganz einfachen Einnahmen- und Ausgabenrechnung. Diese Klarheit gibt einem Ruhe. Es ist auch wichtig, ein gemeinsames Ziel zu formulieren. Dann kann man sich auf den Weg machen.
Sie kennen oft beide Partner, wenn eine Trennung ansteht?
RB: Partner teilen sich in einem gemeinsamen Leben die Aufgaben.
SN: Und wer die größere Affinität zu Zahlen hat, kommt häufiger zur Bank. Es ist absolut in Ordnung, wenn das der Mann ist. Aber noch wichtiger ist, dass sich die Partnerin über Anlageentscheidungen informiert und im Bilde sein sollte.
RB: Schon in jungen Jahren sollte jeder vorsorgen, lange bevor Kinder da sind. Und vor allem langfristig hat der sogenannte Zinseszins-Effekt eine große Wirkung. Je jünger wir anfangen anzulegen, umso erfolgreicher sind wir und können von einer Altersvorsorge profitieren.
Sie sprechen von Rücklagen?
RB: Ja, Rücklagen, Absicherung und Altersvorsorge.
Ein erster Schritt ist die Einnahmen- und Ausgabenrechnung. Was wären die nächsten?
SN: Da geht es ins Detail. Wie wohnt das Paar, gibt es Eigentum, zieht einer von beiden aus, muss das Eigentum verkauft werden, braucht man eine zweite Wohnung?
Und wenn das Paar schon geschieden ist?
SN: Dann gibt es häufig bereits eine Scheidungsvereinbarung. Die bringen die Paare schon zu den Terminen mit. Das ist eine gute Basis. Nun müssen wir schauen, welche Wertpapiere, Lebensversicherungen, Bausparverträge, Darlehen, Depots es gibt. Das muss alles entflochten werden. Das ist intensiv und kann auch traurig sein.
Sind Partner da manchmal naiv? Muss man das mögliche Szenario der Trennung von Anfang an mitdenken?
RB: Es gibt eine Gefühlswelt und eine finanzielle Welt. Ich bin der Meinung, dass man das ganz realistisch tun sollte. Wir kennen ja alle die hohen Scheidungs- und Trennungsraten. Jeder sollte offen mit dem Partner über Finanzen sprechen.
"Vereinbarungen in guten Zeiten treffen"
Nochmal die Frage: Sind wir da häufig zu naiv?
SN: Eventuell. Wenn man sich lieb hat, ist man sich wohlgesonnen. Zu dem Zeitpunkt können Paare Vereinbarungen treffen. Aber wenn das Tischtuch mal zerschnitten ist, wird es kompliziert.
Der berühmte Rosenkrieg.
SN: Da kann es unschön werden, ja. Wenn man aber umsetzt, was man in guten Zeiten vereinbaren konnte, dann tut die Trennung weniger weh.
Sie sprechen von Verträgen?
SN: Wir kennen alle den Ehevertrag. Aber das muss jeder selbst wissen.
RB: Das zentrale Thema ist die Absicherung. Es gibt ja nicht nur die Trennung. Was ist mit den anderen Schicksalsschlägen wie Krankheit und Todesfall? Ich kann nur empfehlen, solche Situationen abzusichern.
SN: Das Schlimmste ist, gar nicht darüber zu reden. Dann erwischt es einen im Extremfall immer völlig unvorbereitet.
Welche Absicherungen sind sinnvoll?
SN: Ganz traditionell: der Notgroschen. Wenn das Auto kaputtgeht, die Waschmaschine oder man sich einfach mal einen Wunsch erfüllen will.
Inflation hin oder her?
SN: Auch Zinsraten hin oder her. Man sollte seine Anlagen streuen. Das ist perfekt. Ein bisschen Lebensversicherungen, ein bisschen Aktien, ein bisschen Eigentum. Dann ist man für Krisenzeiten gut vorbereitet.
"Die Care-Arbeit wird inzwischen besser aufgeteilt"
Wenn es zu einer Trennung kommt und die Partner uneins sind, geht es da tendenziell um größere Summen?
RB: Ich sehe keinen Trend. Unsere Kunden bilden die ganze Gesellschaft ab.
SN: Die Problematik ist manchmal, dass sich ein Partner ein neues Leben aufbauen möchte, eine neue Wohnung beziehen will zum Beispiel. Und der Ex-Partner erwartet eigentlich eine großzügige Entschädigung für die Trennung. Aber da entscheiden sich die Partner in neuen Beziehungen meist dafür, in das neue Leben zu investieren und nicht mehr ins alte. Das ist kränkend und führt selbstverständlich zu Konflikten.
Wie oft kommt es vor, dass der enttäuschte Ex-Partner bei heterosexuellen Beziehungen der Mann ist, also die Frau die Besserverdienende war?
SN: Ist mir bislang nicht untergekommen.
RB: Wesentlich seltener.
Also kam es schon vor?
RB: Die Care-Arbeit wird inzwischen schon besser aufgeteilt, die Bereitschaft ist da. Aber dennoch. Meistens sind Frauen finanziell abhängiger von Männern. Einzelfälle gibt es, in denen die Frau das Geld verdient und der Mann sich um die Arbeit zuhause kümmert.
SN: Wenn die Frau zuhause ist und der Mann die bessere Steuerklasse hat, unterstützen Männer ihre Partnerinnen viel häufiger als früher. Sparverträge sowie Altersvorsorgeverträge werden dann von ihm übernommen. Ich sehe da einen Trend. Sie möchten die Partnerinnen im Fall der Fälle gut versorgt wissen. Das ist eine schöne Entwicklung. Noch schöner wäre, wenn Frauen in der Situation diese Leistungen einfordern würden.
Frauen sind oft in Teilzeit. Welche Strategie empfehlen Sie da?
RB: Auch hier gilt: Vorsorge und Investitionen in den Kapital- und Anlagemarkt. Übrigens, Forschungsergebnisse zeigen ganz klar: Frauen treffen meistens bessere Investitionsentscheidungen als Männer.
Woran liegt das?
SN: Frauen lassen sich nicht von Trends ablenken und nehmen sich die Zeit, alles genau zu analysieren. Sie sind bei risikoreichen Anlagen nicht so leicht zu locken, Männer sind da eher gefährdet. Ich selbst habe mit vier Fonds-Sparplänen angefangen. Die habe ich heute noch, seit 20 Jahren. Und die laufen über die lange Zeit "Bombe".
RB: Ich tue mich schwer mit Verallgemeinerungen, es ist eine individuelle Sache. Aber die Statistiken sind da recht deutlich. Frauen können besser investieren als Männer.
Frauen in Teilzeit sind besonders gefährdet, später eine niedrige Rente zu bekommen.
RB: Auch hier gilt, unbedingt vorsorgen, eine finanzielle Gerechtigkeit herstellen. Ausgleich schaffen.
"Bei zerstrittenen Paaren brennt manchmal die Luft"
Ihre Ratschläge wirken anwaltlich. Wo endet Ihre Kompetenz?
RB: Sehr früh. Partner brauchen am besten Rechtssicherheit. Bei jeder Scheidung ist es sinnvoll, einen Anwalt aufzusuchen.
SN: Und den Steuerberater. Das raten wir schnell, wenn wir merken, dass das Ganze für eine Seite unfair ausgehen könnte.
RB: Wir sind rein für das Finanzielle zuständig.
Wie ist das, wenn ein zerstrittenes Paar vor Ihnen sitzt?
SN: Da brennt manchmal die Luft.
Was machen Sie da?
SN: Kurz raus, Luft holen, einen Schluck Wasser trinken. Dann beruhigt sich alles in der Regel.
Welche Geschichten haben Sie besonders stark bewegt?
RB: Wenn ein Partner stirbt, beschäftigt das einen schon sehr stark. Ich fühle mit.
Wie geht man da vor?
RB: Bei Immobilienfinanzierungen muss eine Absicherung dabei sein. Sonst ist das Risiko ziemlich groß, die Immobilie zu verlieren.
"Wir überprüfen halbjährlich gemeinsam die Prognosen"
Wie sichert man das ab?
RB: Mit passenden Versicherungen. Risikolebensversicherungen, Berufsunfähigkeitsversicherungen oder Kapitallebensversicherungen. Und zwar frühzeitig. Ob einen eine Krankheit erwischt, ist ab einem bestimmten Alter schwer einzuschätzen.
SN: Ich hatte mal eine sehr intelligente und hochgebildete Kundin, die sich für die Familie sehr zurückgenommen hatte. Es hat gekriselt, sie hat sich mit zwei Kindern getrennt und hatte fürchterliche Angst, dass sie kein Geld haben könnte. Sie hatte sich in ihrer Partnerschaft in falscher Sicherheit gewogen.
Wie ging es weiter?
SN: Sie nahm das Zepter in die Hand, hat jetzt wieder einen tollen Beruf, ist Lehrerin, sie spart, obwohl es manchmal eng ist. Wir überprüfen halbjährlich gemeinsam die Prognosen. Sie ist auf einem guten Weg. Es ist nie zu spät, die Kontrolle zu übernehmen.