Rassismus in der Schule: Wie Eltern und Lehrkräfte ihn erkennen

Rassismus in der Schule ist nicht immer offensichtlich. Manchmal steckt er in einem vermeintlichen Witz, einer falschen Zuschreibung oder der Entscheidung, welches Kind zusätzliche Förderung bekommt. In ihrem neuen Buch "Schule, aber stabil. Warum wir jetzt Haltung brauchen, um unser Bildungssystem zu demokratisieren" (EMF Verlag) beleuchtet die ehemalige Lehrerin Gina Waibel solche Mechanismen und zeigt, wie Schulen mit Diskriminierung umgehen können.
Im Interview mit spot on news erklärt sie, wie Diskriminierung im Schulalltag entstehen kann, was Betroffene tun können und welche Veränderungen Schulen brauchen.
Sie sprechen in Ihrem Buch auch von Rassismus, der von Lehrkräften selbst ausgehen kann. Was sind typische Situationen im Schulalltag, in denen Diskriminierung passiert, ohne dass die Beteiligten sie überhaupt als solche erkennen?
Gina Waibel: Vieles davon passiert in Form von Alltagsrassismus. Wir sind alle rassistisch sozialisiert, deshalb können natürlich auch Lehrkräfte rassistische Denkmuster reproduzieren, ohne dass ihnen das unbedingt bewusst ist.
Das zeigt sich zum Beispiel bei der Frage, welche Kinder in Deutschförderstunden geschickt werden. Es kann passieren, dass Kinder allein aufgrund eines migrantisch gelesenen Namens dort landen, obwohl sie die Förderung gar nicht benötigen - während Kinder mit deutsch gelesenen Namen, die tatsächlich Unterstützung bräuchten, diese nicht bekommen. Solche Mechanismen können sich auch bei der Notengebung oder bei Empfehlungen für die weiterführende Schule zeigen.
Daneben gibt es aber auch deutlich sichtbarere Formen. Ich kenne beispielsweise Fälle, in denen Lehrkräfte rassistische "Witze" machen und dafür im Lehrerzimmer von Kolleginnen und Kollegen sogar Zustimmung bekommen. Oder Deutschförderstunden wurden innerhalb eines Kollegiums als "Kopftuchstunden" bezeichnet. Da wird der Hijab ganz selbstverständlich mit mangelnden Deutschkenntnissen verknüpft.
Rassismus begegnet Schülerinnen und Schülern aber nicht nur durch einzelne Lehrkräfte, sondern auch in Unterrichtsmaterialien. In Schulbüchern oder Lektüren finden sich weiterhin rassistische Begriffe und Stereotype. Gleichzeitig bildet das Material häufig nicht die gesellschaftliche Vielfalt ab, die längst in unseren Klassenzimmern Realität ist.
Das grundlegende Problem ist auch hier: Viele Lehrkräfte wurden nicht ausreichend rassismuskritisch ausgebildet. Wenn ich bestimmte Mechanismen selbst nicht erkenne, kann ich sie auch nicht hinterfragen - und dann kann ich Diskriminierung reproduzieren, obwohl ich mich selbst vielleicht überhaupt nicht als rassistisch wahrnehme.
Was passiert mit einem Kind, das immer wieder rassistische oder diskriminierende Erfahrungen in der Schule macht - und welche Folgen kann das für den weiteren Bildungsweg haben?
Waibel: Wiederholte Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen können für Kinder und Jugendliche eine enorme psychische Belastung darstellen. Gerade Schule ist ein Ort, an dem sie einen großen Teil ihres Alltags verbringen. Wenn sie dort immer wieder die Erfahrung machen, abgewertet zu werden oder nicht wirklich dazuzugehören, hat das Auswirkungen darauf, wie sicher und zugehörig sie sich in diesem Lebensraum fühlen.
Rassismuserfahrungen sind auch Erfahrungen von Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit. Wenn ein Kind immer wieder vermittelt bekommt: "Du bist anders, du gehörst nicht richtig dazu" oder ihm wird weniger zugetraut, kann das dazu führen, dass es sich immer weniger mit der Schule identifiziert und sich zurückzieht.
Das kann ganz konkrete Auswirkungen auf den Bildungsweg haben. Wenn Schülerinnen und Schüler aufgrund rassistischer Zuschreibungen schlechter beurteilt werden, ihnen weniger zugetraut wird oder sie bestimmte Empfehlungen nicht bekommen, geht es nicht mehr nur um eine psychische Belastung. Dann kann Diskriminierung ganz unmittelbar Bildungsbiografien und Bildungschancen beeinflussen.
Was kann eine Lehrkraft konkret tun, wenn sie im Kollegium eine rassistische oder diskriminierende Äußerung erlebt - gerade wenn sie befürchten muss, sich damit selbst zur Zielscheibe zu machen?
Waibel: Was ich unter anderem von Tupoka Ogette gelernt habe und Lehrkräften als konkreten Grundsatz mitgeben würde: Es geht nicht darum, einem Menschen zu sagen: "Du bist ein Rassist" oder "Du bist eine Rassistin." Viel hilfreicher ist es, die konkrete Situation zu benennen und zu sagen: "Diese Aussage war gerade rassistisch" oder "Diese Handlung war diskriminierend." Damit benenne ich klar, was passiert ist, ohne die gesamte Person darauf zu reduzieren.
Gleichzeitig muss man sehen, dass es für Lehrkräfte innerhalb eines Kollegiums sehr schwierig sein kann, solche Dinge anzusprechen. Natürlich kann man sich an die Schulleitung oder auch an die Schulaufsicht wenden. Aber damit ist nicht automatisch gewährleistet, dass das Problem tatsächlich aufgearbeitet wird. Auch Schulen und Schulleitungen sind Institutionen mit eigenen Hierarchien und Interessen - und manchmal besteht ein großes Interesse daran, solche Vorfälle möglichst nicht nach außen sichtbar werden zu lassen, weil man eine negative Außenwirkung fürchtet.
Genau deshalb brauchen wir aus meiner Sicht viel stärker unabhängige Beschwerde- und Meldestellen für Diskriminierung an Schulen. Stellen, die außerhalb dieser schulischen Machthierarchien funktionieren und an die sich Betroffene, aber eben auch Lehrkräfte wenden können, ohne befürchten zu müssen, dadurch selbst zur Zielscheibe zu werden.
Welche Rolle spielen Eltern? Was sollten Schulen tun, wenn rassistische oder rechtspopulistische Ansichten nicht nur von Schülern, sondern auch von deren Eltern vertreten werden?
Waibel: Natürlich endet demokratische Bildung nicht an der Schultür, und Kinder bringen politische Einstellungen und Narrative aus ihrem familiären Umfeld mit in die Schule.
Schule kann und soll Eltern nicht vorschreiben, welche politischen Ansichten sie zu Hause vertreten. Aber sie muss sehr klar sein, wenn Grenzen überschritten werden. Wenn Eltern beispielsweise rassistische oder diskriminierende Positionen gegenüber Lehrkräften, anderen Eltern oder Schülerinnen und Schülern äußern, muss eine Schule deutlich machen: Das akzeptieren wir hier nicht. Menschenwürde und Diskriminierungsfreiheit sind nicht verhandelbar.
Gleichzeitig finde ich es wichtig, Kinder nicht für die politischen Einstellungen ihrer Eltern verantwortlich zu machen. Wenn ein Schüler rechtspopulistische oder rassistische Narrative von zu Hause übernimmt und im Unterricht wiederholt, muss die Schule sich damit auseinandersetzen, widersprechen und aufklären. Aber das Kind darf dabei nicht abgestempelt werden. Gerade dann ist Schule als demokratischer Erfahrungs- und Bildungsraum besonders wichtig.
Auch hier braucht es Rückendeckung für Lehrkräfte und Schulleitungen. Wenn Eltern massiv Druck ausüben oder Grenzen überschreiten, darf die einzelne Lehrkraft damit nicht alleingelassen werden.
Sie waren selbst zehn Jahre Lehrerin. Gab es eine Situation, in der Sie im Nachhinein gedacht haben: "Da hätte ich anders oder deutlicher reagieren müssen"?
Waibel: Ja, definitiv. Ich erinnere mich an eine Situation aus meinem ersten Jahr als Lehrerin. Ein Kollege hat seine Klassenliste vorgelesen und bei mehreren migrantisch gelesenen Namen gelacht und gesagt: "Der Name ist Programm." Ich habe damals nichts gesagt. Ich habe mich nicht getraut, ihm zu widersprechen. Heute würde ich in einer solchen Situation ganz klar reagieren und die Aussage als rassistisch benennen.
Dabei muss ich aber auch meine eigene Position reflektieren: Ich bin eine weiße Person, die selbst nicht von Rassismus betroffen ist und die - wie wir alle - rassistisch sozialisiert wurde. Auch ich musste mir rassismuskritisches Wissen erst aneignen, um bestimmte Mechanismen und Situationen überhaupt als rassistisch erkennen und einordnen zu können.
Genau deshalb halte ich rassismuskritische Aus- und Fortbildung für Lehrkräfte für so wichtig. Es reicht nicht, von sich selbst zu sagen: "Ich bin nicht rassistisch." Wir müssen lernen, Rassismus in unserem eigenen Handeln, in unserem Umfeld und in den Strukturen von Schule zu erkennen - und dann auch den Mut und die Handlungssicherheit entwickeln, ihm zu widersprechen.
Und was müsste sich strukturell an deutschen Schulen verändern, damit demokratische Bildung nicht vom Engagement einzelner Lehrkräfte abhängt?
Waibel: Demokratische Bildung darf nicht davon abhängen, ob an einer Schule zufällig eine besonders engagierte Lehrkraft arbeitet. Sie muss strukturell verankert sein. Das beginnt für mich bereits in der Lehrkräfteausbildung. Rassismuskritische, diversitätssensible und demokratische Bildung muss verpflichtender Bestandteil des Studiums und des Referendariats sein und sich anschließend auch in regelmäßigen Fortbildungen fortsetzen.
Lehrkräfte müssen lernen, Rassismus, Diskriminierung und antidemokratische Narrative überhaupt zu erkennen - dazu gehören auch rechtsextreme Codes, Zeichen und Radikalisierungsprozesse. Gleichzeitig brauchen sie Handlungssicherheit: Was mache ich, wenn so etwas in meinem Unterricht, im Kollegium oder durch Eltern passiert? An wen kann ich mich wenden?
Dazu gehört auch eine klare Rückendeckung durch Schulleitungen, Schulaufsicht und Kultusministerien. Lehrkräfte dürfen nicht das Gefühl haben, dass sie persönlich ein Risiko eingehen, wenn sie eine demokratische Haltung zeigen und sich gegen Rassismus oder Diskriminierung positionieren.
Und wir brauchen unabhängige Beschwerde- und Meldestellen für Diskriminierung an Schulen, die außerhalb der schulischen Hierarchien funktionieren. Denn wir können nicht einerseits von Lehrkräften und Betroffenen verlangen, dass sie Missstände benennen, und sie andererseits mit den Konsequenzen alleinlassen. Am Ende muss Demokratiebildung als selbstverständlicher Teil des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags verstanden werden - nicht als Zusatzaufgabe für diejenigen, die sich ohnehin schon dafür engagieren.