Psychotests: Was sie können - und was nicht

Sich selbst kennenlernen mit Psychotests - ist das sinnvoll oder totaler Humbug? Zwei Psychologen sagen in der AZ, was sie davon halten.
| Ruth Schormann
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Julia Hüwel (32) aus München ist Psychologin, Trainerin und Beraterin. Werner Dopfer (56) ist in München als freiberuflicher Psychotherapeut, Coach und Berater tätig.
privat 3 Julia Hüwel (32) aus München ist Psychologin, Trainerin und Beraterin. Werner Dopfer (56) ist in München als freiberuflicher Psychotherapeut, Coach und Berater tätig.
Mit "20 überraschenden Tests und Theorien" zur Persönlichkeit wirbt das Buch "Me, myself and I".
Eden Books 3 Mit "20 überraschenden Tests und Theorien" zur Persönlichkeit wirbt das Buch "Me, myself and I".
Carl G. Jung (links) und Sigmund Freud.
dpa 3 Carl G. Jung (links) und Sigmund Freud.

Sich selbst kennenlernen mit Psychotests - ist das sinnvoll oder totaler Humbug? Zwei Psychologen sagen in der AZ, was sie davon halten.

Sie haben bestimmt auch schon mal einen dieser Fragebögen beantwortet, wie man sie vornehmlich in Frauenzeitschriften findet: "Welcher Flirttyp bist du?", "Wie steht es um dein Selbstbewusstsein?" und so weiter. Zwei Experten halten davon allerdings wenig, erklären sie in der AZ.

Tests wie "Welche Zahl bist du?" oder "Welche Gehirnhälfte ist bei dir ausgeprägter?" – sind die denn sinnvoll? "Solche Tests sind im Grunde genommen nicht schlechter oder besser als ein Horoskop“, sagt die Münchner Psychologin Julia Hüwel. "Solche Tests oder Selbsteinschätzungen stillen zumindest kurzfristig unser Verlangen, uns selbst besser kennzulernen", erklärt Hüwel.

Julia Hüwel (32) aus München ist Psychologin, Trainerin und Beraterin. Werner Dopfer (56) ist in München als freiberuflicher Psychotherapeut, Coach und Berater tätig.
Julia Hüwel (32) aus München ist Psychologin, Trainerin und Beraterin. Werner Dopfer (56) ist in München als freiberuflicher Psychotherapeut, Coach und Berater tätig. © privat

"Pseudo-Tests" nennt der Münchner Psychotherapeut Werner Dopfer sie dagegen. Ihn ärgern solche Tests, die seiner Meinung nach die komplette Psychologie in Verruf bringen. Mit wissenschaftlicher Arbeit hätten sie nichts zu tun, "ein Test muss das messen, was er zu messen vorgibt. Das kann man in der Regel nicht mit fünf oder zehn Fragen", sagt er.

"Die meisten von uns sind unsicher, wer sie wirklich sind"

"Eine Entwicklung eines Persönlichkeitsinventars", wie wissenschaftlich fundierte Tests in der Fachspache heißen, "ist entsprechend aufwendig. Ebenso aufwendig ist in der Regel auch die Auswertung solcher Inventare, ein einfaches Aufsummieren von Punkten greift dabei meist zu kurz", sagt Hüwel. Die Interpretation komme auch auf die Person an, die die Fragen beantwortet hat.

Tests in Zeitschriften oder auf bestimmten Internetseiten sind beliebt. Warum ist das so? "Das ist halt spannend für die Leute, diese Alltagspsychologie. Die macht Spaß", sagt Dopfer.

Hüwel meint, die Beliebtheit hat mit der Neugierde des Menschen zu tun: "Ich glaube, die meisten von uns sind immer ein wenig unsicher, wer sie wirklich sind. Wir tragen so viel in uns – Gedanken, Prägungen, Gefühle und Impulse. Wäre es da nicht schön, etwas mehr Struktur in das vielleicht zeitweise auftretende Chaos zu bringen, beziehungsweise das Unbekannte in uns zu reduzieren?"

"Sich selbst zu verstehen, erfordert Fleiß und Schweiß"

Doch sie erklärt auch: "Uns selbst besser zu verstehen erfordert aber, wenn wir es ernsthaft betreiben, viel Fleiß und Schweiß und mag zeitweise auch unangenehm sein." Denn man muss sich erneut mit unangenehmen Situationen auseinandersetzen oder Feedback einholen. Da mag solch ein vermeintlicher Test netter sein.

Können diese Tests auch Schaden anrichten? Ist es denn per se nicht etwas Gutes, einmal in sich hineinzuhören? "Im Grunde genommen schadet es nicht, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt, so lange man psychisch stabil ist", sagt Hüwel. So sieht es auch Dopfer: "Wenn Leute, die in sich ruhen, sich das zur Gaudi anschauen, meinetwegen – Aussagekraft haben solche Tests aber oftmals nicht."

Tagebuch führen und wiederkehrende Muster erkennen

Er erklärt: "Der Mensch neigt zum Selbstbetrug. Wenn ich ein Horoskop lese und es steht was Tolles über mein Liebesleben drin, dann schöpfe ich Hoffnung. Das ist dann im positiven Sinne schon gut." Doch es könne sich eben auch negativ auswirken. "Wenn drin steht, Ihnen wird etwas Schlimmes passieren, kommt es zu einer self-fulfilling prophecy", warnt Dopfer.

Ähnlich sieht es Hüwel: "In psychischen Krisen mag eine übermäßige Beschäftigung mit sich selbst – insbesondere ohne professionelle Begleitung durch einen Therapeuten – unter bestimmten Umständen weiter destabilisierend wirken."

Ratgeber zu Selbsteinschätzung oder Persönlichkeitsentwicklung boomen. Wie arbeitet man an sich selbst? Abgesehen davon, dass man am besten einen Coach oder Psychotherapeuten aufsucht, empfiehlt Hüwel, Tagebuch zu führen über Situationen, die einem schwerfallen. So könne man wiederkehrende Muster entdecken und diese mit Vertrauten besprechen, um eine Fremdeinschätzung zu bekommen.

Mit "20 überraschenden Tests und Theorien" zur Persönlichkeit wirbt das Buch "Me, myself and I".
Mit "20 überraschenden Tests und Theorien" zur Persönlichkeit wirbt das Buch "Me, myself and I". © Eden Books

Buch "Me, myself and I": Heiter bis tiefsinnig

Bücher über Selbsterkenntnis und Psychologie gibt es viele. Bücher, "die dein Leben verändern", wie sie oft vollmundig beworben werden. Auch "Me, myself and I", das nun, übersetzt aus dem Niederländischen, bei Eden Books erschienen ist (128 Seiten, Klappbroschur, 13,95 Euro), schickt den Leser auf eine Erkundungstour zu sich selbst – ohne lebensverändernde Absichten.

Wer sich selbst finden will, muss wohl mehr tun, als zu lesen. "Me, myself and I" ist denn auch mehr ein Mal- und Mitmachbuch, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Dabei stellt Autorin Sigrid Leerink aber klar: "Dieses Buch soll dich vor allen Dingen zum Nachdenken anregen. Nimm aber nicht alles zu ernst, das Leben ist schon ernst genug!"

Richten Sie ab und zu mal den Blick nach innen

Es erhebt also gar nicht den Anspruch, wissenschaftlich fundiert zu sein oder ernsthafte, solide Psycho-Tests zu beinhalten. Beim Durchblättern der farbenfroh und verspielt gestalteten Seiten wird das schnell klar. Dennoch erfährt man, zugegeben etwas oberflächlich, das eine oder andere über Psychoanalytiker wie Sigmund Freud und Carl Gustav Jung.

Tests wie: "Welcher Stuhl passt am besten zu dir?" oder Einordnungen wie "Was deine Schlafhaltung über deinen Charakter aussagt" lassen ja erahnen, dass es hier nicht wirklich bierernst zugeht – und der Leser es auch nicht zu ernst nehmen sollte.

Das Buch ist aber bestimmt geeignet, zur Abwechslung mal einen Blick auf sich, nach innen zu richten und eben ein bisschen über sich selbst, seine Stärken und Schwächen, Vorlieben und Eigenschaften nachzudenken. Kann ja nicht schaden.

Carl G. Jung (links) und Sigmund Freud.
Carl G. Jung (links) und Sigmund Freud. © dpa

Große Psychologen: Carl Gustav Jung und Sigmund Freud

Zwei für die Psychologie wichtige Herren beschreibt das Buch "Me, myself and I" näher: Carl G. Jung und Sigmund Freud. Der war ein österreichischer Psychiater und gilt als einflussreicher Denker auf dem Gebiet der menschlichen Persönlichkeit.

Sigmund Freud entwickelte die Psychoanalyse: Sie geht davon aus, dass das Unterbewusstsein starken Einfluss auf das Verhalten eines Menschen hat. Seine Idee: Die Persönlichkeit setzt sich zusammen aus dem Wirken von Es, Ich und Über-Ich.

Das Es beschreibt das instinktive, primitive Verhalten und ist angeboren. Das Über-Ich ist angelernt und kontrolliert das Es. Das Über-Ich besteht demnach aus dem Ideal-Ich, also dem, wie wir gern sein wollen, und dem Gewissen, dessen Ansichten sich aus Normen, die Eltern oder Gesellschaft vermitteln, nähren. Laut Freud ist das Ich quasi der Reiter, der das Es – im Bild das Pferd – lenkt.

Carl Gustav Jung, ein Schweizer Schüler von Freud, entwickelte unter anderem die Theorie, dass das Unterbewusstsein in ein persönliches und ein kollektives zu unterteilen ist.

In Letzterem finden sich demnach Erfahrungen, die von Vorfahren im Erbe weitergegeben werden, etwa die Angst eines Affen vor einer Schlange, die ihn seine Mutter nicht lehren muss.

Lesen Sie hier: Umfrage - Jeder Fünfte in Deutschland ist tätowiert

 

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