Philosophin im Interview: Warum die Zukunft kein Männerding ist

Von den Machtzirkeln eines Donald Trump bis hin zu den Abgründen im Fall Jeffrey Epstein scheint die Weltpolitik und Wirtschaft fest in der Hand einer toxischen Männerdominanz zu sein. Es ist das immergleiche Problem eines Systems, das von Männern für Männer gemacht wurde und Frauen oft nur die Gastrolle überlässt.
Die Philosophin Dr. Rebekka Reinhard stellt eine Gegenthese auf: "Zukunft ist kein Männerding" lautet der Titel ihres neuen Buchs, das am 16. April bei Heyne erscheint. Sie lädt dazu ein, verkrustete Strukturen mit einer neuen Form der Leichtigkeit aufzubrechen: "Ich sage: Zukunft ist ein Menschending - starke These, man kann auch sagen: eine Provokation", erklärt Reinhard im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news.
Radikale Neudefinition des Machtbegriffs
Der Handlungsbedarf ist laut der Philosophin groß, da viele gesellschaftliche Systeme nach wie vor von Männern für Männer konzipiert sind. Um Platz für Neues zu schaffen, müssten wir den Tisch überall dort umwerfen, wo es in unserer Macht steht: "Im Job, auf der Führungsebene - genauso wie im Schlafzimmer."
Um die allgegenwärtige "Bro Culture" zu überwinden, ohne sich dabei männlichen Verhaltensmustern anzupassen, schlägt sie eine radikale Neudefinition des Machtbegriffs vor. Es gehe darum, sich von der anstrengenden Identifikation mit vertikaler "Power Over" zu lösen und stattdessen eine horizontale "Power With" zu etablieren. Laut Reinhard stehe "die Macht der vielen, das Gemeinsam-mächtig-werden, ein starkes Wir, eine echte Sisterhood" im Zentrum dieser Veränderung.
Selbstwirksamkeit statt Ohnmacht
Frauen, die sich innerhalb des aktuellen Systems machtlos fühlen, ermutigt die Autorin zur Selbstwirksamkeit im Kleinen. Sie betont, dass jede Frau in ihrem individuellen Alltagsradius etwas bewegen könne und zitiert Gandhi: "Sei selbst die Veränderung, die du sehen willst in der Welt." Für Reinhard gibt es dazu kaum eine konstruktive Alternative, denn wer nicht das beeinflusse, was in der eigenen Macht stehe, lasse "ohnmächtig alles" mit sich geschehen.
Dass Frauen sich oft noch wie Gäste in der Welt fühlen, führt sie auf einen Mangel an Fantasie zurück. Als Gegenentwurf führt sie in ihrem Buch das Narrativ der "Marsmädchen" ein - Wesen, die mit positiver Energie, Ernsthaftigkeit und einem Sinn für Paradoxien "Hirn und Herz vereinen", um die Welt zu verändern.
"Der Feminismus ist ein Humanismus"
Ein Schlüssel zu dieser neuen Weltgestaltung liegt für die Philosophin in einer radikalen Solidarität, die das Gegeneinander-Ausspielen von Lebensmodellen beendet. Dies gelinge vor allem durch das Offenlegen der eigenen Vulnerabilität. "Wir müssen unser aller Verletzlichkeit noch viel stärker in den Vordergrund rücken", fordert Reinhard, da niemand perfekt sei, und jeder Mängel oder Ängste besitze. Es gehe darum, einander wirklich zu sehen und die "innere Schönheit" zu erkennen.
Dabei distanziert sich die Philosophin bewusst vom klassischen Begriff des "Kampfes": Ein solcher sei zu anstrengend und gesundheitsschädlich. Stattdessen plädiert sie für eine kollektive Rückeroberung des Terrains, um bei aller Entschlossenheit die Leichtigkeit zu bewahren. "Der Feminismus 2026 ist keine Kampfansage. Der Feminismus ist ein Humanismus", stellt sie klar. Dabei warnt sie jedoch vor der Vorstellung, dass eine Welt, in der Frauen einfach ohne Erlaubnis nach ihren eigenen Vorstellungen handeln, automatisch ethisch überlegen sei.
Frauen seien nicht per se die besseren Lebewesen, und niemand sollte isoliert nur das tun, was er wolle. Vielmehr gelte es, das zu tun, "was gut für uns selbst - und die Menschheit ist". Für Reinhard persönlich ist das Frausein im Jahr 2026 daher vor allem mit Dankbarkeit verbunden, in dieser "irren Zeit" lebendig zu sein und ihren Beitrag zur Zukunft leisten zu können. Ihr Fazit bleibt erwartungsvoll: "Das Leben ist ein Thriller."