"Oma Gertrud" aus U-Haft entlassen

"Oma Gertrud" kann erstmal aufatmen: Das Verfahren wegen Schwarzfahrens in 22 Fällen wurde ausgesetzt. Die Rentnerin ist wieder auf freiem Fuß.
| dpa/az
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Wuppertal - Die kleine Frau in der rosafarbenen Daunenjacke lacht verschmitzt in die Kameras, als sie den Gerichtssaal betritt: „Vielen Dank, das ist aber eine Ehre.“ Ihr schütteres, weißes Haar ist unfrisiert. Die 87-Jährige kommt geradewegs aus der Untersuchungshaft in einem Gefängnis in Gelsenkirchen, in dem sie neun Tage verbringen musste. „Oma Gertrud“ bewegt die Gemüter, viele wollen der alten Dame mit der mageren Rente helfen.

Fünf Tage vor Heiligabend verhandelt das Wuppertaler Amtsgericht ihren Fall. Der Gerichtssaal ist voll. Der 87-Jährigen werden 22 Fälle von Schwarzfahren in Zügen der Deutschen Bahn vorgeworfen - Beförderungserschleichung nennen das die Juristen. Nicht zum ersten Mal ist sie deswegen vor Gericht, erst im Juni war sie zu 400 Euro Geldstrafe verurteilt worden.

Als der Vertreter der Staatsanwaltschaft die Fälle auflistet, rauscht eine Schwebebahn am Fenster vorbei. In einigen Fällen war es laut Anklage spät in der Nacht, als sie erwischt wurde. Die alte Dame ist sehr mobil und offensichtlich inzwischen obdachlos: „Ich schlafe mal da, mal da“, sagt sie. Schläft sie in den Zügen? Warum hat sie keine Sozialwohnung? Solche Fragen werden am Donnerstag nicht mehr geklärt.

Denn nun hat Psychiater Ulrich Lange das Wort und mit der guten Laune von „Oma Gertrud“ ist es schlagartig vorbei. Immer wieder unterbricht sie den Sachverständigen, herrscht ihn an, unterstellt ihm die Unwahrheit und sogar Demenz. Ihrem Verteidiger fällt es schwer, sie zu beruhigen. Fünfmal wird sie von Richter Markus Schlosser ermahnt.

Was der Gutachter da aus ihrem Seelenleben ausplaudert, missfällt der Frau, hatte sie sich selbst doch als körperlich und geistig fit eingestuft. Einerseits sei die rüstige Dame zwar „ganz pfiffig“ und habe seine versteckten Fragen nach ihrem inneren Zustand listig abgeblockt, erklärt der Psychiater. Andererseits seien ihre Ausführungen sprunghaft und wirr. „Man muss den Verdacht haben, dass ein psychotisches Geschehen da ist.“ Er attestiert ihr eine Denk- und Konzentrationsstörung, ihr Verhalten sei für eine Frau ihres Alters „grenzwertig“. So habe sie von Stimmen berichtet, die im Gefängnis alle ihren Namen riefen. Und sie sei überzeugt, dass die Bundeskanzlerin Alte wie sie nach Polen abschieben wolle.

„Oma Gertrud“ motzt derweil leise vor sich hin. „Morgen bin ich sowieso wieder draußen“, hatte sie den „Seelenklempner“ am Vortag in der Haftanstalt wissen lassen. Damit sollte sie Recht behalten und es ist der Psychiater, der ihr die Tür in die Freiheit öffnet: erhebliche Zweifel an der Schuld- und Verhandlungsfähigkeit, so lautet sein Fazit. Darüber kann und will sich Amtsrichter Schlosser nicht hinwegsetzen. „Das Verfahren wird ausgesetzt“, erklärt er. Der psychische Zustand der Frau müsse zunächst eindeutig geklärt werden. „Der Haftbefehl wird aufgehoben. Sie sind frei und können gehen“, sagt der Jurist. Im Gerichtssaal brandet Applaus auf.

„Ich danke euch“, ruft die Seniorin, die ihre gute Laune wiedergefunden hat, den Zuschauern zu, bevor sie das Gericht durch den Vordereingang verlässt.

 

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