Nervenkrieg vor Gericht

Kachelmann-Prozess: Gestern sollte das mutmaßliche Opfer aussagen. Doch dazu kam es nicht. Die Verteidiger verzögerten das Verfahren durch mehrere Anträge
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Jörg Kachelmann (52) streitet die Tat ab.
dapd Jörg Kachelmann (52) streitet die Tat ab.

Mannheim - Kachelmann-Prozess: Gestern sollte das mutmaßliche Opfer aussagen. Doch dazu kam es nicht. Die Verteidiger verzögerten das Verfahren durch mehrere Anträge

Um 10.40 Uhr betritt sie den Gerichtssaal: Die 37-jährige Frau, die ihren Ex-Freund Jörg Kachelmann der Vergewaltigung bezichtigt. Am Morgen hatte das Gericht schon über einen Antrag der Verteidigung bezüglich eines Gutachters entschieden. Dann sollte die Befragung der Hauptbelastungszeugin beginnen. Sie nennt ihre Personalien. Dann der nächste Antrag der Verteidiger, das Verfahren wird bis 13 Uhr unterbrochen. Um 13 Uhr stellt die Verteidigung dann wieder einen Antrag – auf Befangenheit der Richter. Am Nachmittag wird die Verhandlung beendet, die Frau soll ihre Aussage am Montag machen. Die Begegnung von Kachelmann und seiner Ex gerät zum Nervenkrieg. Von der Glaubwürdigkeit der Frau hängt viel ab in diesem Prozess, der nun in die entscheidende Phase kommt.

Wie lautet die Zwischenbilanz? Bisher hat Kachelmann einige Rückschläge hinnehmen müssen:

- Zwei Kriminalbeamtinnen, die die Frau jeweils vernommen hatten, sagten aus, sie hätte glaubwürdig gewirkt.

- Gravierender waren Kachelmanns Niederlagen im Kampf um Gutachten, die die Verteidiger in Auftrag gegeben hatten. So zogen seine Anwälte den Psychologen Tilmann Elliger zurück, nachdem bekannt geworden war, dass Elliger bei Kachelmanns Entlassungsparty mitgefeiert hatte.

- Später wurde Bernd Brinkmann, emeritierter Gerichtsmediziner, wegen Befangenheit abgelehnt. Brinkmann hatte in seinem Gutachten im Auftrag der Verteidigung die These vertreten, die Frau habe sich mutmaßlich selbst verletzt, um eine Vergewaltigung vorzutäuschen. Als Beleg führte er ältere Fotos von blauen Flecken an, die die Frau auf ihrem Computer hatte: Dies seien „Selbststudien“ der Frau, um zu sehen, wie Hämatome entstehen. Der Vorsitzende Richter Michael Seidling hat Zweifel an der Urparteilichkeit Brinkmanns. So habe Brinkmann sexuelle Praktiken und andere Ursachen für die Verletzungen sofort ausgeschlossen und sich auf die Selbstverletzung beschränkt. Richter Seidling wirft Brinkmann eine „Überbetonung des eigenen Standpunkts“ vor.

- Obwohl die Verteidiger nochmal einen Antrag stellten, Brinkmann zuzulassen, bestätigte das Gericht gestern dessen Ausschluss.

Wie geht’s jetzt weiter: Da Aussage gegen Aussage steht, ist der Prozess eine Gutachterschlacht. Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung haben Gutachter beauftragt: Rechtsmediziner, Psychologen, Psychiater. Neben den technischen Fragen zu den Verletzungen geht es vor allem um die Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin. Eine Auswahl:

- Luise Greuel, Aussagepsychologin, hatte die Frau im Auftrag der Staatsanwaltschaft im Frühjahr begutachtet. Sie bezeichnet die Schilderung der Tat als unzureichend und widersprüchlich. Sie sagt aber auch, dass solche Erinnerungslücken durch Traumatisierung ausgelöst werden können.

- Günter Seidler, Traumatologe und inzwischen der Therapeut der Frau. Er ist befangen, darf aber als Zeuge aussagen. Seiner Meinung nach zeigt die Frau typische Eigenschaften einer Traumatisierung. Das erkläre auch die Erinnerungslücken.

- Hans-Ludwig Kröber: Der Psychiater wurde vom Gericht bestellt. Er hat lange mit der Frau gesprochen, beobachtet außerdem ihre Aussage vor Gericht. In einer Expertise, die in Auszügen an die Öffentlichkeit geriet, bescheinigt er der Nebenklägerin wenig Glaubwürdigkeit und verbannt die Thesen der Traumatologie – also auch die Aussage des Therapeuten Seidler – ins Reich der Märchen.

- Die Aussage der Frau vor Gericht interpretieren wird auch der Psychologe Günter Köhnken, den die Verteidigung dazugeholt hat.

- Der Hirnforscher Hans Markowitsch wurde von der Verteidigung aufgeboten. Er befasst sich mit dem Verhalten von Opfern in Todesangst und soll einschätzen, ob Erinnerungslücken realistisch sind.

- Der Psychiater Hartmut Pleines sitzt im Gericht, um sich ein Bild von Jörg Kachelmann zu machen – allerdings nur vom Zuschauen. Während die Frau freiwillig bereits drei Gutachtern Rede und Antwort stand, lehnt Kachelmann ein psychologisches Gutachten über sich ab.

Tina Angerer

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