Interview

Nacktschnecken-Problem? "Salzen geht gar nicht"

Beliebt sind sie selten: Nacktschnecken. Heuer sind es besonders viele, weiß Zoologe Schrödl - und auch, wie man sie schnell wieder los wird.
| Leonie Fuchs
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Eine Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus), auch Nacktschnecke genannt.
Eine Spanische Wegschnecke (Arion lusitanicus), auch Nacktschnecke genannt. © Patrick Pleul dpa/lno

Sie sind Meister der zielstrebigen Bewegung, künstlerische Luftakrobaten und haben Salatköpfe zum Fressen gern: die Nacktschnecken. Schneckenforscher Michael Schrödl weiß, was gegen die schleimigen Tierchen im Garten zu tun ist.

AZ: Aktuell scheint der Feind von Gemüseanbauern besonders viel umherzuschleimen. Ist die Schneckenmenge denn noch normal für den August?
MICHAEL SCHRÖDL: Ich persönlich habe den Eindruck, dass dieses Jahr besonders viele unterwegs sind. Die letzten Jahre waren eher trocken, deshalb gab es im Vergleich recht wenig Schnecken. Jetzt haben wir mal ein normales, feuchtes Jahr und das mögen besonders die Nacktschnecken sehr.

Schneckenforscher Schrödl mit einer Wegschnecke. Der Zoologe (54) ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität und Leiter der Weichtiersektion an der Zoologischen Staatssammlung in München.
Schneckenforscher Schrödl mit einer Wegschnecke. Der Zoologe (54) ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität und Leiter der Weichtiersektion an der Zoologischen Staatssammlung in München. © privat

Ist das ein Problem?
Bis in den Herbst hinein ist noch Legesaison der Schnecken. Wenn die Bedingungen gut bleiben - und so sieht es aus - dann wird es viele Schnecken geben, die überwintern und das bedeutet für nächstes Jahr mehr Nacktschnecken.

Die große Schneckenplage kommt demnach erst noch?
Das könnte sein.

Nur drei Nacktschnecken sind Gartenschädlinge

Wie viele Arten gelten überhaupt als Gartenschädlinge?
In Deutschland gibt es circa 300 Schneckenarten, in Bayern noch etwa 270 davon. "Schädlich" für den Garten werden nur drei Nacktschnecken.

Welche?
Die kleine weiße und manchmal gesprenkelte Ackernetzschnecke ist vor allem für die Landwirtschaft schädlich. Zudem die Gartenwegschnecke, die eingegraben lebt und im Unterholz junge Triebe und Wurzeln anknabbert. Mit Abstand die größte Nervensäge ist die gemeine Nacktschnecke, die "Spanische Wegschnecke" oder Arion vulgaris genannt wird. Laut Schätzungen stammen 90 Prozent der Gartenschäden von dieser Art.

Die Spitzenschleimerin also.
Tatsächlich ist sie das. Es gibt verschiedene Abstufungen von schleimig. Der Schleim von Gehäuseschnecken ist nicht pappig. Sie kriechen auf ihrer Rutschbahn und schützen sich vor Fressfeinden und Verdunstung in ihrem Gehäuse. Das kann die Wegschnecke nicht.

Der Schleim schützt folglich?
Ja, die Nacktschnecken haben andere Probleme. Durch ihre große Körperoberfläche, die der Umwelt ausgesetzt ist, benötigen sie aggressiveren, pappigeren Schleim, um sich vor Feuchtigkeitsverlust und Fressfeinden zu schützen.

Die natürlichen Feinde der Nacktschnecke

Welche Feinde sind das?
Junge Arion vulgaris, die noch nicht so viel von dem Schleim produzieren, werden etwa von Igel, Spitzmaus, vielen Vögeln, Erdkröten und Käferlarven gefressen. Die Indischen Laufenten mögen auch die ausgewachsenen gerne. Wobei kleine Enten an der ausgewachsenen Schnecke mit ihren bis zu 15 Zentimetern ersticken können - eine gefährliche Vorliebe.

Was bedeutet all dies für Gärtner und Schneckenplagen?
Ein strukturreicher, naturnaher Garten mit Wildwuchs begünstigt natürliche Fressfeinde für die jungen Nacktschnecken. Und die großen Arion vulgaris haben genügend Futter - ohne über das Gemüse herfallen zu müssen. Zudem überbrücken Nacktschnecken den Tag in feuchten und kühlen Verstecken: unter Laubhaufen, Steinen, Hecken. Abends kommen sie raus. Je weiter diese Verstecke also vom Gemüsebeet weg sind, desto besser. Sprich: natürliche Barrieren schaffen!

Sie sind bekanntlich nicht die Schnellsten.
Genau. Zudem sollte man morgens gießen und nicht abends, sonst bietet man ihnen die perfekte Rutschbahn.

Michael Schrödl, "Schneckenplage muss nicht sein", BoD Verlag, 14,95 Euro.
Michael Schrödl, "Schneckenplage muss nicht sein", BoD Verlag, 14,95 Euro. © BoD Verlag

Wenn das Biotop nicht ausreicht: Salzen oder Bierfalle?
Also Salzen geht gar nicht. Das wirkt nicht und quält die Tiere. Bier riechen Wegschnecken über viele Meter, auch aus Nachbargärten kommen sie dann in Scharen. Die Bierfalle lockt ganze Prozessionen an. Auch ist sie nicht sehr effektiv: viele trinken und kriechen wieder raus, ein paar ertrinken. Dann wird die Falle nach kurzer Zeit zu einer unappetitlichen Angelegenheit. Zudem verschwendet sie Bier (lacht).

Dann vielleicht Absammeln?
Das muss man meist mehrmals täglich über Wochen hinweg tun bis es hilft. Und oft findet man dann immer noch welche. Auch stellt sich die Frage: wohin damit? In das nächste Naturschutzgebiet? Keine gute Idee! Je naturnäher, desto bedenklicher, da man sonst Ökosysteme durcheinanderbringt.

Welcher Ort eignet sich?
Hundewiesen. Dort verwerten sie zugleich den Hundekot.

So kann man sie sanft umbringen

Was kann man noch tun?
Wenn man die eingesammelten Schnecken sanft umbringen will, kann man sie tiefgefrieren und dann eingraben.

Wie steht es um Zäune?
Im Prinzip eine gute Idee! Wer mit Schneckenzäunen empfindliche Kulturen schützen will, muss aber dafür sorgen, dass es weder Brücken - etwa über Laub - ins Beet rein gibt und, dass nicht schon vorher Schnecken im Beet sind.

Was hilft außerdem?
Tierfreundlich ist es auch, Hochbeete anzulegen. Oder vieles in hängende Töpfe zu pflanzen. Aber sobald etwas für sie gut riecht, sind sie recht akrobatisch unterwegs.

Akrobatisch?
Nacktschnecken können sich an ihren Schleimfäden abseilen. Sie sind echte Luftakrobaten! Auch einen Spagat von einem Topf zum nächsten können sie super.

Kommen noch andere Maßnahmen in Frage?
Durchschneiden finde ich persönlich okay. Wer sie umbringen will, der soll mit einem beherzten Schnitt im vorderen Drittel schneiden - dann ist die Schnecke gleich tot. Damit der Kadavergeruch nicht ihre Kollegen anlockt,
sollte man sie eingraben.

So steht es um Schneckengift

Und Schneckenkorn?
Da gibt es zwei Wirkstoffe. Der eine ist Metaldehyd, der ist giftig. Den kann ich nicht empfehlen. Der andere ist Eisen-III-Phosphat, der schmeckt den Schnecken gar nicht und wirkt deswegen nicht besonders gut. Beide sind nicht sehr tierfreundlich und tun dem Ökosystem Garten nicht gut. Wenn man unbedingt zu einem der beiden greifen möchte, dann eher zu Eisen-III-Phosphat.

Haben Sie noch einen ultimativen Anti-Schneckentipp?
Eisen-III-Phosphat alleine hilft nicht gut. In der Kombination mit ein paar Tropfen Bier, kommen plötzlich Nacktschnecken in Scharen - das wirkt.

Buch: Artenschutz und Beseitigungstipps

Wie kombinieren Sie Artenschutz und Beseitigungstipps in Ihrem Buch?
Ich versuche, den Lesern aufzuzeigen, mit welchen Lebewesen sie es zu tun haben, bevor sie zu drastischeren Methoden greifen. Vielleicht entwickeln sie zuvor so viel Zuneigung oder Respekt, sodass es gar nicht zu diesen kommen muss - und Respekt ist geboten. Ein von mir entworfener Ratgeber erklärt zudem, welche Methode am besten zu einem passt.

Zu welcher greifen Sie?
Meine Frau und ich haben einen wilden Naturgarten, verzichten auf Salat und haben Pflanzen, die Schnecken nicht mögen. Fetthenne zum Beispiel, oder Sonnenhut.

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Welche Rolle spielen die Tiere denn im Ökosystem?
Sie sind anpassungsfähige Spezialisten, die auf kleinsten Gebieten hausen. Sie tragen zur Kompostierung und Mineralisierung bei, sind beliebte Proteinhäppchen für andere Organismen. Der Schleim von Gehäuseschnecken wird zudem kommerziell als Anti-Aging-Creme genutzt. Schnecken in Bayern und Deutschland gehören jedoch zu den bedrohtesten Tierarten, die es überhaupt gibt, da ihre Lebensräume immer kleiner werden.

Haben Sie eine Lieblingsschnecke?
Ja, den Tigerschnegel. Er ist sehr groß, frisst meine Gartenpflanzen nicht, hat einen coolen Namen, ist neugierig und legt mehrere Meter pro Stunde zurück.

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