Nach Riesen-Streit um Sperre am Grödner Joch: Das ist jetzt wirklich geplant

Nach monatelanger Vorbereitung sollte am 1. September eine Maßnahme im Kampf gegen den Massenverkehr am Südtiroler Tourismus-Hotspot greifen. Warum der Start verschoben wurde und was jetzt stattdessen passiert, erzählt einer der Verantwortlichen im AZ-Interview.
Martina Scheffler |
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Passstraße am Grödner Joch in Südtirol. Der massenhafte Verkehr dort ist zum Problem für Natur und Menschen geworden.
Passstraße am Grödner Joch in Südtirol. Der massenhafte Verkehr dort ist zum Problem für Natur und Menschen geworden. © IMAGO/imageBROKER/Phil Bird

Den ganzen Sommer über wurde diskutiert: Kommt eine für den 1. September geplante Verkehrsregulierung am bei Touristen sehr beliebten Grödner Joch in Südtirol, gar eine Sperre? Am Ende heißt es: viel Lärm um – erst mal – nichts. Was wirklich geplant war, warum der Start verschoben wurde und womit Urlauber nun rechnen müssen, erzählt der Sprecher der Arbeitsgruppe zur Verkehrsberuhigung am Grödner Joch und Direktor der Tourismusgenossenschaft Alta Badia, Max Nagler, im AZ-Interview.

AZ: Herr Nagler, es gab monatelang Wirbel um eine angebliche Sperre am Grödner Joch, um Durchfahrtsverbote, die ab dem 1. September kommen sollten, angesichts des enormen Verkehrs an diesem Tourismus-Hotspot. Worum ging es wirklich?
MAX NAGLER: Seit zehn Monaten arbeitet eine Arbeitsgruppe an dem Projekt "Verkehrsberuhigte Zone am Grödner Joch" oder besser gesagt an den Dolomitenpässen. Das Thema spielt ja schon seit 30 Jahren bei uns eine Rolle, wenn nicht seit 40. Die konkrete Arbeitsgruppe hat zusammen mit dem Land versucht, ein Modell aufzustellen, um eine verkehrsberuhigte Zone einzuführen, basierend auf einer wichtigen Vorarbeit, die in den letzten Jahren von der Politik gemacht wurde. Auf Landes- und Staatsebene wurden entsprechende Artikel eingeführt, damit man in Zukunft eine verkehrsberuhigte Zone auch außerhalb von Städten einführen kann. Und nachdem es diese Einführung gegeben hat – verantwortlich waren der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Tullio Ferrante, und Landesrat Daniel Alfreider –, hatte man die Basis, um das passende Modell für die Einführung dieser verkehrsberuhigten Zone zu erarbeiten.

SVP-Politiker Daniel Alfreider (r.) war in die Planungen eingebunden.
SVP-Politiker Daniel Alfreider (r.) war in die Planungen eingebunden. © Giuseppe Lami/EPA

Wie war der Zeitplan?
Im letzten September wurde beschlossen, dass ein erstes Modell dieses Jahr im September oder Oktober eine erste Testphase erleben könnte.

"Jedes große Projekt kann seine Timeline ändern"

Wie ging es voran?
In den ersten Monaten wurden sehr viele Fragen und Themen angeschaut, die immer wiederkehren. Also: Wer kann in einer verkehrsberuhigten Zone einfahren, wer kann durchfahren, wer kann halten, wer ist berechtigt und so weiter. Da gibt es sehr, sehr viele Fragen, die aufkommen. Ein Grundkonzept wurde erstellt und verschiedenen Gemeinden zur Ansicht gegeben. Diese haben in Beschlüssen dieses Grundkonzept befürwortet. In dem stand noch, dass man im September, Oktober 2026 mit einem Test starten wollte. Aber jedes große Projekt kann seine Timeline ändern. Schon im Juni haben wir gesagt: Zu einer richtigen Testphase kann es nicht kommen, da wir noch viele offene Fragen haben. Man will ja politisch und auch rechtlich und organisatorisch alles richtig aufarbeiten.

Gebirgspanorama am Grödner Joch.
Gebirgspanorama am Grödner Joch. © Jochen Tack/imago

Es war dann die Rede davon, dass erst mal nur eine sogenannte virtuelle Sperre ab dem 1. September kommen sollte. Stimmt das?
Wenn ich jetzt berechtigt wäre durchzufahren, müsste ich mich registrieren und auch eine Registrierungsstrecke aufstellen. Als Einheimischer oder als Gast, als Handwerker, als Arbeiter, als Pendler und so weiter. Das versucht man jetzt in dieser Phase zu testen. Aber das ist momentan auf freiwilliger Basis und mit Testbetrieben, die wir anschreiben und fragen, ob sie mitmachen können. Das ist jetzt rein technisch. Was noch ausgearbeitet wird: Eine Sammlung von Daten mit einer Befragung, zum Beispiel auf dem Pass, und diese spielen wir in einer Simulation ab.

Max Nagler, Sprecher und Mitglied der Arbeitsgruppe zur Verkehrsberuhigung am Grödner Joch und Direktor der Tourismusgenossenschaft Alta Badia.
Max Nagler, Sprecher und Mitglied der Arbeitsgruppe zur Verkehrsberuhigung am Grödner Joch und Direktor der Tourismusgenossenschaft Alta Badia. © Alex Moling

Um welche Aspekte geht es da?
Was würde passieren, wenn wir 20, 30, 40 Prozent vom Verkehr reduzieren würden? Wie würde sich das auf das Tal auswirken und wie würde die Infrastruktur das aushalten? Auch wollen wir verstehen: Was braucht es dann an infrastruktureller Arbeit?

Würden Sie sagen, da ist auch viel aufgebauscht worden in der Diskussion?
Es gab einen großen Wirbel darum und auch dieser Begriff "Sperre" stimmt so nicht. Eine physische Sperre könnte man gar nicht machen. Man redet von einer verkehrsberuhigten Zone, wie man sie in Italien kennt, auch von Städten. Es ist eine digitale Erfassung der Kraftfahrzeuge, die in diese Zone einfahren. Die Thematik ist eben sehr sensibel und es gibt natürlich verschiedene Meinungen.

So leer ist es selten am Grödner Joch.
So leer ist es selten am Grödner Joch. © Stefan Schurr,via www.imago-images.de

Gibt es einen Fahrplan, bis wann man Erkenntnisse gesammelt haben und zu einer Umsetzung kommen will?
Ja, die Timeline wurde verschoben, um das, was jetzt eine simple Simulation ist, in einem detaillierteren Test umzusetzen. Das Projekt ist sehr groß, deswegen ist man sich bewusst, dass die genauen Ziele nicht in Tagen oder Monaten erreicht werden können – vieles kann sich noch ändern. Als Arbeitsgruppe wollen wir alles zu 99 Prozent durchdacht haben, wenn das Projekt zustande kommt.

Viele Gemeinden haben gesagt, es sei falsch, dass sie in der verkehrsberuhigten Zone drin sind. Kann es sein, dass dieses Gebiet vielleicht sogar noch größer wird, als es ursprünglich angedacht war?
Das kann ich jetzt nicht sagen.

"Hat sich in den letzten Jahren noch gesteigert"

Wie groß ist das Verkehrsproblem eigentlich, der Leidensdruck, der dazu geführt hat, dass man diese Zone überhaupt angedacht hat?
Die Situation ist, dass wir viel Verkehr haben. Und zwar in so einer Größenordnung, dass es eine massive Belastung ist für Natur und Menschen. Dieses Problem gibt es natürlich an vielen Orten. Bei uns auf den Dolomitenpässen hat sich das in den letzten Jahren noch gesteigert. Man will einfach versuchen, eine Lösung zu finden.

Es gab offenbar viel Verärgerung, auch von Touristenseite. Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Man ist sich bewusst, dass die Menschen eine Lösung anstreben möchten. Es gibt Leute, die sich engagieren und versuchen, etwas auszuarbeiten. Dass die Meinungen dazu unterschiedlich sind, ist normal.

Haben Sie auch positive Rückmeldungen bekommen?
Absolut.

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