Martin Wehrle: "Geldsorgen werden überschätzt"

"Mein Tipp ist, Ängste und Sorgen als wertvolle Ratgeber zu entdecken": Karriere- und Lebenscoach Martin Wehrle verrät im Interview, wie sich negative Denkspiralen stoppen lassen und welche Sorgen über- und unterschätzt werden.
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Martin Wehrles neues Buch "Wer wärst du ohne deine Sorgen?" erscheint am 22. April.
Martin Wehrles neues Buch "Wer wärst du ohne deine Sorgen?" erscheint am 22. April. © André Heeger

"Sorgen sind ein Produkt eigener Herstellung": Bestsellerautor Martin Wehrle (56) will seinen Leserinnen und Lesern in "Wer wärst du ohne deine Sorgen?" (Mosaik, 22. April) dabei helfen, die Kontrolle über ihren Kopf zurückzuerobern. Je besser man seine Gedanken verstehe, desto leichter könne man sie steuern und sich aus negativen Denkspiralen befreien, sagt der Karriere- und Lebenscoach über das Ziel seines neuen Buches. Im Interview mit spot on news erklärt Wehrle, welche Sorgen überschätzt werden und was gegen Grübelschleifen hilft.

Lieber Herr Wehrle, sind Sie bei der Recherche zu Ihrem neuen Buch einige persönliche Sorgen losgeworden?

Martin Wehrle: Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel hat mich eine Geschichte der Stoiker inspiriert: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Hund und man bindet Sie an einen langsam fahrenden Wagen. Jetzt haben Sie die Wahl: Streben Sie in eine andere Richtung? Dann müssen Sie leiden, werden geschleift. Oder folgen Sie dem Wagen? Dann geht es Ihnen gut. Und so ist es auch mit dem Leben: Was nützt es mir, wenn ich dagegen aufbegehre, dass ich altere oder nicht jeder mich mag? Das Leiden entsteht durch meine Deutung. Es ist gut, mit dem Leben zu gehen, statt dagegen anzustreben.

Gibt es einen Aspekt beim Thema Sorgen, Grübeln und Ängste, der Sie überrascht hat?

Wehrle: Eine verblüffende Studie hat ergeben: Wer Ängste kleinredet, verstärkt sie. Und wer Ängste übertreibt, reduziert sie. Die Teilnehmer bekamen große Spinnen gezeigt. Wer die Spinnen mit neutralen oder verharmlosenden Begriffen belegte, hatte bei der nächsten Begegnung ähnlich viel Angst. Wer die Spinnen jedoch zum Beispiel als "ekelhaftes, blutrünstiges Spinnenvieh" bezeichnet hat, konnte ihren Anblick viel besser ertragen. Warum? Weil viele Ängste, die wir aussprechen, ihren Schrecken verlieren und als Übertreibungen durchschaut werden. Was wir jedoch nicht aussprechen, wächst in unserem Geist.

Welche Sorgen begegnen Ihnen als Coach derzeit am häufigsten?

Wehrle: Die Menschen haben Angst vor der Zukunft. Frisst die künstliche Intelligenz ihre Arbeitsplätze? Schwappt der Krieg bald auf Deutschland über? Reicht die Rente für ein gutes Leben? Das Besondere ist: Unser Geist sucht gezielt nach Sorgen. Wenn wir gerade mal keine haben, erfinden wir sogar welche. In meinem Buch berichte ich von einer Frau, die erst große Sorgen durch einen Geldmangel hatte. Und dann hatte sie nach einer Erbschaft große Sorgen, wie sie das Geld sichern und richtig anlegen sollte.

Hat sich die Art der Sorgen und Ängste in den letzten Jahren verändert?

Wehrle: Ich glaube, die sozialen Medien sind wie eine Lupe: Sie verstärken die Ängste. Schauen Sie sich an, welche Überschriften man für Artikel oder Videos braucht, damit sie überhaupt noch von den Algorithmen ausgeliefert werden: Da steht der Weltuntergang immer kurz bevor. Alles wird dramatisiert. Wir klicken solche Beiträge, weil unser Gehirn wie ein Leibwächter agiert: Es will uns schützen, indem es nach Katastrophen sucht und für diese besonders empfänglich ist.

Was raten Sie Menschen, bei denen die KI Zukunftsängste auslöst?

Wehrle: Mein Tipp ist, Ängste und Sorgen als wertvolle Ratgeber zu entdecken. In meinem Buch beschreibe ich Schritt für Schritt, wie man konstruktive Aufträge aus negativen Gedanken ableiten kann. Zum Beispiel könnte jemand, der seinen Arbeitsplatz durch KI gefährdet sieht, daraus den Auftrag ableiten: Ich befasse mich mit KI und werde einer der Experten, die man in meiner Branche dann brauchen wird. Oder man schult auf ein anderes Feld um, wo der Mensch so schnell nicht ersetzbar ist. Handeln ist immer besser als Bangen.

Wie hoch ist der Anteil der Sorgen, der unbegründet ist?

Wehrle: Eine Sorge ist das, was ich dafür halte. Die Fakten sind, wie sie sind. Erst meine Deutung macht eine Sorge daraus. Zum Beispiel müssen wir alle sterben. Ein Grund zur Sorge? Nein, sagen die Stoiker. Denn wenn ich da bin, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, bin ich nicht mehr da. Selbst wenn uns Sorgen berechtigt erscheinen, laufen wir Gefahr, dann neben dem Sachproblem noch ein mentales zu haben. Besser lassen wir uns von Sorgen inspirieren: Statt mich über meinen Tod zu sorgen, kann ich daraus den Auftrag ableiten: Ich nutze und genieße mein Leben ganz bewusst.

Welche Sorge ist Ihrer Erfahrung nach am meisten überschätzt? Und welche unterschätzt?

Wehrle: Überschätzt werden Geldsorgen. Viele Menschen malen sich aus, im Alter zu verarmen. Aber dann stellen sie fest, dass sie im Alter auch einen deutlich geringeren Geldbedarf haben. Auch die Sorge, dass den eigenen Kindern etwas passiert, ist zum Glück meist unbegründet. Unterschätzt wird dagegen, wie schnell die Lebenszeit vorbei und einiges nicht mehr zu korrigieren ist. Oft höre ich in Beratungen Sätze wie: "Ich hätte ihr öfter sagen sollen, wie sehr ich sie liebe." Oder: "Ich wünschte, ich hätte mich noch mit ihr versöhnt."

Welche einfachen Strategien helfen im Alltag gegen Gedankenkarusselle und Grübelschleifen?

Wehrle: Es ist sehr hilfreich, wenn Sie die Gedanken in Ihrem Kopf kommentieren. Sagen Sie zum Beispiel nicht: "Meine Beziehung steht auf der Kippe!", sondern sagen Sie: "Ich habe gerade den Gedanken, dass meine Beziehung auf der Kippe steht." Schon haben Sie Distanz gewonnen und können einen Realitätscheck durchführen: Ist das wirklich so? Eine wunderbare Methode ist es auch, dass Sie sich Ihre Sorgen von der Seele schreiben. Studien weisen nach: Wer das regelmäßig tut, lebt nicht nur sorgenfreier, sondern wird auch seltener krank.

"Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken!", soll Heinz Erhardt gesagt haben. Wie wichtig ist dieser Ausspruch im Umgang mit Sorgen?

Wehrle: Ganz wichtig! In meinem Buch betone ich: Wir "machen" uns Sorgen - Sorgen sind also ein Produkt eigener Herstellung. Zum Beispiel fragte ich neulich einen Klienten, der davon ausging, dass ihn sein Chef nicht mochte: "Wie hätte Ihr optimistischster Kollege die Aussagen des Vorgesetzten gedeutet?" Und bei der Antwort wurde ihm deutlich, dass er mit seiner negativen Interpretation über das Ziel hinausgeschossen war.

Was hilft Ihnen selbst am besten, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken?

Wehrle: Es ist ein einfacher Gedanke aus dem Buddhismus: "Alles geht vorüber!" Nicht nur unser Leben geht vorbei, sondern auch unsere Sorgen. Und wenn ich mir heute negative Gedanken über ein Thema mache, dann frage ich mich: Welche Bedeutung wird das noch in 10 oder 20 Jahren für dich haben? Und schon wird mir klar: Die Zukunft muss mich nicht ängstigen, im Gegenteil, sie befreit mich von vielen Sorgen.

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Agentur spot on news. Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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