Magie aus dem Netz: Der Online-Handel mit Zaubersprüchen

Mit einem Klick sollen die Sorgen weg sein. Das versprechen Zaubersprüche, die online angeboten werden. Was die schnellen Problemlösungen mit Spaß, Manipulation und den Krisen der Welt zu tun haben.
Rachel Sommer, dpa |
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Im Internet werden zahlreiche Zauber angeboten. (Archivbild)
Im Internet werden zahlreiche Zauber angeboten. (Archivbild) © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB
Paris

Schutz vor Unheil, die Liebe des Angeschmachteten oder Erfolg im Beruf - all das wird auf Onlineplattformen durch Zaubersprüche versprochen. Angeboten wird die vermeintliche magische Abhilfe auf Etsy, Instagram und Co. teils für Kleinstbeträge, mitunter aber auch für Hunderte Euro. Über ein Geschäft, das sich zwischen Spaß am Ausprobieren, der Sehnsucht nach Kontrolle und Abzocke bewegt.

Sich die Welt erklären und Ängste in Schach halten 

Einmal abgetaucht in den Online-Handel mit Zaubersprüchen finden sich die verblüffendsten Angebote: Es wird damit geworben, den "Fluch der Ehelosigkeit" loszuwerden. Und auch dafür, wenn der Partner vor der Familie mit einem prahlt, kann ein Zauberspruch erworben werden. Was aber bewegt Menschen dazu, an diese Angebote zu glauben?

Aberglauben gibt es schon seit Langem. Für den französischen Soziologen Pierre Lagrange geht es dabei um Neugierde und die Lust, die Welt um einen herum zu verstehen. "Ich würde sagen, es sind genau die gleichen Gründe, aus denen Menschen sich der Wissenschaft, der Religion oder anderen Aktivitäten zuwenden", erzählt der Forscher der Deutschen Presse-Agentur.

Auch aus Sicht der Psychologin Christine Mohr braucht es für den Glauben an Zauberei eine Offenheit für Sachen, die man nicht direkt wissenschaftlich erklären könne. Zudem würden Menschen ihr Leben gerne kontrollieren, können vieles aber nicht beeinflussen. Vermeintlich magische Rituale könnten dann auch helfen, Ängste zu reduzieren und ein Gefühl von Kontrolle zu geben. Jugendliche seien besonders offen, derartiges auszuprobieren. Mit dem Alter gehe der magische Glaube zurück.

Große regionale Unterschiede bei Hexenglauben

Weltweit ist der Glaube an Hexerei sehr unterschiedlich verteilt. Einer 2022 im Fachmagazin "PLOS One" vorgestellten Studie zufolge glauben 40 Prozent der Bevölkerung in 95 Ländern daran, dass Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten anderen Schaden zufügen können. Während in Tunesien 90 Prozent an Hexerei glaubten, waren es in Deutschland demnach nur etwa 13 Prozent.

In Frankreich landen in manchen Gegenden sogar regelmäßig Werbeflyer für selbst ernannte Seher und Medien im Briefkasten, die Abhilfe bei Problemen in allen Lebenslagen versprechen. Selbst mitten in der Pariser Innenstadt verteilen sie mitunter ihre Zettelchen. Ein Interview wollte dennoch keiner von ihnen geben. Und auch mit den Online-Händlern von Zaubersprüchen war kein Gespräch möglich.

Expertin sieht Trend zum Magischen

Doch ob der Glaube an Magie derzeit stärker ausgeprägt ist als noch vor einigen Jahren, ist laut Soziologe Lagrange von der Pariser Uni EHESS schwer zu sagen. Dennoch meint der Experte: "Man kann verstehen, dass die Menschen haufenweise Lösungen woanders suchen. Das ist normal. Es gibt ein derartiges Level an Unsicherheit." Die Gesellschaft sei im Umbruch. Nur, wohin sie sich bewege, das wisse man nicht. Psychologin Mohr von der Universität Lausanne glaubt: "Die Angst und das Bedürfnis nach Kontrolle werden größer."

Für Trendexpertin Gabriela Kaiser ist klar: Wir befinden uns derzeit in einem Trend zum Magischen. Zu sehen sei das an etlichen Produkten - von Tarotkarten über Kristalle und Amulette bis hin zu Räucherkräutern. 

Die Angebote seien vielfältig, gingen aber alle in eine mystische Richtung und sprächen durch Gerüche oder eine besondere Optik verschiedene Sinne an. "Das ist ja auch so, sage ich mal, eine starke Gegenbewegung zu diesem ganzen Technologiezeitalter, in dem alles so super unmystisch ist", sagt Kaiser.

Betrug und Manipulation bei Zaubersprüchen?

Bei den meisten Produkten ginge es um die Atmosphäre. Sie könnten eine witzige neue Erfahrung sein. Doch bei den Zaubersprüchen hat die Trendforscherin Bedenken. "Da geht man schon in einen Bereich rein, den ich persönlich gefährlich finde. Ganz einfach, weil da auch einige Scharlatane unterwegs sind, wo es einfach nur ums Geld geht."

Auch Psychologin Mohr fragt sich, ob die Anbieter selbst eigentlich überzeugt sind von ihren hohen Versprechen. "Ich denke, da wird ganz schön viel beschissen." Da nutze man dann wirklich Leute aus, die in dramatischen Situationen seien, etwa weil sie schlecht mit einem Verlust klarkämen.

Kaiser fürchtet auch, dass Menschen ihre Eigenverantwortung abgeben könnten, wenn sie die Zaubersprüche quasi für sich handeln ließen. "Die Grenzen verschwimmen dann da halt auch schon mal, wo man einfach sagt, die Menschen verlassen sich dann nur noch darauf", sagt sie. "Und dann wird es für meine Begriffe unter Umständen eben auch gefährlich, weil du einfach im Prinzip dein Leben teilweise abgibst." Nicht zuletzt sei es auch manipulativ, andere mit einem Zauberspruch zur Liebe zwingen zu wollen oder sie als Konkurrenz aus dem Weg räumen zu lassen.

Alte Bräuche in neuem Gewand?

Insgesamt räumt Mohr ein, dass Zaubersprüche aus dem Internet kein ganz neues Phänomen seien. "Ich glaube, nur das Medium verändert sich." Früher habe man eben Tarotkarten gelegt oder ein Foto verbrannt oder unters Kopfkissen gelegt. 

Prinzipiell könnten solche objektbezogenen Kontrollhandlungen hilfreich sein, um Sicherheit zu geben und Angst zu reduzieren, wenn Menschen das Gefühl hätten, nichts tun zu können. Die Psychologin betont aber auch: "Es kann natürlich total schiefgehen, wenn man dann auch fest dran glaubt oder dann auch bereit ist, vielleicht zu viel dafür zu zahlen."

Ob die meisten Menschen, die solche Zaubersprüche kaufen, tatsächlich daran glauben, da ist sich Mohr nicht so sicher. Für manche sei es sicherlich einfach nur ein Spaß.

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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