Tödliche Schüsse am Hauptbahnhof - Motiv Blutrache?

Im August 2024 wird ein junger Mann im Frankfurter Hauptbahnhof gezielt erschossen. Acht Männer stehen nun vor dem Landgericht. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Familienfehde als Hintergrund aus.
von  Sabine Maurer und Isabell Scheuplein, dpa
Sieben Männern wirft die Staatsanwaltschaft Mord vor.
Sieben Männern wirft die Staatsanwaltschaft Mord vor. © Boris Roessler/dpa

Drei gezielte Schüsse töteten im Sommer 2024 mitten im Frankfurter Hauptbahnhof einen 27-jährigen Mann. Das mutmaßliche Motiv: Blutrache. Mit der Tat habe der gewaltsame Tod eines Familienangehörigen in der Türkei gesühnt werden sollen, ist sich die Staatsanwaltschaft sicher. Sie hat acht Männer im Alter zwischen 22 und 56 Jahren angeklagt. 

Sieben von ihnen wirft sie Mord aus niedrigen Beweggründen vor. Zwei von ihnen sollen zudem heimtückisch gehandelt haben. Den Sieben droht eine lebenslange Haftstrafe. Der achte Angeklagte muss sich vor dem Landgericht wegen Verabredung zu einem Verbrechen verantworten.

Der Prozess vor der Schwurgerichtskammer beginnt unter starken Sicherheitsvorkehrungen: Alle Besucher und Journalisten werden gründlich kontrolliert, die Polizei ist mit vielen Beamten präsent. Mit Handschellen gefesselt werden die Angeklagten - sie haben teils die deutsche, teils die türkische Staatsangehörigkeit - in den Gerichtsaal geführt. Mehrere Männer im bis auf den letzten Platz belegten Zuschauerbereich stehen auf und winken ihnen zu, manche formen mit ihren Fingern Herzen.

Vorgeschichte mit zwei Toten

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, Constanze Jung, liest die Anklage vor. Darin wird eine schon länger andauernde, blutige Fehde zwischen zwei Familien in der Türkei beschrieben. Das erste Todesopfer im Jahr 2016 war der Vater des 27-Jährigen. Im Mai 2024, also kurz vor der Tat in Frankfurt, soll ein Familienangehöriger des 27-Jährigen den Neffen des nun angeklagten Schützen getötet haben. 

Nach dieser Tat sollen sich die Angeklagten zur Blutrache entschlossen haben. Als Opfer aus der gegnerischen Familie wählten sie laut Anklage den 27-Jährigen aus, da er auf der Plattform Tiktok aktiv war und sich dabei immer wieder live filmte. Mit diesen Aufnahmen konnten sie seinen Aufenthaltsort bestimmen, wie die Staatsanwältin sagt. 

Teams warteten in Mainz und in Frankfurt

So auch am Abend des 20. August 2024, als der junge Mann per Zug erst nach Mainz und von dort aus weiter zum Frankfurter Hauptbahnhof fuhr. "Sie gingen davon aus, dass sie ihn entweder am Hauptbahnhof Mainz oder Frankfurt antreffen, um ihn noch an diesem Abend zu töten", sagt Staatsanwältin Jung. Dazu sollen die Angeklagten zwei Teams gebildet haben - eines wartete in Mainz, das andere in Frankfurt. 

Als der 27-Jährige mit dem ICE von Mainz weiter nach Frankfurt fuhr, hätten dort der 56 Jahre alte Angeklagte und dessen Sohn nach ihm gesucht, sagt die Staatsanwältin. Sie entdeckten ihn gegen 21.00 Uhr in der Nähe von Gleis 9. 

Drei Schüsse aus nächster Nähe

Der 56-Jährige soll eine Schusswaffe aus seiner Hosentasche gezogen, von hinten an den 27-Jährigen herangetreten und ihm zunächst im Abstand von etwa 30 Zentimetern einmal in den Kopf geschossen haben. Als der Mann tödlich getroffen zu Boden sackte, soll er noch zwei Schüsse auf seinen Kopf abgefeuert haben. 

Anschließend warf er laut Staatsanwaltschaft die Waffe weg, lief zu einem an Gleis 7 stehenden Zug und rüttelte an der Tür, doch zwei Beamte der Bundespolizei konnten ihn festnehmen. Sein Sohn flüchtete zunächst unerkannt. Ein weiterer Angeklagter rief kurz nach der Tat für den festgenommenen Mann einen Anwaltsnotdienst an. 

In den folgenden Monaten wurden auch die weiteren Angeklagten verhaftet. Die acht Männer ließen von ihren Rechtsanwälten am ersten Prozesstag erklären, sich nicht äußern zu wollen. Die Schwurgerichtskammer hat bislang Verhandlungstermine bis in den Juli bestimmt.

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