Kläranlagen als Corona-Pandemie-Barometer

Hinweise im Abwasser könnten schneller Erkenntnisse liefern als Tausende von Corona-Massentests, meinen Münchner Wissenschaftler der TU.  
| Ralf Müller
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Eine Probe von geklärtem Wasser wird in einer Zentralkläranlage entnommen.
Frank Rumpenhorst/dpa Eine Probe von geklärtem Wasser wird in einer Zentralkläranlage entnommen.

München - Im Kampf gegen Covid-19 steigen Wissenschaftler jetzt auch in die Kanalisation – jedenfalls im übertragenen Sinne. Eine Forschungsgruppe unter Leitung von Jörg Drewes, Inhaber des Lehrstuhls für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München (TUM), untersucht das Abwasser von sechs bayerischen Städten in regelmäßigen Abständen auf die Belastung mit Coronaviren.

Corona: Was sagt das Abwasser der Münchner aus?

Die Forscher gehen davon aus, dass sie auf diese Weise Corona-Hotspots und die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung rascher als mit anderen Methoden aufspüren können.

Studienleiter Drewes glaubt, dass die Erkenntnisse schon bei der Eindämmung einer möglichen zweiten Corona-Welle hilfreich sein könnten.

Die Idee, Genaueres über die Verbreitung des Virus anhand der Abwässer erfahren zu können, wird bereits in China, Frankreich und den Niederlanden verfolgt. Im Rahmen eines deutsch-niederländischen Projekts gelang es den Wissenschaftlern nach eigenen Angaben, Sars-CoV-2 im Abwasser aufzuspüren, bevor die ersten Ansteckungen gemeldet wurden.

Man nimmt an, dass ein Infizierter Coronaviren bereits sechs Tage vor dem Auftreten von Krankheitssymptomen ausscheidet.

In Bayern ergründet die TUM-Projektgruppe in sechs Städten, ob die Biomarker-Methode praktisch umsetzbar ist und schon bald dabei helfen kann, Hotspots früher zu erkennen und schnellere Aussagen über die Verbreitung des Erregers in der Bevölkerung treffen zu können.

Verbreitung des Erregers soll verhindert werden

Einmal in der Woche liefern die Kläranlagen aus München, Augsburg, Erlangen, Weiden, Starnberg und Freising tiefgefrorene "Rohabwasser"-Proben an das mikrobiologische Labor des TUM-Lehrstuhls. Dort tauscht man die Proben auch mit dem Technologiezentrum Wasser in Karlsruhe aus, berichtet Drewes.

Werden in den Abwässern alarmierende Werte gefunden, kann man das Abwassernetz gleichsam "stromaufwärts" auf Belastungen mit dem Virus durchtesten – theoretisch bis zu bestimmten Straßen oder sogar bis zu einzelnen Hausanschlüssen. "Die Methode ist erprobt", sagt Drewes: "Das geht relativ schnell."

Um ein Bild von der Verbreitung des Virus in einer Kommune zu bekommen, wäre man nicht darauf angewiesen, dass die Einwohner zu Tausenden zu den Teststationen kommen. Die Ergebnisse würden vorliegen, bevor die Infizierten Symptome spürten und zum Arzt gingen. Die Abwasser-Epidemiologie habe "Potenzial", ist der Wissenschaftler überzeugt.

Zunächst einmal aber geht es um die Optimierung der Methode und um das große Bild. Ziel der ersten Runde von Analysen aus den sechs Städten ist es, Rückschlüsse auf den Umfang von Neuinfektionen zu ziehen. Dazu muss man wissen, wie sich das Coronavirus im Abwasser verhält und wie es sich abbaut.

Drewes ist zuversichtlich, dass sich die Methode als "unterstützende Maßnahme" bei der Eingrenzung von Corona-Ausbrüchen eignet. In Bayern ein flächendeckendes Corona-Frühwarnsystem aufzubauen, das auf den Abwasser-Analysen basiert, hält er für durchaus "denkbar".

Möglicherweise greifen die Behörden schon bald auf die Methode der Abwasser-Epidemiologie zurück. Drewes rechnet ziemlich fest mit einer zweiten Pandemiewelle im Herbst. Die Methode der Abwassertests könnte bei der Eingrenzung hilfreich sein.

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