Kein Böllern zu Silvester: Schön war's und kracht hat's oft

Seit Jahren fordern Umwelt- und Tierschützer ein Ende der Silvesterknallerei. Ist das coronabedingte Feuerwerksverbotz um Jahreswechsel der Anfang vom Ende einer wilden, archaischen und ziemlich undeutschen Tradition?
| Georg Etscheit
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Feuerwerk im Feinstaubnebel: Heuer wird es an Silvester über der Münchner Innenstadt dunkler bleiben wie beim Jahreswechsel vor zwei Jahren.
Feuerwerk im Feinstaubnebel: Heuer wird es an Silvester über der Münchner Innenstadt dunkler bleiben wie beim Jahreswechsel vor zwei Jahren. © Mathias Balk/dpa

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch die Diskussion über ein "Böllerverbot" an Silvester. Auf den seit 1981 laufenden Charity-Dauerbrenner "Brot statt Böller" folgten immer heftigere Klagen und Angriffe von Tierschützern und Umweltorganisationen, die sich um traumatisierte Haus- und Wildtiere in der Silvesternacht sorgen sowie um die Belastung der Luft und des Klimas durch Feinstaub und bei der Verbrennung von Schwarzpulver notwendigerweise freigesetztes Kohlendioxid.

Wird es zukünftig kein Böllern zu Silvester mehr geben?

Die Corona-Krise hat der Diskussion um das Für und Wider der privaten Feuerwerkerei nun eine ungeahnte Wende gegeben. Nach dem von der Bundesregierung ausgesprochenen generellen Verkaufsverbot für Feuerwerk - ein "Zündverbot" besteht vorerst nicht - wird wohl erstmals seit Kriegsende der Himmel in der Neujahrsnacht weitgehend dunkel bleiben.

Ist dies der Anfang vom Ende einer in vielen Teilen der Welt, wenn auch oft zu verschiedenen Zeitpunkten und Anlässen, gepflegten Tradition, besondere Tage und Feste mit dem lautstarken und farbenfrohen Abbrennen von Raketen, Vulkanen und bengalischen Lichtern zu begehen?

Böller sind nur ein kleiner Teil des Feuerwerks-Sortiment

Auch in diesem besonderen Jahr ist immer von einem "Böllerverbot" die Rede gewesen. Das ist unscharf, handelt es sich doch bei einem Böller streng genommen nur um einen kleinen Teil des Feuerwerks-Sortiments, nämlich die sogenannten Knall-Artikel, zu denen Donnerschläge, Knallfrösche und sogenannte Lady-Cracker zählen. Letzteres sind durch Zündschnüre verbundene Knallketten oder -matten, mit denen zündelnde Kinder schon zwischen den Jahren auf sich aufmerksam machen und Passanten, vor allem solche mit Hunden, zur Weißglut bringen.

Politisch korrekt ist der Ausdruck Lady-Cracker nicht, doch er hat sich einstweilen gehalten, wobei die Etymologie unklar bleibt. Heißen sie so, weil man sie Frauen unter den Rock werfen kann oder weil sie (die Knaller) so klein und vergleichsweise schwach sind? In Süddeutschland und Österreich ist noch der Ausdruck "Judenfürze" bekannt, was evident rassistisch wäre, wenn nicht auch eine Herleitung des Wortes von "Jute" denkbar erscheint - kubische Kanonenschläge sind traditionell mit Kordeln aus Naturfasern umhüllt, wobei allerdings Hanf, nicht Jute zum Einsatz kommt.

Haustier-freundliches "Silent-Feuerwerk"

Neben vielfältigen Knall-Artikeln gibt es Leuchtartikel, etwa die Funken sprühenden Vulkane, Feuerräder und bengalischen Lichter, außerdem Raketen-Sortimente, Jugend-Feuerwerk, Tischfeuerwerk und die seit ein paar Jahren so beliebten wie vergleichsweise teuren Batterie-Verbünde. Sie tragen martialische Namen wie "Brutus", "Barbarossa" oder "Böse Oma" und sind so konstruiert, dass mit ihnen jeder Hobby-Pyromane nach einmaligem Anzünden ein veritables Brillantfeuerwerk entfachen kann.

Den meisten Feuerwerksartikeln gemein ist eine mehr oder weniger starke Rauch- und Lärmentwicklung, wobei die Industrie aus Rücksicht auf Hund, Katz, Vogel und den Deutschen Tierschutzbund natürlich längst als Haustier freundlich deklariertes "Silent-Feuerwerk" offeriert, das nicht mehr knallt und schlägt, sondern nur noch ein sanftes Zischen und Ploppen vernehmen lässt. Wobei zu fragen ist, ob solch Flüsterfeuerwerk geeignet ist, böse Geister zu vergrämen, was als ursprünglicher Zweck der Knallerei gilt.

Erste Raketen wurden bereits im 11. oder 12. Jahrhundert gebaut

Feuerwerk gibt es schon seit mehr als tausend Jahren. Ihren Anfang nahm die Zündelei bei den Chinesen, die das Schwarzpulver erfanden, eine explosive Mischung aus Holzkohle, Schwefel und Salpeter, bis heute Hauptbestandteil pyrotechnischer Erzeugnisse. Mit Hilfe dieses primitiven Explosivstoffes wurden schon im 11. oder 12. Jahrhundert die ersten Raketen gebaut, die als "Feuerpfeile" Feinde in Angst und Schrecken versetzen sollten. Das Wissen, dass Schwarzpulver für kriegerische Zwecke taugt, gelangte gegen Ende des 13. Jahrhunderts auch nach Europa. Spezialisten, die sich dem Metier des Schießens und Sprengens widmeten, nannte man damals Feuerwerker, wobei sich zur Kriegskunst bald das Freudenfeuerwerk gesellte.

Im Barock entwickelte sich die Feuerwerkerei zu einer Manie des Adels. Eines der größten und schönsten Feuerwerke aller Zeiten wurde 1770 im Schlosspark von Versailles zur Vermählung König Ludwig XVI. mit der österreichischen Kaisertochter Marie Antoinette abgebrannt - mit 20.000 Raketen, 6.000 Feuertöpfen und bis zu 30 Meter großen Feuerrädern. Dann gingen dem Adel das Geld und die Macht aus und seit der Französischen Revolution wurde die Feuerwerkerei allmählich zur Angelegenheit des ganzen Volkes. In Frankreich sind bis heute die "Feux d'artifice" nicht zu Silvester, sondern am Nationalfeiertag besonders populär, wenngleich meist in Form professioneller Darbietungen.

Jedes Jahr werden über 130 Millionen Euro in die Luft gejagt

Wann genau sich der Brauch in Deutschland etablierte, ist ungewiss, doch gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Feuerwerksfirmen, die sich die Fortschritte der chemischen Industrie zunutze machten und immer prächtigere Feuerwerke produzierten. Zwei Weltkriege vergällten den Menschen aus verständlichen Gründen die Knallerei, doch im Wirtschaftswunder wurde das Silversterschießen zum Volkssport. Mittlerweile werden im übertragenen Sinne jedes Jahr mehr als 130 Millionen Euro in die Luft gejagt, wobei es an ein Wunder grenzt, dass sich hierzulande gegen die übermächtige chinesische Konkurrenz überhaupt noch eine nennenswerte pyrotechnische Industrie - rund 80 Prozent der Feuerwerksartikel werden importiert - behaupten konnte. 90 Prozent ihres Umsatzes machen die Pyro-Unternehmen in den wenigen Tagen zwischen Weihnachten und Silvester, in denen Sprengkörper für den Hausgebrauch verkauft werden können.

Lärm empfindlichen Menschen, Tierfreunden, Moralisten und Öko-Puritanern war die feurige Sause zum Jahreswechsel schon immer ein Graus. Die Gründe, weshalb die Menschen jetzt und künftig vom Abbrennen eines Silvesterfeuerwerks abgehalten werden sollen, sind vielfältig und gehen mit der Zeit. Mutter aller Kampagnen gegen die Silvesterknallerei ist die schon erwähnte Aktion "Brot statt Böller" des evangelischen Hilfswerks "Brot für die Welt": im engeren Sinne eine Spendeninitiative mit dem Ziel, die Menschen dazu zu bewegen, zumindest einen Teil des für pyrotechnisches Spielzeug reservierten Budgets zur Bekämpfung des Hungerproblems abzuzweigen. Das Schöne an der Aktion war immer ihre Freiwilligkeit.

Pyrotechnische Unternehmen kämpfen gegen den Zeitgeist

Doch der Ton ist rauer geworden, was vor allem der Deutsche Umwelthilfe zu verdanken ist, die sich im Zuge ihres öffentlichkeitswirksamen Kampfes gegen "Dieselstinker" im Besonderen und die individuelle Mobilität im Allgemeinen auch das Silvesterfeuerwerk vorgeknöpft hat.

Seither führen heimische pyrotechnische Unternehmen wie Niko und Weko mit einigen Hundert Mitarbeitern einen Abwehrkampf gegen den Zeitgeist - den sie wohl schwer gewinnen können, obwohl die wissenschaftliche Evidenz für langfristige Gesundheitsschäden durch Feuerwerk mager ist, abgesehen natürlich von akuten Verletzungen infolge der Sprengwirkung.

Laut Umweltbundesamt werden in den ersten Stunden des neuen Jahres gut 4.000 Tonnen Feinstaub in die Luft katapultiert und großflächig verteilt. Der Verband der pyrotechnischen Industrie kommt in einer eigenen Studie auf weniger als die Hälfte, wobei schon eine etwas stärkere Brise genügt, um die "dicke Luft" zu vertreiben, wie das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung schon 2017 festgestellt hatte.

Gibt es zukünftig nur noch zentrale Feuerwerke?

Fazit der Wissenschaftler: "Auch wenn das private Silvesterfeuerwerk einmal im Jahr zu einer Grenzüberschreitung beiträgt und die Lärm- und Geruchsbelästigung zurecht nicht jedem gefällt, ist weder das Böllern selbst besonders giftig, noch hat es im Jahresverlauf große Auswirkungen. Der Feinstaubhysterie muss diese Tradition nicht zum Opfer fallen." Dann kam Corona. In diesen Zeiten sei "die Vermeidung von Feinstaub durch Böller wichtiger denn je", lässt die Deutsche Umwelthilfe, assistiert von anderen Umweltverbänden, verlauten und macht die Epidemie zum willkommenen Instrument. Wobei anzumerken ist, dass die Verletzungen, die vom unsachgemäßen Gebrauch von Donnerschlägen und Raketen herrühren, meist chirurgischer, nicht internistischer Natur sind. Deswegen seien, wie die DUH vorschlägt, künftig, wenn überhaupt, nur noch "zentrale Feuerwerke" abzuhalten, am besten (mit Ökostrom betriebene) Lasershows, steril, lautlos, sicher, gut kontrollierbar und jederzeit problemlos abzusagen.

Das wilde, archaische Begrüßungsritual für das neue Jahr in der Silvesternacht passt nicht in ein von Verboten und Geboten umzingeltes Weltbild, wie es zuletzt auch der Vorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND), Olaf Bandt, unter Beweis stellte, als er zusätzlich zum schon geltenden Verkaufs- auch ein Zündverbot für Feuerwerkskörper forderte. Vielleicht sollte man sich an Karl Valentin ein Beispiel nehmen, der in seinem Sketch "Beim Feuerwerk" die Spannweite positiver und negativer Emotionen gegenüber der Pyrotechnik abgesteckt hatte und trotzdem locker blieb. "Schön war's und kracht hat's oft. Aber stinken tut's nach einem Feuerwerk furchtbar. Jaja, es riecht nicht alles gut, was kracht."

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