"Wo ich im Sommer nicht mehr willkommen bin": Südtirol plant drastische Maßnahme gegen Massentourismus

Im Kampf gegen den motorisierten Massentourismus will Südtirol weiter zu harten Mitteln greifen. Besonders angespannt ist die Lage unter anderem im Grödnertal. In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, ob die Passstraße über das Grödner Joch wie geplant ab September für zwei Monate probeweise für den Individualverkehr gesperrt wird.
Eine Durchfahrt soll dann nur noch Anwohnern oder Personen möglich sein, die beispielsweise berufliche Gründe anführen können. Der motorisierte Verkehr für alle anderen, also Pkw, Lkw und Motorräder, soll, wenn der Probelauf erfolgreich ist, im Sommerhalbjahr von Mitte Mai bis Mitte Oktober verboten werden.
Entscheidung in der zweiten Juliwoche
Eine eigens dafür einberufene Arbeitsgruppe um Landeshauptmann Arno Kompatscher und die Landesräte Daniel Alfreider (Mobilität) und Peter Brunner (Naturschutz) soll in der zweiten Juliwoche die Entscheidung treffen, berichtet das Online-Portal stol.it.

Demnach sind die Vorbereitungen für den Probelauf ab September "sehr weit fortgeschritten". Entgegen früheren Planungen soll dann die Durchfahrt durch die "außerstädtische, verkehrsberuhigte Zone" neben Einwohnern von fünf Gadertaler und drei Grödner Gemeinden auch noch jenen möglich sein, die in einer zum Unesco-Gebiet in Südtirol gehörenden Gemeinde wohnen.
Das Portal listet diese Gemeinden auf, unter den sich einige Tourismus-Hotspots befinden: Kastelruth, Völs, Tiers, Aldein, Deutschnofen, Welschnofen, Villnöß, Toblach, Sexten, Prags und Olang.

Wie stol.it weiter schreibt, dürfen die Anwohner dieser Gemeinden das Joch passieren, nicht aber entlang der Passstraße parken: Dafür ist eine Online-Reservierung nötig. Insgesamt 120 Parkplätze werden dafür zur Verfügung gestellt.
Für diese gelte eine Mindestparkzeit von drei Stunden. Auf diese Weise solle der Verkehr am Joch auf nur noch 500 Fahrzeuge tagsüber reduziert werden, was einen Rückgang um 90 Prozent bedeuten würde – allerdings zuzüglich der Anwohner ohne Parkrecht und der Zulieferer.
Ein Bus alle 15 Minuten?
Der Bustakt auf der Strecke soll im Gegenzug erhöht werden. 2027 sei womöglich ein 15-Minuten-Takt machbar, schreibt stol.it. Ob Urlaubsgäste in den Unesco-Gebieten ebenfalls eine Passiererlaubnis erhalten sollen, muss dem Portal zufolge noch entschieden werden. Sollte die verkehrsfreie Zone am Grödner Joch kommen, wäre dies laut stol.it die erste auf italienischem Staatsgebiet.
Wie der ADAC schreibt, sind es nicht die einzigen Maßnahmen, die in Südtirol heuer zur Besucherlenkung ergriffen werden. So soll etwa für die Bergbahn an der Seceda bei Sankt Ulrich eine Besucherobergrenze von 3000 bis 4000 Besuchern und ein Zeitfenster-Buchungssystem eingeführt werden: "Wer keinen Slot mehr bekommt, muss auf einen anderen Tag ausweichen."

Und was sagen Urlauber und Anwohner zu den Plänen der Politik? Auf der Facebook-Seite der Südtiroler Tageszeitung "Dolomiten" hat sich eine rege Debatte entwickelt: "Wo ich im Sommer nicht mehr willkommen bin, gehe ich auch im Winter nicht zum Skifahren", schreibt eine Nutzerin. "Tun Sie das", reagiert ein anderer, "wir ersticken hier grad im Verkehr."
Tenor insgesamt: Südtirol handele widersprüchlich, indem einerseits immer mehr Angebote für Touristen gemacht würden, der Massentourismus aber abgelehnt werde.