Herzchirurgin verrät: So altern Frauen wirklich gesund
Frauen haben einen entscheidenden biologischen Vorteil: Sie leben statistisch gesehen länger als Männer. Doch diese gewonnenen Jahre verbringen Frauen oft mit chronischen Krankheiten und gesundheitlichen Einschränkungen. Woran liegt es, dass die Spanne der gesunden Lebensjahre bei Frauen oft nicht mit ihrer Lebenserwartung Schritt hält?
In ihrem Buch "Wie Frauen länger leben: Das Geheimnis weiblicher Longevity" (C. Bertelsmann) entschlüsselt die Herzchirurgin Dr. Sandra Eifert die biologischen Prozesse, die das Altern von Frauen so einzigartig machen. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt sie, warum Krafttraining die wichtigste Altersvorsorge für Frauen ist und wie sie die gewonnenen Jahre nicht nur überleben, sondern voller Energie genießen können.
Frauen leben statistisch länger als Männer, verbringen aber mehr Jahre in Krankheit. Woran liegt diese Diskrepanz?
Dr. Sandra Eifert: Frauen erreichen zwar häufiger ein sehr hohes Alter von über 85 Jahren, zahlen dafür jedoch oft den Preis der "Multimorbidität". Während Männer häufiger an akuten Erkrankungen versterben, überleben Frauen Schlaganfälle oder Herzschwäche öfter, leiden dann aber länger an funktionellen Einschränkungen, Osteoporose oder Arthritis. Das Paradoxon ist also: Wir gewinnen Lebensjahre, verbringen diese aber häufiger mit chronischen Beschwerden und Behinderungen, was die subjektive Gesundheit im Alter belastet.
Was passiert beim Altern eigentlich im Inneren des weiblichen Körpers, das wir von außen gar nicht wahrnehmen?
Dr. Eifert: Bevor es wirklich sichtbar wird, verliert der weibliche Körper langsam seine metabolische, immunologische und vaskuläre Elastizität. Dieser Prozess wird besonders durch den hormonellen Systemwechsel der Menopause beschleunigt. Altern ist im weiblichen Körper lange ein Funktions- und Regulationsphänomen und nicht primär ein Strukturphänomen. Dabei sind alle Säulen der Alterung betroffen, und dies geschieht absolut geschlechtsspezifisch.
Die Menopause markiert einen Umbruch: Welche präventiven Maßnahmen sollte jede Frau spätestens ab 45 ergreifen, um diesen Wendepunkt gesund zu meistern?
Dr. Eifert: Die Menopause ist ein massiver biologischer Systemwechsel, der weit über das Sinken des Östrogenspiegels hinausgeht. Es verändert sich das gesamte neuroendokrine Netzwerk, was zu einer neuen Stoffwechselsignatur mit höherem Entzündungsrisiko und veränderter Fettverteilung führt.
Um die Phase der Gesundheit maximal zu verlängern, empfehle ich drei entscheidende Hebel: progressives Krafttraining für Knochen und Stoffwechsel, eine proteinreiche, mediterrane Ernährung sowie ein aktives Herz-Kreislauf-Risikomanagement inklusive Schlafstabilisierung. Diese gezielten Interventionen schützen vor Osteoporose sowie kognitiver Alterung und sichern die funktionelle Lebensqualität bis ins hohe Alter.
Das Herz einer Frau schlägt anders als das eines Mannes, und das nicht nur im übertragenen Sinne. Warum werden kardiologische Risiken bei Frauen immer noch so häufig unterschätzt?
Dr. Eifert: Die Komplexität liegt darin, dass sich Risikofaktoren, Symptome und Diagnostik bei Frauen fundamental von denen der Männer unterscheiden. Neben klassischen Risiken spielen frauenspezifische Aspekte wie Schwangerschaftskomplikationen oder Autoimmunerkrankungen eine große Rolle.
Besonders tückisch ist die Symptomatik: Statt des typischen Brustschmerzes klagen Frauen oft über unspezifische Signale wie Übelkeit, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen oder extreme Erschöpfung. Da zudem psychosozialer Stress bei Frauen viel häufiger direkt zu einem Herzinfarkt führt als bei Männern, wird die korrekte Diagnose oft verzögert. Trotz verbesserter Behandlungsmethoden liegt die Sterblichkeit nach einem Infarkt bei Frauen laut aktuellem Herzbericht 2025 immer noch etwa 1,7-fach höher als bei Männern.
Frauen tragen oft die Hauptlast von Care-Arbeit und Mental Load. Wie wirkt sich dieser spezifisch weibliche Stress auf das Altern aus?
Dr. Eifert: Dieser Stress ist kein reines Lifestyle-Thema, sondern eine harte biologische Interventionsebene. Frauen mit hoher Care-Belastung zeigen messbar verkürzte Telomere, was faktisch eine geringere Lebenserwartung bedeutet. Der Grund dafür ist, dass chronischer Stress wie ein Verstärker für die schleichenden Entzündungsprozesse des Alterns wirkt. Durch permanent erhöhte Cortisolspiegel gerät das Hormonsystem aus der Balance, was zu Insulinresistenz, Muskelabbau und sogar einer Volumenreduktion im Gehirn führen kann.
Besonders kritisch ist die Kombination aus Mental Load und Schlafmangel, da Schlaf der wichtigste Regulator für zelluläre Reparaturprozesse ist. Wir sehen bei betroffenen Frauen eine deutlich reduzierte Herzfrequenzvariabilität (HRV), was ein direktes Signal für eine geringere körperliche Resilienz und ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. In der Präventivmedizin müssen wir Care-Belastung daher als echten Gesundheitsfaktor anerkennen. Wir müssen die autonome Regulation - zum Beispiel durch gezieltes HRV-Training, Atemübungen und Bewegung - gerade in der vulnerablen Phase der Perimenopause aktiv trainieren.
Was unterscheidet das Altern einer modernen Frau heute von dem ihrer Großmutter?
Dr. Eifert: Der größte Unterschied ist die gewonnene Zeit: Wir verbringen heute 15 bis 20 zusätzliche Jahre in der postreproduktiven Lebensphase, da die Lebenserwartung seit 1950 massiv gestiegen ist. Während unsere Großmütter durch schwere körperliche Arbeit und natürliche Ernährung oft eine andere Art von Widerstandsfähigkeit entwickelten, sind moderne Frauen völlig neuen Belastungen ausgesetzt.
Wir kämpfen heute mit endokrinen Disruptoren aus Kunststoffen, Feinstaub, Blaulichtbelastung und einem permanenten psychosozialen Stress, der unsere epigenetische Alterung beschleunigt. Der entscheidende Paradigmenwechsel besteht darin, dass wir heute nicht mehr nur einfach länger leben, sondern aktiv lernen müssen, diese gewonnenen Jahrzehnte durch gezielte Prävention gesund zu gestalten.
Welche täglichen Gewohnheiten jenseits der klassischen Schulmedizin scheinen den größten Einfluss auf ein hohes Alter zu haben?
Dr. Eifert: Die stärksten Effekte auf die Langlebigkeit stammen nicht aus exotischen Biohacks, sondern aus einfachen, konsistenten Gewohnheiten mit systemischer Wirkung. Es geht um biologisch kohärente Routinen, die Entzündungen hemmen und die Gefäßfunktion sowie die neuronale Plastizität fördern. Ich empfehle vor allem eine innere Haltung der Dankbarkeit, das Akzeptieren von Lebenssituationen sowie Mäßigung in allen Belangen. Auch eine tägliche Tasse (grüner) Tee ist eine wunderbare, einfache Gewohnheit mit großer Wirkung. Am Ende sind es diese alltäglichen Routinen und nicht technologische Interventionen, die den entscheidenden Unterschied für ein langes Leben machen.
Welche eine Sache sollte jede Frau heute noch für ihr zukünftiges Ich ändern?
Dr. Eifert: Jede Frau sollte progressives Krafttraining als feste, nicht verhandelbare Lebensgewohnheit etablieren, um systematisch Muskelmasse aufzubauen und zu erhalten. Da Frauen mit geringerer Muskelmasse starten und diese nach der Menopause schneller verlieren, ist dies die wichtigste Maßnahme gegen Osteoporose und für die metabolische Gesundheit. Wir müssen das kulturelle Ideal des "Schlankseins" endlich durch das Ideal des "Starkseins" ersetzen, da regelmäßige körperliche Aktivität die Gesamtmortalität um etwa 30 bis 35 Prozent senkt. Mein dringender Rat lautet daher: Bauen Sie Kraft auf, bevor Sie sie brauchen, denn Muskulatur ist das biologische Sicherheitsnetz für Ihr Altern.
Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Agentur spot on news. Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de
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