Hendrik Holt - was macht den Betrüger so interessant?

Vier Wochen war er auf der Flucht: Hendrik Holt. Ende August kehrte er nicht in sein Berliner Gefängnis zurück, Ende September wurde er in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgenommen. In der Zwischenzeit wusste die Öffentlichkeit nicht, wo er sich aufhielt. Über den Mann aus dem beschaulichen Haselünne in Niedersachsen wurde dennoch breit berichtet. Was macht den Betrüger so interessant?
Hendrik Holt wurde 2022 vom Landgericht Osnabrück zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fast neun Jahren verurteilt. Er hatte unter anderem Windparks, die es gar nicht gab, an ausländische Stromkonzerne verkauft. Zudem hatte er ausländische Diplomaten bestochen, um sich mit einem Diplomatenpass gegen deutsche Strafverfolger immun zu machen. Ende August war er dann nach einem genehmigten Ausgang im offenen Vollzug nicht in sein Berliner Gefängnis zurückgekehrt - soweit der Kurzabriss Holts krimineller Laufbahn. Reicht das, um aus dem Betrüger einen Promi zu machen?
Rezept für Holts Popularität: Mensch, Tat, Wahrnehmung
Nein, nicht jeder Betrug sei interessant, sagt die Sozialpsychologin Julia Becker von der Universität Osnabrück. Bei Holt sei es die Kombination aus dem Betrug - und seiner Person. Für eine derartige Faszination wie im Fall Holt kämen mehrere Faktoren zusammen: etwa eine gute Geschichte oder eine ungewöhnliche Persönlichkeit.
Hendrik Holt erfülle diese Kriterien mit seinem Hang zum Luxus, seinen Kontakten in die Politik und Wirtschaft und seiner starken Selbstinszenierung. Aus dem Gefängnis heraus ließ er eine ARD-Dokumentation über sich drehen. Die Fachfrau sagt: "Nicht jeder Betrugsfall bietet eine solche Geschichte."
Im Fall Holt interessiere die Menschen nicht bloß der Hergang seiner Taten, sondern eben auch seine Person. Und: Seine bereits erreichte Popularität mache ihn noch interessanter. Man frage sich: "Warum finden wir gerade diesen Menschen so faszinierend?" Es entstehe eine Art Aufmerksamkeitsspirale.
Luxus "zentral" für Faszination?
Wichtig für das Interesse am Windkraftbetrüger sei sein Hang zum Luxus - der sei "vermutlich zentral für die Faszination", sagt Becker. "Bentley, teure Uhren, Privatjets oder Luxushotels erzeugen ein Bild, das wir sofort verstehen." Zudem entstehe eine klassische Aufstieg-und-Fall-Geschichte: "Je höher jemand aufgestiegen ist, desto spektakulärer wirkt sein Absturz." Die große Fallhöhe "vom vermeintlichen Erfolg zum Absturz" wiederum sei dann - in Kombination mit einer charismatischen oder provokanten Persönlichkeit - selbst faszinierend.
Und "weil Sympathie und Interesse zwei verschiedene Dinge sind", sei Holts mitunter arrogantes Auftreten auch nicht hinderlich für seine Popularität. Im Gegenteil: "Seine Arroganz macht ihn als Figur interessanter, weil sie nicht zu dem Bild eines gewöhnlichen, unauffälligen Betrügers passt", sagt die Wissenschaftlerin.
Immer wieder fiel Holt mit markigen Aussagen auf. Einen Doktortitel habe er sich etwa nur "zum Witz" gekauft. Über sich selbst sagte er: "Man muss den Willen zur absoluten Macht haben und auch den gewissen Killerinstinkt". "Psychologisch ist interessant, dass wir dadurch nicht nur fragen, was er getan hat, sondern auch, wie er sich selbst sieht", sagte Becker.
Holt "mehr als ein Betrüger"
Holt sei deshalb mehr als nur ein Betrüger, "sondern fast schon eine Figur mit einer eigenen Geschichte geworden", sagt Becker. "Wir wollen verstehen, wie jemand andere Menschen so erfolgreich täuschen konnte. Ein komplexer Hochstapler ist interessanter als ein gewöhnlicher Betrüger."
Letztlich sei ein Teil der Faszination um Hendrik Holt aber vermutlich auch nur Schaulust. Menschen hätten unter anderem eine gewisse Neugier für moralisch problematische Situationen. Zwar lehne man sein Verhalten ab, aber: "Wir wollen verstehen, wie seine Täuschung funktioniert hat und wie er seine soziale Realität konstruiert hat."