Heiratsschwindel im Urlaub: Die Lüge von der Liebe

Besonders im Urlaub schlagen Betrüger zu und gaukeln Touristen Gefühle vor – obwohl sie nur ihr Geld wollen. Ein Münchner Detektiv erklärt die Masche der Heiratsschwindler.
| Rosemarie Vielreicher
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Liebesschwindler versprechen die großen Gefühle, wollen aber eigentlich nur das Geld ihrer Opfer.
imago Liebesschwindler versprechen die großen Gefühle, wollen aber eigentlich nur das Geld ihrer Opfer.

Der 45-Jährige Tamer Bakiner ist seit über 20 Jahren Detektiv, schreibt Bücher und hält Vorträge.

Herr Bakiner, man hört immer wieder von Liebesbetrug im Urlaub. Warum haben Schwindler zu dieser Zeit besonders leichtes Spiel?
Tamer Bakiner: Viele der Opfer sind schon länger allein und hoffen, im Urlaub die große Liebe zu finden. Im Alltag dominiert in ihrem Leben die Arbeit und sie gehen wenig raus. Im Urlaub dagegen öffnet man sich eher.

Warum?
Es ist schon komisch: Zuhause in Deutschland würden viele nicht einmal auf ein ‚Hallo’ von einem fremden Mann reagieren, geschweige denn, mit jemandem Essen gehen, der an der Tankstelle nach einem Date fragt. Aber im Urlaub, wenn einer ankommt und Komplimente macht, ist man dafür offen. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls als Detektiv gemacht.

Auf wen haben es die Betrüger vor allem abgesehen?
Sie suchen sich solche aus, die schon längere Zeit alleinstehend sind, die ein gutes Einkommen haben, verwitwet sind. Meine Erfahrung zeigt, dass es mehr Frauen als Männer trifft. Etwa 80 Prozent der Opfer sind weiblich.

Woher wissen die Täter, dass ein Urlaubsgast alleinstehend oder reich ist?
Sie spähen ihre Opfer über einen längeren Zeitraum aus: Mit wem treffen sie sich? Wo steigen sie ab? Wie viel Geld geben sie aus? Sind sie teuer gekleidet? So können sie ein Profil der Person erstellen. Die Täter treibt nur die eine Frage an: Wie komme ich an das Geld dieser wohlhabenden Frau oder des Mannes?

Und wie kommen sie dran?
Mit vielen Komplimenten, mit Zuneigung, Geschenken, aber auch mit Zuhören und indem sie liebevoll und leidenschaftlich sind. Die Liebesschwindler machen einfach alles, was sich Frauen von einem Traummann wünschen. Dann beginnen die Frauen, sich zu verlieben und sich zu öffnen. Sie erzählen von sich und geben vieles preis – denn sie möchten ihre große Liebe nicht verlieren. Später, wenn die Frau abreist, fängt der Mann irgendwann an, von Problemen zu erzählen.

Die Geldforderung kommt also nicht schon im Urlaub?
Nein. Die Forderung kommt nicht sofort, sondern erst später. Zum Beispiel, wenn die Frau nach zwei Monaten noch einmal dorthin reist.

Welche Probleme erfinden die Schwindler am häufigsten?
Oft sind es Probleme mit der Regierung oder in der Familie. Oder sie können die Miete angeblich nicht bezahlen. Diese Wohnung bekommen die Opfer aber nie zu sehen, weil die Treffen immer woanders ablaufen, etwa im Hotel. Weitere Gründe können sein, dass der Geliebte angeblich schwer krank ist und Geld für Medikamente braucht.

Wie hoch ist die Erfolgsquote dieser Betrugsmasche?
Die Betrüger in südlichen Ländern sind darauf spezialisiert, die machen das permanent. Wenn eine Frau ausreist, kommt schon die nächste. Von zehn Frauen funktioniert die Masche bei zwei.

Viele Betroffene schämen sich, wenn sie auf einen Betrüger hereingefallen sind.
Ja, das stimmt. Sie schämen sich und trauen sich nicht, Hilfe zu holen.

Sollte man zur Polizei gehen?
Die kann in solchen Fällen nicht viel machen. Erstens ist es im Ausland und zweitens ist es eine zivile Sache. Die Polizei wird sagen: Da sind Sie ja selber schuld. Detektive können versuchen, die Person ausfindig zu machen und zumindest einen Teil der gezahlten Summe zurückzubekommen. Sich Hilfe zu holen, ist auch deswegen wichtig, weil der Schwindler später weitere Probleme machen könnte.

Welche?
Wenn das gewünschte Geld kommt, ist alles toll. Wenn nicht, kann es zu Erpressung, Terror-Anrufen oder auch Stalking kommen. Wenn die Betrüger von ihrem Opfer zum Beispiel heimlich Bilder im Bikini oder im Bett gemacht haben, können sie es damit unter Druck setzen.

Wie kann ich verhindern, dass ich zum Opfer von Liebesbetrügern werde?
Wenn man zu viel von sich preisgibt, begibt man sich in Gefahr. Wenn man dagegen nichts erzählt, wird man uninteressant und der Betrüger zieht weiter.

Welche Informationen darf man herausgeben – und welche auf keinen Fall?
Sie können die Telefonnummer herausgeben. Jemanden aber sofort als neuen Facebook-Freund zu akzeptieren, davon rate ich in der Anfangsphase dringend ab. Sie könnten noch leichter und detaillierter ausgespäht werden. Auch teure Hobbys, Urlaube und besondere Eventbesuche sollten nicht unbedingt angesprochen werden. Genauso tabu sind die Einkommensverhältnisse und das Vermögen der Familie. In diesem Zusammenhang bitte auch nicht Fotos vom Penthouse oder der Familienvilla – sofern vorhanden – zeigen.

Warum plaudern viele solche Informationen beim Kennenlernen überhaupt aus?
Weil man sich selbst in gutem Licht präsentieren und das Interesse des Mannes nicht verlieren will. Wenn der darauf drängt, diese Informationen zu bekommen, muss man aufpassen.

Sie sagen, vor allem wohlhabende Frauen sind Ziel solcher Betrüger. Heißt das im Umkehrschluss: Wer weniger Geld hat, ist auch weniger gefährdet?
Ja. Diejenigen, die in schlechten Hotels absteigen, die Fast Food essen, die schlechtere Kleidung tragen, sind für die Betrüger uninteressant. Aber natürlich sind auch solche gefährdet, die zwar nicht unbedingt reich sind, aber ein gutes Einkommen haben.

In welchen Ländern ist der Liebesbetrug verbreitet?
Frauen werden häufig in Tunesien, Marokko, Ägypten, aber auch in Griechenland und Bulgarien Opfer von Liebesschwindlern. Wenn man weiter wegfliegt, gehören auch Brasilien und Jamaika zu potenziell gefährlichen Ländern. Männer können etwa in Russland, Thailand und anderen asiatischen Ländern an Betrügerinnen geraten. Dort sind sie spezialisiert auf ältere deutsche Männer.

Wo spricht der Betrüger seine Zielperson am häufigsten an?
Zum Beispiel am Strand oder an der Pool-Anlage. Man liegt in der Sonne, man träumt vom Traummann oder der Traumfrau – und dann steht er oder sie plötzlich da. Wo es überhaupt nicht passieren wird: beim Abendessen.

Warum nicht?
Da sind dem Liebesschwindler zu viele Leute drumherum und derjenige hat zudem Zeit, die Person genau zu mustern und nachzudenken.

Gibt es die große (und wahre) Liebe im Urlaub überhaupt?
Nein. In zwei Wochen können Sie nicht die große Liebe finden.


So entlarven Sie schnell einen Liebesbetrüger

Sie haben Zweifel, ob die Zuneigung des Urlaubsflirts echt ist? Tamer Bakiner gibt Tipps, wie man Betrüger schnell enttarnt:

- Schnelle Liebesschwüre: "Die Alarmglocken müssen klingeln, wenn er oder sie schon nach dem zweiten Tag sagt: ,Ich liebe dich’", sagt Bakiner. Oder: ,Du bist die Frau, die ich schon immer gesucht habe.’ Genauso: ,Ich möchte mit dir zusammenleben’. "Das ist alles Schwachsinn."

- Geheimniskrämerei: Wenn er seine Familie nicht vorstellt und nichts von sich preisgibt. Der Detektiv rät: "Man kann zum Beispiel fragen: Kann ich dich mal bei deiner Arbeit besuchen’?" Wenn er bei diesem Vorschlag schweigt und nichts preisgibt: "Finger weg!"

- Vage Aussagen: Der Detektiv rät, Informationen genau zu prüfen. "Erhalten Sie auf eine einfache Frage nur vage, nicht nachprüfbare Antworten, sollten Sie ihr Gefahrenradar sehr scharf stellen." Er empfiehlt, nach etwas Zeit die gleiche inhaltliche Frage nochmals zu stellen. Wird der Gegenüber nervös oder versucht sich hinter einer Scheinargumentation zu verstecken, muss man vorsichtig werden.

- Langsame und aufgeregte Antworten: "Jemand, der ehrlich ist, antwortet schnell und ohne nachzudenken. Wer lügt, muss die Lüge erst einmal im Kopf verarbeiten", sagt Bakiner. Das gehe auch den Profi-Betrügern so, auch sie zeigten bei falschen Aussagen Anzeichen von Aufregung. "Wer die Wahrheit sagt, ist viel gelassener." Das gilt im Übrigen nicht nur für den Urlaub, sondern auch im Alltag.

- Drängen auf persönliche (materielle) Angaben: Stellt der neue Liebhaber auffallend viele materielle Fragen, die auch unterschwellig sein können (Was fährst du für ein Auto? Was verdient man in deiner Branche etc.?), ist größte Vorsicht geboten.

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