Hautmikrobiom: Warum zu viel Pflege unserer Haut schaden kann
Milliarden Mikroorganismen leben auf unserer Haut - und sie sind keineswegs nur lästige Keime. Im Gegenteil: Das Hautmikrobiom schützt die Haut, beeinflusst Entzündungen und kann sogar mit unserem Stresslevel zusammenhängen. Doch falsche Pflege, zu viel Hygiene und eine keimfreie Umgebung können das empfindliche Gleichgewicht stören.
Lange galt in Sachen Hautpflege ein einfacher Grundsatz: Je sauberer, desto besser. Doch inzwischen zeigt die Forschung ein anderes Bild. Unsere Haut ist kein steriler Schutzmantel, sondern ein komplexes Ökosystem. Milliarden Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen besiedeln ihre Oberfläche und übernehmen wichtige Aufgaben.
"Ein artenreiches Hautmikrobiom ist ebenso wichtig wie ein gesundes Darmmikrobiom", erklärt Dermatologin, Ernährungsmedizinerin und Bestsellerautorin Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann im Gespräch mit spot on news. In ihrem neuen Buch "Das Hautmikrobiom - Der ganzheitliche Ansatz für eine gesunde und schöne Haut" (erhältlich ab 23. September, südwest Verlag) beschäftigt sie sich ausführlich mit diesem oft unterschätzten Ökosystem.
Ein gesundes Hautmikrobiom schütze nicht nur vor Hauterkrankungen, Alterungsprozessen und Entzündungen, sondern beeinflusse auch die Hautbarriere, den pH-Wert und die Wundheilung. Sogar Psyche und Stressempfinden könnten durch die Mikroorganismen beeinflusst werden. Das Hautmikrobiom sei dabei keineswegs unveränderlich: "Es ist kein festes Schicksal, sondern ein dynamischer Garten, den wir mit unserem Lebensstil pflegen können."
Zu viel Hygiene kann der Haut schaden
Besonders überraschend: Wer seine Haut ständig schrubbt, peelt und desinfiziert, tut ihr damit nicht unbedingt etwas Gutes. "Zu viel Hygiene kann der Haut mehr schaden als nutzen", warnt die Expertin.
Das lässt sich laut Axt-Gadermann besonders gut am medizinischen Personal beobachten. Seifen und Desinfektionsmittel reduzieren zwar kurzfristig die Zahl der Mikroorganismen. Bei dauerhafter Anwendung könne jedoch die bakterielle Vielfalt sinken, während sich potenzielle Problemkeime leichter ausbreiten können. Handekzeme und Entzündungen sind häufig die Folge dieser Hautmikrobiom-Schädigung.
Auch im Alltag sei deshalb weniger manchmal mehr. Die Haut müsse nicht mehrmals täglich intensiv gereinigt werden. Vor allem aggressive Peelings, stark schäumende Produkte und häufiges Duschen können das Mikrobiom und den Säureschutzmantel beeinträchtigen.
"Das Hautmikrobiom ist kein lästiger Keimfilm, den man möglichst gründlich entfernen sollte", betont Axt-Gadermann. Vielmehr handle es sich um ein "lebendiges Schutzsystem" mit Milliarden von Mikroorganismen.
Auch der pH-Wert spielt eine Rolle
Gesunde Haut ist leicht sauer. Ihr pH-Wert liegt ungefähr zwischen 4,5 und 5,5. Dieser sogenannte Säureschutzmantel hilft dabei, unerwünschte Mikroorganismen in Schach zu halten und unterstützt die nützlichen Bewohner der Haut.
Von sogenannten basischen Pflegeprodukten und Basenbädern rät die Expertin deshalb ab. Wer die Haut regelmäßig "entsäuert", könne damit Bedingungen schaffen, unter denen sich Bakterien vermehren, die beispielsweise Akne oder Neurodermitis begünstigen.
Auch bei Konservierungsstoffen und ätherischen Ölen ist Axt-Gadermann vorsichtig. Sie seien in Kosmetik zwar häufig notwendig, um die Produkte haltbar zu machen, unterschieden aber nicht zwischen guten und schlechten Bakterien. Je nach Hauttyp könnten deshalb Pflanzenöle und Fettsalben oder mikrobiomfreundliche Produkte mit möglichst wenigen Konservierungsstoffen eine Alternative sein.
Hautgesundheit beginnt nicht erst im Badezimmer
Nicht nur Cremes und Reinigungsmittel beeinflussen das Hautmikrobiom. Auch Ernährung, Stress, Naturkontakt und soziale Beziehungen spielen eine Rolle.
Eine ausgewogene, pflanzenreiche Ernährung unterstützt laut Axt-Gadermann nicht nur die Haut, sondern auch das Darmmikrobiom. Besonders präbiotische Ballaststoffe - etwa aus Hülsenfrüchten, Nüssen, Leinsamen, Chiasamen und Beeren - dienen den Darmbakterien als Nahrung. Über die sogenannte Darm-Haut-Achse kann das wiederum die Haut beeinflussen.
Auch Antioxidantien könnten eine Rolle für ein jugendliches Hautbild spielen. Studien hätten gezeigt, dass Menschen mit vielen Antioxidantien wie Vitamin C, Beta-Carotin oder Lycopin im Blut und in der Haut für ihr Alter jünger aussahen und weniger Falten aufwiesen.
Und dann wäre da noch die Natur: "Studien zeigen, dass bereits ein einstündiger Aufenthalt im Wald das Hautmikrobiom verbessert und regeneriert", sagt die Expertin.
Warum Umarmungen gut für das Mikrobiom sein können
Überraschend ist auch die Rolle sozialer Kontakte. Beim Händeschütteln, Umarmen oder Küssen werden ständig Mikroorganismen ausgetauscht. Menschen, die zusammenleben oder sich häufig nah sind, entwickeln dadurch teilweise ähnliche mikrobielle Profile.
In einer Studie teilten Personen desselben Haushalts laut Axt-Gadermann rund 14 Prozent ihrer Bakterien, Freunde immerhin etwa acht Prozent. "Nähe wärmt also nicht nur emotional: Sie erweitert auch unseren mikrobiellen Bekanntenkreis", bringt sie es auf den Punkt.
Gleichzeitig ist weniger Stress ebenfalls gut für die Haut. Stress kann die Zusammensetzung des Haut- und Darmmikrobioms verändern und Entzündungsprozesse verstärken. Erkrankungen wie Akne, Neurodermitis und Schuppenflechte können sich dadurch verschlechtern.
Können "probiotische" Cremes wirklich helfen?
Beim Begriff "probiotisch" lohnt sich laut Axt-Gadermann ein genauer Blick auf die Inhaltsstoffe. Denn nicht überall, wo "probiotisch" draufsteht, sind tatsächlich lebende Bakterien enthalten.
Bezeichnungen wie "Lactobacillus Ferment", "Lysat", "Extrakt" oder "Filtrat" weisen häufig auf inaktivierte Bakterienbestandteile, tote Bakterien oder Stoffwechselprodukte hin. Diese können durchaus positive Effekte auf Hautbarriere, Feuchtigkeit und Reiztoleranz haben - sie können sich aber nicht dauerhaft im Hautmikrobiom ansiedeln.
Echte Probiotika sind lebende Mikroorganismen. Ihre Verwendung in klassischen Cremes ist allerdings technisch schwierig, weil wasserhaltige Kosmetik normalerweise konserviert werden muss. Und Konservierungsstoffe töten auch nützliche Bakterien ab.
Dass Kosmetikprodukte mit lebenden probiotischen Bakterien ein großes Potenzial haben, zeigen laut Axt-Gadermann eigene Studien. Bei Neurodermitis sei es mit einer probiotischen Fettsalbe beziehungsweise einem probiotischen Bad mit dem Bakterienkomplex "Baplexin 621" gelungen, den Problemkeim Staphylococcus aureus innerhalb von 14 Tagen um mehr als 83 Prozent zu reduzieren. Dadurch hätten sich Juckreiz und Entzündungen deutlich verbessert. Und auch bei Fußgeruch und Fußpilz sind lebende Bakterien wirksam.
Drei Dinge, die jeder sofort ändern kann
Wer seinem Hautmikrobiom etwas Gutes tun möchte, muss allerdings nicht gleich das komplette Badezimmer umstellen. Axt-Gadermann empfiehlt vor allem drei Dinge: mikrobenfreundliche, leicht saure Pflege verwenden, im Idealfall mit lebenden probiotischen Bakterien, basische Kosmetik vermeiden und intensive Reinigungs- und Peelingrituale reduzieren.
Die Haut ganzheitlich betrachten: Ernährung, Darmmikrobiom und Stress können ebenso wichtig sein wie die richtige Creme. Außerdem: Raus in die Natur! Wald, Park und natürliche Grünflächen bringen Kontakt zu einer größeren Vielfalt an Mikroorganismen. Selbst Zimmerpflanzen können laut ersten Untersuchungen die mikrobielle Vielfalt in Innenräumen beeinflussen.
Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Agentur spot on news. Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an info@spot-on-news.de
- Themen:
- Akne
