Gruseln oder nicht? Debatte in Ägypten um Halloween

Wenn Kinder als Kobolde und Hexen verkleidet um Häuser ziehen, ist das für viele ein netter Spaß zu Halloween. Aber in Ägypten ist die Sache nicht so einfach: An dem Fest scheiden sich die Geister.
von  Johannes Sadek, dpa
Ein paar Geschäfte in Kairo verkaufen gruselige Kostüme zu Halloween. (Archivbild)
Ein paar Geschäfte in Kairo verkaufen gruselige Kostüme zu Halloween. (Archivbild) © Mohammed Talatene/dpa

Mumien kennt man in Ägypten schon länger, aber die vielen Vampire, Werwölfe und Monster-Clowns rund um Halloween waren hier lange Zeit nirgends zu finden. Erst seit einigen Jahren bekommt das Fest der Gruselgestalten auch in Ägypten und auch in der Golfregion mehr Fans. In Kairos gehobenen Wohnvierteln tauchen Skelette und grinsende Kürbisköpfe auf, es gibt Halloween-Partys für Erwachsene und Süßigkeiten für Kinder. 

Selbstverständlich ist das nicht. Denn viele sehen den Brauch als etwas, dass nichts mit Ägypten zu tun hat, und auch nichts mit dem Islam, zu dem sich hier etwa 90 Prozent der Bevölkerung bekennen. An einigen internationalen Schulen wurde Halloween, das viele Länder am Samstag feiern, auf Anweisung der Regierung gestrichen. Und so läuft in diesen Tagen die Debatte: über die eigene Kultur, über ägyptische Identität – und über Eltern, die mit ihren verkleideten Kindern ein wenig um die Häuser ziehen wollen. 

Woher stammt Halloween und gibt es arabische Parallelen?

Es hat seinen Ursprung in Irland und in einem Fest der Kelten, bei dem Gestorbene für eine Nacht aus dem Totenreich zurückkehren. Irische Einwanderer brachten es in die USA, von wo aus der Brauch zurück nach Europa kam. Auch Kommerzialisierung und Popkultur machten Halloween zu dem, was es in vielen Ländern heute ist.

Einen vergleichbaren Brauch gibt es in Ägypten nicht. In ländlichen Gegenden ist teils bis heute üblich, während der muslimischen Eid-Feiertage die Gräber verstorbener Verwandter zu besuchen für eine Art Wiedervereinigung. Im Fastenmonat Ramadan ziehen Kinder teils auch von Haus zu Haus, um kleine Spenden oder Süßigkeiten zu erbitten. Aber mit Gruseln und Kostümen hat das nichts zu tun. 

Was sagt der Islam über Halloween?

Das Dar al-Ifta in Kairo, das Haus der islamischen Rechtsprechung, bezeichnete Halloween 2017 als "nicht Teil des islamischen Erbes" und als "Trend", dem Muslime nicht folgen sollten. "Lasst uns keine Dinge in unser Leben lassen, die Gewalt züchten und Mitgefühl zwischen Kindern und Erwachsenen zerstören", sagte Scheich Awaida Othman. 

Solche Aussagen sind aber keineswegs statisch: Der Valentinstag etwa, der als Feiertag unter Muslimen ebenfalls beliebter wird, findet seit einigen Jahren auch unter islamischen Gelehrten mehr und mehr Akzeptanz. Das Dar al-Ifta stuft diesen inzwischen als gesellschaftlichen Anlass ein. 

Das zeigt auch Saudi-Arabien: Das Land beheimatet die zwei heiligsten Stätten für Muslime und beansprucht auch eine Führungsrolle in der muslimischen Welt. Trotzdem organisiert die Regierung inzwischen Halloween-Paraden, die vorher strikt verboten waren. Vor allem junge Saudis ziehen dann mit Kobold-Masken oder als blutverschmierte Schlächter durch Riad. Auch in Dubai in den Emiraten wird das Fest inzwischen gefeiert.

Warum stehen Ägyptens internationale Schulen im Fokus?

Weil sie Halloween feiern – anders als die staatlichen und religiösen Schulen, die die große Mehrheit der Ägypter besucht. In einem Schritt zu mehr Nationalismus schreibt die Regierung den Schulen neuerdings vor, dass sie mehr arabische Sprache und Geschichte sowie Islam unterrichten müssen. Zudem sind "nicht-ägyptische Kulturfeste" nun verboten und damit Halloween, wie auch Thanksgiving, das amerikanische Erntedankfest. 

"Akzeptiert irgendjemand, dass unsere Kinder Feste feiern, die absolut nichts mit uns zu tun haben?", sagte Bildungsminister Mohamed Abdel Latif zu dem Beschluss. "Wir haben Feierlichkeiten gestrichen, die nicht Teil unserer Kultur sind und über die wir nichts wissen." Erlaubt sind künftig nur die anerkannten nationalen und religiösen Feiertage. Traditionalisten feiern den Schritt als einen Erfolg gegen "kulturelle Kolonisierung". 

Was sagen die Schulen und Eltern dazu?

Die Enttäuschung sei spürbar, sagt Bill Kralovec, Leiter der American International School (AIS) mit mehr als 2.000 Schülern in Kairo. "Die Schule ist eine große Quelle für die Gemeinde, und Halloween war eine der großen Veranstaltungen." Jetzt wurde es abgesagt – obwohl die Kinder "absolut verrückt" seien danach. Eine Mutter berichtet, ihr Sohn habe gefragt, ob er zum "Trick or Treat" in seine andere Heimat Kanada fliegen könne.

"Wir schicken unsere Kinder an eine internationale Schule, damit sie internationale Kinder werden, die offen sind für Vielfalt und andere Kulturen", sagt Anwältin Nihad Abdel Kumsan. "Man spürt das Drücken und Ziehen", sagt ein Vater, dessen Tochter die kanadische Schule BCCIS besucht, zum Ringen zwischen beiden Lagern. AIS-Leiter Kralovec sagt, die Regierung könne den Lehrplan anpassen und Feiertage festlegen. Seine Schule kämpfe aber dafür, den "Internationalismus" zu bewahren.

Dürfen Kinder zum "Trick or Treat" um die Häuser ziehen?

Für die meisten ägyptischen Familien ist Halloween kaum ein Thema, deshalb ist auch der Brauch, an Häusern "Süßes oder Saures" zu fordern, nicht sehr verbreitet. Teils wurden öffentlichen Aktivitäten dazu auch untersagt. "Kostüme auf der Straße und öffentliche Treffen zu Halloween" seien dieses Jahr verboten, teilt eine der größten internationalen Schulen in Kairo mit. Die Polizei würde die Regeln auch strikt durchsetzen. Wer zu privaten Partys gehe, möge sein Kostüm bitte mitnehmen und sich erst dort umziehen.

AIS-Leiter Kralovec will wenigstens bei sich zu Hause eine Kerze anzünden und Süßigkeiten anbieten, falls jemand klingelt. Halloween sei eines der "großen Geschenke" der USA an die Welt. "Es ist unmöglich, die Menschen davon abzuhalten, es zu feiern."

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