„Goldrausch“ in der Arktis: Kampf um Bodenschätze

Der Klimawandel lässt im hohen Norden das Eis schmelzen. Zwischen den Anrainerstaaten beginnt der Kampf um die Bodenschätze.
| Hans Götzl
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Mit dem Rückgang des Packeises wird die Situation für die Eisbären immer dramatischer. Doch was wird erst geschehen, wenn die Arktis ökonomisch ausgebeutet und in ein riesiges Bergwerk verwandelt wird?
Hinrich Bäsemann/dpa Mit dem Rückgang des Packeises wird die Situation für die Eisbären immer dramatischer. Doch was wird erst geschehen, wenn die Arktis ökonomisch ausgebeutet und in ein riesiges Bergwerk verwandelt wird?

Esberge, Schneewüsten, Klippen, Packeis und bizarre Frostgebilde so weit das Auge reicht. Die Arktis, das karge, schroffe Land unter dem Sternbild des Großen Bären, strahlt nicht nur wegen seiner Polarlichter, seiner hellen Sommernächte und dunklen Wintertage eine geheimnisvolle Faszination aus, es sind auch die schier endlosen Weiten, die die Menschen in ihren Bann ziehen. Mit ihren 21 Millionen Quadratkilometern dehnt sie sich über das riesige, von Eis bedeckte Polarmeer rund um den Nordpol bis zu den nördlichen Teilen der drei Kontinente Nordamerika, Asien und Europa aus. Noch ist es eine Oase der Ruhe, ein Paradies für die dort lebende Tierwelt und Fauna. Damit dürfte es allerdings bald vorbei sein, denn aufgrund des globalen Klimawandels schmilzt auch in dieser kalten Region die weiße Pracht dahin.

„In den vergangenen Jahren ist die Sommereisfläche um ein Gebiet viermal so groß wie Deutschland geschrumpft“, erklärt Volker Rachhold vom internationalen Arktis-Institut in Potsdam. Wie dramatisch die Temperaturen in der Arktis steigen, hatte jüngst auch die amerikanische Ozean- und Meeresbehörde NOAA in ihrer „Arctic Report Card“ verdeutlicht. Demnach erwärme sich der hohe Norden doppelt so schnell wie die niedrigeren Breiten. Seit Beginn der Satellitenmessungen 1979 habe die Ausdehnung des arktischen Packeises um rund acht Prozent abgenommen.

Die Rohstoffe unter dem schmelzenden Eis lassen die Gier wachsen

Und die andauernde Schmelzperiode bis September werde die glazialen Flächen weiter schrumpfen lassen. Halte diese Entwicklung an, könnte der Nordpol bereits in 50 Jahren eisfrei sein. Selbst der bis in große Tiefen gefrorene Permafrostboden taue jeden Sommer weiter auf. Dadurch gelangt das Klimagas Methan an die Oberfläche, das noch viel schädlicher ist als Kohlendioxid. Experten befürchten nun, dass diese frei werdende Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre den Treibhauseffekt noch zusätzlich steigern werde. Die Folge werde ein bedrohlicher Anstieg des Meeresspiegels sein.

Das wärmere Klima in der Arktis wird aber auch den Lebensraum der dort heimischen Pflanzen- und Tierwelt verändern. Besonders betroffen ist der Eisbär, der an der Spitze der arktischen Nahrungskette steht und an die extremen Lebensbedingungen der Arktis perfekt angepasst ist. Er lebt die meiste Zeit des Jahres auf dem Packeis, wo er seine Beute, seien es nun Robben, junge Walrosse oder Belugas, jagt. Hält der dramatische Rückgang des Packeises an, verliert er seine Nahrungsgrundlage, da er nicht mehr in seine angestammten Jagdreviere zurückkehren kann. Modellrechnungen sagen bereits voraus, dass rund zwei Drittel der Eisbärpopulation bis zum Jahr 2050 ausgestorben sein könnte.

Lesen Sie hier: Arktis-Staaten wollen Stabilität in der Region

Während Klimaforscher, Umwelt- und Tierschützer die Folgen des Abschmelzens des Eises mit großer Sorge verfolgen, haben dagegen die Anrainerstaaten USA, Russland, Kanada, Norwegen und Dänemark die noch unter dem Eis lagernden Rohstoffe schon fest im Blick. Sie träumen bereits von eisfreien Schifffahrtsrouten in dieser unwirtlichen Region. Schätzungen des geologischen US-Instituts USGS zufolge könnten dort bis zu 30 Prozent der weltweiten Gasvorkommen und rund 13 Prozent der Ölressourcen zu finden sein. Aber auch nennenswerte Mengen an Gold, Silber, Diamanten, Erz, Nickel und Kohle werden im Meeresboden vermutet.

Zudem beherbergt die Arktis ein Drittel der weltweiten Fischgründe. Kein Wunder, dass mit dem Abschmelzen des Eises die Begehrlichkeiten wachsen und jedes dieser Länder Anspruch auf diese Schätze erhebt. Da aber von den Vereinten Nationen noch nicht geklärt ist, wem letztendlich welches Gebiet zusteht, steigt die Unzufriedenheit, gibt es Streit, werden bereits unverhohlen Besitzansprüche gestellt. Vom gemeinsamen Erbe der Menschheit, zu dem bisher der Meeresboden der Arktis zählte, will keiner mehr etwas wissen. Auch nicht von der Regelung des Antarktisvertrages aus dem Jahr 1961, wonach der Kontinent nur für Forschungszwecke genutzt werden darf und alle Staaten ihre territorialen Ansprüche bis zum Jahr 2041 ruhen lassen müssen.

Während die USA, Kanada, Norwegen und Dänemark auf juristischer Ebene ihre Forderungen durchzusetzen versuchen, hat Russland schon längst Fakten geschaffen. Um zu beweisen, dass der Lomonossow-Ozean-Rücken entlang des Nordpols geologisch gesehen eine Fortsetzung des russischen Festlandes ist, tauchte am 2. August 2007 der russische Duma-Abgeordnete Artur Tschilingarow im Auftrag von Wladimir Putin mit einem U-Boot im nördlichen Eismeer bis zum Meeresboden hinab und hisste in 4261 Metern Tiefe eine russische Flagge. Zu dieser Zeit begann Moskau, auch nordsibirische Häfen mit Militärtechnik auszurüsten. Heute verstärken sie ihre Präsenz durch groß angelegte Militärmanöver, Stationierung von Abwehrraketen und spektakuläre Landungen von Fallschirmjägern. Geplant ist sogar eine Verlegung von MiG-31-Kampfjets.

Die Entscheidung über die Ausbeutung der Arktis ist längst gefallen

Jedoch, mit diesem zur Schau gestellten Waffenarsenal lassen sich vielleicht die Konkurrenten beeindrucken, aber nicht die Bodenschätze heben. Um das „brennbare Gold“ zu fördern, muss erst einmal technisches Neuland betreten werden, denn kein Ölkonzern der Welt hat bislang darin ausreichend Erfahrung. Bisher gäbe es auch keine Möglichkeit, eine Ölkatastrophe wie bei der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko vor fünf Jahren unter den rauen Bedingungen der Arktis zu beheben. Wenn ein solches Unglück in arktischen Gewässern stattfinden würde, wäre es für die Umwelt eine noch schlimmere Katastrophe, weil die Schadstoffe in der empfindlichen arktischen Flora und Fauna aufgrund der niedrigen Temperaturen wesentlich langsamer abgebaut würden.

Die Entscheidung, ob das arktische Ökosystem geschützt werden soll oder nicht, ist übrigens schon längst gefallen. Erst jüngst vergab die US-Regierung dem niederländisch-amerikanischen Ölkonzern Shell eine Lizenz zum Probebohren östlich von Alaska. Von der russischen Seite ist der Ölkonzern Gazprom in den arktischen Gewässern aktiv. Doch auch die Bundesrepublik gerät in das Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie. Auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel bestimmte Gebiete in der Arktis gerne „unter besonderen Schutz stellen“ würde, möchte man den „Goldrausch“ nördlich des Polarkreises doch nicht verpassen, zumal Deutschland beim Bau von Offshore-Plattformen, Ölterminals und eisbrechenden Schiffen eine weltweit führende Rolle einnimmt.

Doch wie von der Ausbeutung der Arktis profitieren, ohne als Umweltsünder zu gelten? Die salomonische Antwort aus dem Wirtschaftsministerium: „Die Gewinnung von Rohstoffen in der Arktis muss unter höchsten Umweltstandards erfolgen.“ Wesentlich deutlicher wird da schon WWF-Sprecher Neil Hamilton: „Wir haben nur noch wenig Zeit. Wir müssen aufpassen, dass die fünf Anrainerländer der Arktis nicht das ganze Gebiet in ein riesiges Bergwerk verwandeln.“

 

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