Gender Health Gap: Fünf Beispiele, wie Frauen übergangen werden

Herzinfarkte, Medikamente, Diagnosen: In der medizinischen Forschung gilt der männliche Körper bis heute als Maßstab. Fünf Beispiele zeigen, wie der Gender Health Gap entsteht und Frauen ganz konkret darunter leiden.
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Einen weiblichen Körper zu haben, ist selbst in der Medizin ein Risikofaktor.
Einen weiblichen Körper zu haben, ist selbst in der Medizin ein Risikofaktor. © istock/humonia / iStock via Getty Images

Jedes Kind weiß, dass die Körper von Frauen und Männern unterschiedlich sind. In der medizinischen Forschung allerdings wurde und wird dieser Unterschied in vielen Bereichen ignoriert. Der sogenannte Gender Health Gap benennt dieses Phänomen. Das Ergebnis: Frauen werden häufiger falsch diagnostiziert, schlechter behandelt, erleben mehr Nebenwirkungen und leben gefährlicher.

Dass dieses Problem vielen Menschen nicht bewusst ist, zeigt eine AXA-Umfrage aus dem Jahr 2025: 70 Prozent der Befragten hatten noch nie vom Gender Health Gap gehört. Ein Drittel glaubte sogar, das Geschlecht spiele in der medizinischen Behandlung keine Rolle. Immerhin 99 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte widersprachen dieser Annahme.

Einen weiblichen Körper zu haben, ist selbst in der Medizin ein Risikofaktor. Fünf Beispiele zeigen, wie tief dieses Problem reicht.

Herzinfarkt: Wenn Warnsignale übersehen werden

Plötzliche Brustschmerzen, Ausstrahlung in den linken Arm, akute Atemnot: Beschreibt ein Mensch diese Symptome, wird schnell die Diagnose Herzinfarkt gestellt und gehandelt. Das sind allerdings nur die "männlichen" Symptome. Frauen erleben einen Herzinfarkt oft anders. Übelkeit, starke Erschöpfung, Rücken- oder Oberbauchschmerzen stehen bei ihnen häufiger im Vordergrund.

Genau das wird ihnen zum Verhängnis. Die Symptome wirken unspezifisch, werden als Magen-Darm-Problem, Stress oder Muskelverspannung fehlinterpretiert - auch von medizinischem Personal. Frauen warten deshalb häufiger länger, bis sie Hilfe suchen und werden im medizinischen System öfter falsch oder zu spät diagnostiziert. Die Folge ist eine höhere Sterblichkeit im ersten Jahr nach dem Infarkt.

Endometriose: Eine Volkskrankheit ohne Wissen

10 bis 15 Prozent der Frauen in Deutschland leiden an Endometriose, einer Erkrankung, bei der Gewebe ähnlich der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter wächst. Die Krankheit geht oft mit starken Schmerzen einher, trotzdem dauert es im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre, bis Betroffene überhaupt eine Diagnose erhalten.

Der Grund ist nicht nur medizinisch, sondern strukturell: Frauenspezifische Erkrankungen wurden lange kaum erforscht, weil die Medizin traditionell den Mann als "Normalprototyp" sah. Daher fehlen große Langzeitstudien zu Frauenkrankheiten wie Endometriose, basieren Therapien oft auf dem Prinzip "Trial and Error" und werden Schmerzen bei Frauen oft als "normal" und Teil des Frau-Seins angesehen.

Endometriose steht damit exemplarisch für viele Erkrankungen, darunter PMS, PCOS, Adenomyose, starke Regelschmerzen, chronische Beckenschmerzen - Millionen Betroffene, doch nur wenig Forschung. Oder wie Bundesforschungsministerin Dorothee Bär es kürzlich in einem Interview mit der "SZ" ausdrückte: "Wenn Krankheiten, die ausschließlich Frauen betreffen, Männer treffen würden, stünde die Forschung heute an einem ganz anderen Punkt."

Der Menstruationszyklus: Ignoriert statt erforscht

Gleiches gilt für den Menstruationszyklus. Er beeinflusst nahezu alle Prozesse im Körper: Stoffwechsel, Schmerzempfinden, Psyche, Medikamentenwirkung. Trotzdem wird er in den meisten Studien nicht berücksichtigt. Frauen werden untersucht, als wäre ihr Körper konstant - obwohl er sich wöchentlich verändert. Der Grund ist erneut derselbe: zu komplex, zu aufwendig, zu teuer. Bis heute hinkt die Grundlagenforschung hinterher, werden Projektanträge für Zyklus-assoziierte Themen "fast immer abgelehnt", wie Sylvia Mechsner, Leiterin des Endometriosezentrums an der Berliner Charité, 2025 "Spektrum" berichtete.

Medikamente: Getestet an Männern

Statt den weiblichen Zyklus zu erforschen oder mitzudenken, wird er in der Medizin sogar oft ausgeblendet, zum Beispiel bei Medikamententests. Bevor Medikamente zugelassen werden, müssen sie klinische Studien durchlaufen. Jahrzehntelang waren Frauen dabei fast gar nicht oder in starker Unterzahl vertreten. Erst seit gut zwanzig Jahren ist es überhaupt verpflichtend, Frauen in klinischen Studien einzubeziehen. Mal wieder galt der weibliche Körper als zu variabel, zu kompliziert. Zyklus, Hormonschwankungen, mögliche Schwangerschaften störten die "sauberen" Ergebnisse.

Auch heute wird der Menstruationszyklus, der Stoffwechsel, Schmerzempfinden, Psyche und Medikamentenwirkung massiv beeinflusst, einfach ausgeblendet. Zudem werden die Daten von Frauen und Männern in den meisten Studien zusammengeworfen, was beide Geschlechter benachteiligt, Frauen aber besonders. Medikamente führen bei ihnen bis zu 70 Prozent häufiger zu Nebenwirkungen oder Überdosierungen.

Risikofaktor Frau-Sein: Sicherheit nach Männermaß

Der Gender Health Gap endet nicht im Labor, sondern setzt sich im Alltag fort. Viele Produkte und Schutzsysteme sind bis heute auf männliche Körpernormen ausgelegt - mit realen Folgen für Frauen. Sicherheitsgurte und Airbags treffen weibliche Körper oft falsch, Schutzkleidung sitzt nicht korrekt, medizinische Geräte messen ungenau. Feuerwehruniformen verrutschen, Blutdruckmanschetten liefern falsche Werte, Werkzeuge und Westen schränken Beweglichkeit ein, sogar chirurgische Instrumente sind für Frauenhände oft zu groß. Was nach Details klingt, erhöht nachweislich das Verletzungsrisiko.

All diese Beispiele folgen demselben Muster: In Forschung und Versorgung gilt der männliche Körper bis heute als Maßstab, der weibliche als Abweichung. Im neuen Gesundheitsetat sind bis zu zwölf Millionen Euro bis 2029 für Frauengesundheit vorgesehen. Das Geld ist ausdrücklich für Themen wie Endometriose, Wechseljahre und eine geschlechtssensible medizinische Versorgung gedacht. Ein Anfang, wenn auch ein längst überfälliger.

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