Geheimtipp in Südtirol: In diesem Tal können Sie noch entspannt Urlaub machen

Nach Südtirol fahren? Haben die da nicht so viele Probleme mit Massentourismus? Muss man nicht schon Eintritt zahlen für die Natur? Sicher, es gibt die Hotspots. Aber es geht auch anders. "Viele Gäste suchen die Ruhe, und hier haben wir sie immer noch", sagt Andreas Reier, selbst ein ruhiger Vertreter seines Tals, des Gsiesertals, im Nordosten Südtirols, ganz nah an der Grenze zu Österreich.
Man sagt hier gern gleich du. Andreas also ist Wanderführer. Heute erklimmen wir den Gsieser Ochsenweg, benannt nach den Tieren, die schon zu Kaisers Zeiten als Delikatesse galten.
Einige Viecherl sehen wir auf der Wanderung von St. Magdalena zur Moosalm. Und Schwammerl. Die Luft ist würzig, der Waldboden weich. Farne und Moose säumen unseren Weg.

An diesem Septembermorgen ist kaum ein Wanderer auf unserer Route unterwegs. Viel Landwirtschaft gibt es noch, erzählt Andreas. Gerade wird gemäht, bald ist Almabtrieb (mehr Infos: https://www.gsieser-tal.com/de/veranstaltungen/03C076A9089149D1B5B703A647C74A52-keila-kirschta-im-gsiesertal.html).
Was macht das Gsiesertal so besonders? "Wenn du von der Hauptstraße weg bist, ist das Tal so weit, so offen. Hier ist nichts überlaufen, sondern alles noch überschaubar." Wer mit Kindern komme oder schon älter sei, die Ruhe suche – hier finde er sie. Andreas ist es wichtig, dass nahezu jeder mitwandern kann, auch die weniger Fitten. "Man versucht, das Tempo zu reduzieren. Viele sagen: Allein würde ich das nie machen."
Die Entschleunigung geht hier los. Andreas stammt selbst von einem landwirtschaftlichen Betrieb. "Damals hatten wir keine Maschinen, es wurde noch mit der Sense gemäht." Und in jenen Tagen gab es auch keinen Tourismus im Tal, "höchstens mal Italiener im August". Die kommen immer noch, gerne zum Schwammerlsuchen.

Der Tourismus, wie er jetzt sei, sei "gut tragbar", findet der Gsieser. "Man ist hier zum Entspannen, vielleicht auch mal ein Schloss anschauen oder in die Dolomiten", aber hauptsächlich kämen die Urlauber zum Wandern. Die meisten Touren, die Andreas und seine Kollegen anbieten, haben einen leichten bis mittleren Schwierigkeitsgrad. "September und Oktober sind die beste Zeit für einen Wanderurlaub", rät Andreas, der selbst schon in Rente ist, aber an zweieinhalb Tagen in der Woche noch Wanderer führt. "Die Luft im Oktober ist sehr klar."

Ein Schloss also könne man ja auch noch besichtigen, ist Andreas' Rat. Da steht in Welsberg der passende Kandidat. Schloss Welsperg kommt in einer der letzten Kurven der talabwärts führenden Straße linker Hand ins Blickfeld.
Brunhilde Rossi Agostini ist so etwas wie die Schlossherrin, auch wenn das Gebäude immer noch einen privaten Besitzer hat, den Grafen Thun-Hohenstein-Welsperg. Rossi aber ist die Ehrenpräsidentin des Vereins Kuratorium Schloss Welsperg, und sie brennt für das Schloss. Auch das passt zum Entschleunigungs-Motto des Gsiesertals: Man muss nicht alles sehen, findet Rossi. "Die Leute denken, sie müssen laufen", um schnell durchzukommen. "Aber das lernen sie", dass sie hier gar nichts müssen, sie können einfach herumstreifen, auch durch den umgebenden Wald.

"Ich frage oft die Besucher, wie hieß denn die letzte Burg", die besichtigt wurde? "Das wissen sie dann nicht." Und das ergebe doch keinen Sinn, findet Rossi. In der Septembersonne führt sie über die Zugbrücke in den Schlosshof (https://www.gsieser-tal.com/de/top-spots/burgen-schloesser/schloss-welsperg.html)
Das inzwischen wieder sehr schmucke Gemäuer wurde bereits 1126 erstmals erwähnt. Hier wollten die Edlen von Welsperg die Grenze verteidigen, den Pidigbach, der das Hochstift Innichen, das damals zum Hochstift Freising gehörte, vom Hochstift Brixen trennte.

Es ist Burg und Schloss zugleich, erläutert Rossi, hat Wehrcharakter mit dem fast 40 Meter hohen Turm, aber auch repräsentative Stuben und einen Rittersaal. 1907 war das Adelsgeschlecht der Welsperger ausgestorben. Zuletzt wohnten nur noch Bauern dort.
Als das Gebäude 1987 geschlossen werden sollte, rief das zunächst kaum Widerstand hervor. "Die Bevölkerung hatte wenig Beziehungen zum Schloss", erinnert sich Rossi, weil es immer im Privatbesitz war. Auch der Bürgermeister habe nur von einem "Steinhaufen" gesprochen.

Doch Rossi, deren Großmutter einst Felder vom Grafen gepachtet hatte, und weitere Ehrenamtliche wollten den "Steinhaufen" vorm sicheren Verfall retten. Das Gebäude sei damals in einem schlechten Zustand gewesen, die Elektrik "hin", die Balken durchfeuchtet. Man habe dann "sehr schonend" saniert, die Gemeinde hat das Schloss inzwischen gemietet.

Reinhold Messner, die Südtiroler Bergsteiger-Legende, war einmal da, um zu prüfen, ob sich Welsperg als Standort für eines seiner Museen eignen könnte. "Er sagte, es sei sehr gefährlich, den Turm zu besteigen", erinnert sich Rossi. Das Museum kam nach Bruneck. Denn Welsperg, sagt Rossi, soll kein Museum sein. Was die Besucher hier sehen können, führt in Mittelalter und Renaissance-Zeiten zurück.

Porträts der Welsperger, die sich wie die Habsburger durch eine geschickte Heiratspolitik auszeichneten, die Brotkammer, die Milchkammer und die Johanniskapelle – Rossi führt mit spürbarer Leidenschaft durch die Jahrhunderte. Heute finden hier Konzerte, Ausstellungen, Vorträge und Theater statt.
"Ein Dorf mit Schloss ist reicher"
"Der Weg durchs Tal war immer interessant", sagt Rossi beim Abschied noch über das Gsiesertal. Er ging über die Jöcher, entlang des Handelswegs nach Lienz in Osttirol. Und das Dorf? "Ein Dorf mit Schloss ist reicher als ein Dorf ohne Schloss", lächelt sie.
Aber essen muss der Mensch schließlich auch. Eine Spezialität Südtirols ist das Breatl. Bei Angelika Tempele gehören Roggen- und Weizenmehl, Salz, Fenchel, Koriander, Brotklee und Sauerteig hinein. Bei Stachabroat in Taisten, ein kleines Stück taleinwärts, hat sich die Familie Tempele neben Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen auch dem traditionellen, selbst gebackenen Brot verschrieben.

Die Mischungen kann man nicht nur im Hofladen kaufen, sondern Stachabroat verschickt auch – und sie bieten Backkurse an. Seit Corona sei das Interesse am Brotbacken gewachsen, erzählt Angelika, als wir sie in der kleinen Backstube mit selbst gebautem Ofen besuchen. "Vor allem bei den Männern!" Die sind die Mehrheit in Angelikas Kursen, "fragen viel mehr und sind interessierter" (https://stachabroat.com/?srsltid=AU7gw4XZ7IxwqSUQRHtN9L52_BPYAWK9qxjefhcASPLd68fE6Wa1w4Ic).

An diesem Spätsommertag ist es schon am Vormittag recht warm. Angelika hat einen Breatl-Teig vorbereitet, der wird nun geformt – vorher die Hände ganz mit Mehl bestäuben! – und kommt erst mal zum Gehen auf ein altes Leinentuch von Angelikas Mutter. Etwas Kleie hat sie draufgestreut, so gehört sich das bei den Bauernbroten.
Ab in den Ofen, der vorher mit dem Besen aus Zirbenholz ausgefegt worden ist. "So macht man es im Pustertal" – das Gsiesertal gehört zu dieser Region. Nebenbei gibt die Hausherrin Tipps: Für Pinsa und Focaccia etwa sollte man Mineralwasser nehmen, "das macht den Teig fluffiger".

Mit der Ernte ist die Familie heuer sehr zufrieden. Auch wenn sie immer früher beginnt. Einst von September bis Oktober, jetzt Mitte August. Als das Brot fertig ist, schneiden wir es, Angelika bringt Speck und Salami dazu. Fertig ist die Marende, die Südtiroler Brotzeit. Mehr braucht es nicht zum Runterkommen – gut essen und ins Tal schauen.

Wie kommt's, dass hier alles so anders läuft als an anderen Südtiroler Orten? "Wir liegen etwas abseits der großen Besucherströme – und genau das ist unser Mehrwert", sagt Claudia Reier vom Tourismusverein Gsiesertal-Welsberg-Taisten. Eine einzelne Sehenswürdigkeit, auf die sich alles konzentriert, gebe es hier nicht: "Bei uns ist vielmehr die Landschaft als Ganzes das Erlebnis."
Keine überfüllten Hotspots
Zu den nicht weit entfernten Drei Zinnen werden ausschließlich geführte, mehrstündige Wanderungen mit professionellen Bergführern angeboten, sagt Reier der AZ bei einem Gespräch im Gsieser Ortsteil Pichl. Von starkem Tagestourismus und überfüllten Hotspots sei das Tal bislang kaum betroffen.
Was es dafür bietet: "hervorragend präparierte Langlaufloipen, urige Almhütten und viel Raum für Bewegung in der Natur – ohne große Gondelanlagen oder riesige Skihütten".
Und: Überraschend viel gute und auch gehobene Küche, für das Restaurant Durnwald etwa gibt es eine Michelin-Empfehlung.

Die Region setzt zudem auf Nachhaltigkeit, hat ein entsprechendes Label des Landes Südtirol erhalten. Brunnen liefern dem Wanderer Trinkwasser, Hotels setzen auf Produkte aus der Region. Der Blasla Hof etwa bietet ein ganzes eigenes "klimapositives" Dörfchen aus leim- und metallfreien Barfußwohnungen aus Gsieser Holz, "mondgeschlagen". Drinnen warten Heunackenkissen, draußen kann man sich auf der Sonnenliege lümmeln. Und auch nachts gibt es im Gsiesertal was zu sehen: die Milchstraße nämlich und Myriaden von Sternen. Ein bisserl mehr als in München.

Die touristischen Betriebe wünschen sich vor allem eine noch ausgewogenere Verteilung der Gäste über das gesamte Jahr, erzählt Claudia Reier. Denn alle vier Jahreszeiten hätten in Gsiesertal-Welsberg-Taisten ihren ganz eigenen Reiz und böten vielfältige Möglichkeiten, die Region zu erleben. Im kommenden Jahr soll eine neue Fahrradroute mit geringer Steigung durch das gesamte Tal führen, zudem ist ein neuer Winterwanderweg geplant. Einige Almhütten haben auch über die klassische Sommersaison hinaus geöffnet.
"Der Herbst ist eine wunderschöne Zeit"
Aufgrund der Höhenlage herrschten im Sommer häufig angenehmere Bedingungen für Unternehmungen im Freien. Davon profitierten Gäste aller Altersgruppen – Familien mit Kindern ebenso wie ältere Gäste und sportlich aktive Menschen. Auch im Winter bringe die Lage vergleichsweise gute Voraussetzungen für Schnee mit sich. "Der Herbst ist eine wunderschöne Zeit: Die Luft ist klar, das Licht wärmer und sanfter."
Kultur und Brauchtum seien im Tal fest im Alltag verankert und würden über Generationen hinweg gelebt. Im Herbst zeigten dies unter anderem die Almabtriebe: Den Anfang macht Pichl, anschließend folgt in St. Martin das "Gsiesa Marschtl", ein kleiner Markt im Dorfzentrum mit anschließendem Almabtrieb, bevor die Reihe in St. Magdalena ihren Abschluss findet.
Später folgen die Krampusläufe, im Januar der Knödelmarathon und im Februar der für die Region besonders bedeutende Gsiesertal-Lauf. "Es ist ein bodenständiger, gewachsener Tourismus, der eng mit dem Leben im Tal verbunden ist", sagt Reier.

"Es ist ein entspanntes Tal", findet auch Alois Untersteiner, und der muss es wissen, er stammt von hier, sein Hof steht in St. Martin. "Ein intaktes Dorfleben" gebe es im Tal. Ziehen die Jungen nicht weg wie so oft am Land? "Nein, die finden schon Arbeit", sagt der Wanderleiter. In der Landwirtschaft, im Tourismus, im Handwerk, auf dem Bau etwa, als Zimmerleute. Aber Alois sagt auch: "Es darf nicht mehr mehr werden."

Bei einer Wanderung auf der Via Lucis, Südtirols erstem Meditationsweg, kommen wir am Pidigbach vorbei. Die Via Lucis soll entsprechend den 14 Stationen des Kreuzwegs 14 Stationen des österlichen Lichtweges zeigen, vom Ostermorgen bis Pfingsten. Auch hier wurde das touristische Angebot mit dem heimischen Alltag verknüpft: Jahrgangsbäume für die Gsieser Kinder stehen neben den künstlerisch gestalteten Stelen. Hoffnung und Kraft sollen die Stationen spenden, "in Zeiten zunehmenden Werteverfalls" und "großen Priestermangels", heißt es im Begleitbüchlein.

War es früher besser? Noch vor einigen Jahrzehnten war Südtirol schließlich eine arme Region. "Die Kindheit war glücklicher", meint Alois. "Harz war unser Kaugummi", sagt er mit einem Lachen. "Wir haben Bauernhof gespielt mit Rinde und Tannenzapfen, das waren die Kühe". Brot wurde einmal im Jahr gebacken. "Ja, das war hartes Brot, aber es hat geschmeckt. Wie Schüttelbrot, nur dicker. Da brauchte man nicht mehr Zähneputzen."
Alles, was man zum Leben braucht, wurde selbst produziert. "Und heute gibt's das in Hotels." Authentizität ist offenbar gefragt – im Tal und darüber hinaus.